[echo] bitte bayreuth statt beirut

cornelia sollfrank cornelia at snafu.de
Tue Aug 1 12:05:26 CEST 2006


taz kolume 28.7.2006

bitte bayreuth statt beirut

WIGLAF DROSTE

Deutschland hat wieder Bayreuth, mit der jährlich wiederkehrenden 
Krankheit Wagner. Dabei handelt es sich nicht um Franz Josef Wagner, 
den in feuchter Unterhose schreibenden Bild-Kolumnisten, der am 24. 
Juli im Feuilleton der taz ein Konzert der Rolling Stones besprach und 
sich dabei als "Street Fighting Man" und "Gossen-Goethe" die Hände und 
andere Körperteile rieb. Nein, es geht noch ein paar Nummern drunter: 
Richard Wagner heißt der Held der gehobenen Gamsbartdeutschen. Wagner 
war die Krönung der deutschen Romantik. Anders gesagt: Wagner 
komponierte wie ein in den Wald scheißender Aasvogel. Weil es davon so 
viele gibt in Deutschland, ist er noch immer beliebt.

Es wäre nicht fair, Wagner vorzuwerfen, dass Hitler für seine Musik 
etwas empfand, das dieser liebesferne Psychopath wohl für Liebe hielt. 
Aber es passt schon - Wagner ist führerkompatibel, viele seiner 
hochdramatischen Musiken lieferten die Tonspur für die Inszenierung 
eitler, hochfahrender Selbstbesoffenheit und 
minderwertigkeitskomplexgesättigten GröFaZ-Gebrülls. Die deutsche 
Romantik - man muss das immer mal wieder sagen - hat nichts mit 
privaten, zarten und romantisch genannten Gefühlen zu tun. Die deutsche 
Romantik ist ihrem Wesen nach rückwärtsgerichtet und unweigerlich 
aggressiv.

Besonders eindrucksvoll ist das zu sehen in den Gesichtern der 
Bayreuther Wagner-Festspiel-Besucher. Es ist ein prächtiger 
Arschgeigenreigen, der sich jährlich in Bayreuth aufmandelt und 
aufmaschelt: Autohausbesitzer, die in Kultur machen, Damen wie Mutti 
Roth, Muschi Stoiber oder die Gewaltaprikose Angela Merkel, und 
obendrauf reicht man die dazu passenden Künstlerhalunken. Die Wirkung 
von Wagners Musik ist schon unangenehm genug, aber das Volk, das da 
hinlatscht und sich abfeiert, geht gar nicht.

Doch niemand erbarmt sich, niemand hat ein Bömbchen für Bayreuth übrig. 
Deshalb möchte ich die israelische Armee, von deren Effizienz man sich 
derzeit überzeugen kann, um folgenden Gefallen bitten: "Sehr geehrte 
Damen und Herren, ich erlaube mir, Ihre Aufmerksamkeit auf einen 
Sachverhalt zu lenken, der Sie unmittelbar angeht. Das Bombardement der 
Stadt Beirut scheint mir ein tragisches Versehen und Missverständnis zu 
sein. Ziel Ihrer Angriffe sollte vielmehr die namensähnliche deutsche 
Kleinstadt Bayreuth sein. Ich bitte Sie: Verschonen Sie eine 
internationale Kulturstadt. Machen Sie stattdessen sinnvoller ein 
deutsches Kaff platt, einen Kuhdunghaufen, aus dem turnusmäßig 
Größenwahnfried quillt. Die Feinde Israels befinden sich nicht nur in 
Ihrer geografischen Nähe. Der Antisemitismus blüht auch in Deutschland, 
und er ist immer virulent, wo Wagner bramarbasiert wird. Machen Sie aus 
der Schäferhundebesitzerkulturhochburg Bayreuth das, was diese ihrem 
Wesen nach ohnehin ist: ein geistloses Erdloch. Verschonen Sie aber 
bitte unbedingt das Jean-Paul-Museum, denn der Schriftsteller Jean Paul 
war und ist ein Lichtblick der Zartheit im bayreuthdeutschen Dröhnen. 
Herzlichen Dank im Voraus."

Wenn selbst das nicht hilft, fällt mir auch nichts mehr ein zur Rettung 
der Welt und zum Segen der Menschheit.

28.7.2006 taz Die Wahrheit 105 Zeilen, WIGLAF DROSTE S. 20
Kolumne



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