[echo] Rechtschreibreform: Heute ist es endgültig vollbracht
cornelia sollfrank
cornelia at snafu.de
Tue Aug 1 12:09:05 CEST 2006
Abendbaltt, 01.08.2006
Zur Gams gehört jetzt eine Gämse
Rechtschreibreform: Heute ist es endgültig vollbracht. Seit Jahren hat
die Rechtschreibreform für Ärger und Verwirrung gesorgt. Heute tritt
sie in Kraft - mit den Änderungen, die die Kultusminister beschlossen
haben.
Von heute an folgt auch das Hamburger Abendblatt der modifiziert
reformierten Rechtschreibung, wie sie an den Hamburger Schulen
verbindlich ist. Da die Reformer insgesamt nur 0,5 Prozent des
deutschen Wortschatzes angefasst haben, wird sich das Erscheinungsbild
der Abendblatt-Texte nur in einer überschaubaren Anzahl von Fällen
ändern. Wir zeigen Ihnen hier in einer Auswahl, was sich geändert hat.
Nach kurzem Vokal folgt Doppel-s statt ß
Während bei einem langen Vokal oder Umlaut wie in Straße, Maß, fließen,
groß, Größe, Muße oder Grüße und auch bei Doppelvokalen - z. B. bei
außerdem, äußern, heißen, Preußen - das ß erhalten bleibt, wird nach
einem kurzen Vokal oder Umlaut ab jetzt ss geschrieben: Es heißt also
Anlass, messbar, bisschen, beschloss, bewusst, Sprössling, küsste und
genüsslich. Ein neues -ss ist dazugekommen: Kartenspieler müssen statt
As nun Ass schreiben.
Nur etwa 40 Einzelwörter werden anders geschrieben als bisher
Die Zahl der Wörter, die im Zuge der Wortstamm-Angleichung anders
geschrieben werden als bisher, hält sich in engen Grenzen: Beispiele
dafür sind Bändel, belämmert, verbläuen, Gämse, Gräuel, Stängel,
Tollpatsch, nummerieren, Stopp, Tipp, frittieren, Rohheit, Känguru,
platzieren, rau, Trommelschlägel und Zierrat.
Es gibt in der neuen Schreibweise einige Wörter, für die zwei richtige
Schreibweisen zugelassen sind - das Abendblatt wird immer nur eine von
beiden verwenden; es schreibt also aufwendig, Schenke, selbstständig,
Albtraum, Friseur.
Ladys, Ultima Ratio, Delfine - das ändert sich bei Fremdwörtern
Der Plural von englischen Wörtern wird, sobald sie Fremdwörter in der
deutschen Sprache sind, jetzt einheitlich nicht mit -ies gebildet,
sondern schlicht mit -ys. Wir haben also Babys und Hobbys und jetzt
auch Ladys. Substantive in mehrteiligen Fremdwort-Fügungen wie die
Ultima Ratio oder das Fin de Siècle werden großgeschrieben - wenn die
Fügung als Ganzes als Substantiv benutzt wird (aber: Status quo).
Fremdwörter, die auf -tial, -tiar, -tiat oder -tiell enden, werden mit
z geschrieben, wenn es verwandte Wörter mit z gibt. Künftig schreiben
wir Potenzial, Justiziar, substanziell.
Das ph wird in Fremdwörtern mit -phon-, -phot- oder -graph- zu f. Im
Gesetzbuch stehen also jetzt Paragrafen, und in der Jazzband spielt ein
Saxofon. Ausnahmen gibt es hier nur in fachsprachlichen Zusammenhängen
oder wenn Phon- am Wortanfang steht: z. B. bei Phonologie und Phonetik.
Und dann gibt es noch Einzelfälle, denen die Reform ein f statt des
alten ph spendiert hat: Delfin und Fantasie.
Zusammensetzungen aus Fremdwörtern werden entweder zusammengeschrieben
- wie Feedback, Layout oder Shoppingcenter - oder mit Bindestrich (bei
Zusammensetzungen aus Substantiven oder substantivierten Partizipien):
Fulltime-Job, Dream-Team. Ist der erste Teil ein Adjektiv, können beide
Teile auch getrennt geschrieben werden: Hard Disk, Black Box. Ist der
zweite Teil ein Partikel, schreibt man meistens Bindestrich: Sit-in,
Know-how.
sitzen bleiben, Rad fahren, klein schneiden schreibt man getrennt
Die Getrennt- und Zusammenschreibung war einer der großen Streitpunkte
der Reform und der Reform der Reform. Im Abendblatt wird das künftig
nach folgenden Leitlinien gehandhabt:
Verb und Verb werden auseinandergeschrieben. Es heißt spazieren gehen
und sitzen bleiben. Nur eine Ausnahme darf sein: Man kann sich auch
(zusammengeschrieben) kennenlernen.
Substantiv und Verb werden getrennt geschrieben - also Rad fahren, Auto
fahren, Maschine schreiben, aber eislaufen und brustschwimmen.
Adjektiv und Verb (in ursprünglicher Bedeutung oder wenn das Adjektiv
das Resultat der Tätigkeit beschreibt) werden getrennt geschrieben:
auswendig lernen, etwas fertig machen, klein schneiden.
Getrennt werden auch Verbindungen mit "viel" und "wenig": wie viel, zu
viel, so viel, zu wenig. Genauso ergeht es Verbindungen mit "allzu",
"ebenso" und "genauso": allzu oft, ebenso sehr, genauso gut.
Getrennt werden außerdem Verbindungen mit Mal: jedes Mal, zum ersten
Mal.
leidtun, hierbleiben, irgendetwas, infrage, sodass gehören zusammen
Verbindungen aus Substantiv und Verb schreibt man zusammen, wenn das
Verb verblasst ist: leidtun, stattfinden, maßhalten, preisgeben.
Ebenso halten wir es mit Verbindungen aus Adjektiv und Verb, wenn
daraus eine neue Gesamtbedeutung entsteht: krankschreiben,
schwerfallen, freisprechen, jemanden fertigmachen.
Zusammen gehören auch Verbpartikel und Verb, wenn der erste Teil betont
wird oder nicht selbstständig vorkommt: auseinandersetzen, hierbleiben,
überhandnehmen. Zusammen wird auch geschrieben, wenn die Verbindung als
Ganzes gesteigert wird: ein gerade frisch gebackener Ehemann.
Zusammengeschrieben wird jetzt auch jede Verbindung mit "irgend-", also
irgendein, irgendetwas, irgendjemand.
Wochentage mit Zeitangaben schreibt man ebenfalls zusammen:
Mittwochabend, sonntagmorgens. Die frühere Unterscheidung zwischen
einem bestimmten Mittwoch und jedem Mittwoch entfällt.
Bei festen Verbindungen aus Präposition und Substantiv heißt es
infrage, vonseiten, zugrunde, mithilfe, aber zu Hause.
Dazu kommen noch etliche Einzelfälle der Zusammenschreibung wie sodass,
sogenannt, stattdessen, umso und zurzeit (im Sinne von "derzeit,
jetzt").
Metall verarbeitend und gewinnbringend - das muss man lernen
In einigen Fällen schreibt man Substantiv und erstes Partizip zusammen:
So heißt es gewinnbringend, kostendeckend und aufsehenerregend. In
anderen Fällen wird getrennt, etwa bei Metall verarbeitend und Erdöl
exportierend.
Auch bei Adjektiv oder Adverb und Partizip sind die Grenzen fließend:
Wir schreiben alleinerziehend, allgemeinbildend, vielsagend und
hochbegegabt, daneben aber auch, weil steigerbar, hoch entwickelt und
hoch dotiert.
Bei einigen Fällen richtet sich die Schreibweise nach Betonung und
Sinnzusammenhang: So geht neben wiedersehen auch wieder sehen, neben
zusammenarbeiten auch zusammen arbeiten.
Der Bindestrich zwischen Ziffern und Buchstaben
Verbindungen von Ziffern und Buchstaben schreibt man mit Bindestrich:
Richtig ist 24-jährig, 20-mal, 100-prozentig, 20-fach. Bei
substantivischem Gebrauch wird nach dem Bindestrich großgeschrieben:
der 24-Jährige.
Ausnahmen von dieser Regel werden für Nachsilben gemacht: 20er, 20stel,
20%ig, aber die 20er-Jahre.
Das Beste ist, man schreibt im Wesentlichen groß
Großgeschrieben werden Adjektive, Substantive und Partizipien mit
Artikel oder Präposition bei substantivischem Gebrauch: im Allgemeinen,
das Beste, im Klaren sein, im Großen und Ganzen.
Großschreibung gilt auch für gebeugte Adjektive mit Präposition ohne
Artikel - bis auf Weiteres, seit Längerem - sowie für Substantive in
Verbindung mit Verben oder Präpositionen - also in Bezug auf, sich in
Acht nehmen.
Groß schreibt man Tageszeitangaben nach gestern, heute und morgen:
gestern Abend, heute Nachmittag. Groß auch substantivierte
Ordnungszahlen wie jeder Zweite, als Erstes.
Groß gehören Sprach- und Farbbezeichnungen bei substantivischem
Gebrauch: auf/in Englisch, bei Rot. Und zuletzt noch Adjektive in
Eigennamen, Titeln, besonderen Kalenderangaben sowie bei historischen
Ereignissen: Karl der Große, der Zweite Bürgermeister, der Heilige
Abend, die Goldenen Zwanziger.
Das wenige, recht haben und der rote Faden werden kleingeschrieben
"Viel, wenig, der/die/das eine, der/die/das andere" in allen Formen,
auch mit Artikel, werden kleingeschrieben: das wenige, die meisten, ein
anderer. Verbindung mit "sein" führen stets zur Kleinschreibung: bange
sein, pleite sein, schuld sein, ebenso es ist ihm recht wie auch recht
haben.
Von Personennamen abgeleitete Adjektive schreibt man nun klein: die
merkelschen Reformansätze. Und letztlich gibt es feste Fügungen aus
Adjektiv und Substantiv, bei denen das Adjektiv kleingeschrieben wird:
Das ergeht dem neuen Jahr so wie auch dem roten Faden.
Schifffahrt: Drei gleiche Buchstaben - und keiner fällt mehr weg
Treffen in Zusammensetzungen drei gleiche Buchstaben aufeinander,
bleiben jetzt grundsätzlich alle erhalten: Aus "Schiff" und "Fahrt"
wird Schifffahrt, aus "Ballett" und "Tänzer" wird Balletttänzer wie
bisher schon bei Sauerstoffflasche.
Der besseren Lesbarkeit wegen wollen wir bei drei aufeinanderfolgenden
Vokalen jedoch einen Bindestrich setzen: Tee-Ei, Kaffee-Ernte,
Hawaii-Inseln.
hjf, mj
erschienen am 1. August 2006
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