[echo] Sigridur Jóhannsdóttir zu Gast in Hamburg

cornelia sollfrank cornelia at snafu.de
Thu Aug 3 10:19:22 CEST 2006


taz, 03.08.2006

Gestachelt durch Venedigs Gassen

"Das Schneehuhn ist mein Lieblingstier": Die isländische Künstlerin 
Sigridur Dóra Jóhannsdóttir liebt die Farbe Weiß und störende 
Performances und wirkt bei Gericht als atmosphärische Seismographin. 
Manchmal fegt sie auch den Markusplatz. Derzeit ist sie in Hamburg zu 
Gast

von PETRA SCHELLEN

Ihre Lieblingsfarbe ist weiß. Weiß in allen Schattierungen, und die 
sind ja durchaus zahlreich. Und da ist es letztlich vielleicht nicht 
überraschend, dass das Lieblingstier von Sigridur Dóra Jóhannsdóttirs 
das Schneehuhn ist, ist sie doch in Island aufgewachsen. Und hat die 
meiste Zeit ihres Lebens - abgesehen von sechs Hamburger Jahren in den 
1980ern - in karger Landschaft verbracht.

Von Juni bis Oktober ist das Land oft schneebedeckt. Doch das stört die 
Künstlerin, die derzeit für zwei Monate das Gastatelier des Hamburger 
Künstlerhauses Frise bewohnt, nicht. Und dass der Blick hier an der 
Elbe frei in die Ferne schweifen kann, mag sie schon gar nicht 
bestätigen: "Viel zu viele Bäume", sagt sie spontan. Bei ihrem ersten 
Aufenthalt habe sie sich richtig eingeklemmt gefühlt, wie in einem 
finsteren Wald. "Das empfindet man einfach so, wenn man aus einem Land 
kommt, in dem der Horizont unendlich ist."

Obwohl Island - abgesehen von der weitgehend fehlenden Vegetation - so 
farbarm nun auch wieder nicht ist. Nur die Farbe Grün gibt es fast gar 
nicht. Und da hat sich Sigridur Jóhannsdóttir wohl gedacht, dass man 
auf den Rest des Spektrums auch gleich verzichten könnte. Denn: "Weiß 
ist die Quelle aller Farben." Ihre Verdichtung, ihr Anfang und ihr 
Ende. Im Weiß sind alle anderen Farben enthalten - als Entwurf 
sozusagen. "Da ist noch alles möglich", sagt die Künstlerin, die schon 
während ihres Studiums in Reykjavik konsequent weiße Installationen 
erschuf: Schrankartige Aufbauten, mit einer entfärbten Matte und einem 
weißen Lammherz, dem sie das Blut entzogen hatte, konstruierte sie 
damals. Und einen Teppich aus "Dirty Pages", jenen ersten Seiten jedes 
Buches, die angeblich fürs Fingerabwischen vor Beginn der hochgeistigen 
Lektüre gedacht sind.

Mit all dem fuhr sie gar nicht schlecht: Von 2004 bis 2006 setzte sie 
ihr Studium in Venedig fort, auch dort teils in Weiß auftretend, und 
immer ein bisschen irr: in einem astronautenartigen Kostüm, gespickt 
mit stacheligen Taubenzäunen, wie sie Fensterbänke und Skulpturen vor 
dem nämlichen Federvieh schützen sollen. "Ich hatte das noch nie zuvor 
gesehen und fand es absurd, dass die Renaissance-Skulpturen diese 
Stacheln auf dem Kopf trugen", erzählt sie und lacht. "Ich bin dann in 
meinem Igel-Kostüm durch die schmalsten Gassen von Venedig gelaufen." 
Kein Vergnügen für die Passanten, das gibt sie schon zu und grinst. 
"Aber manche Dinge müssen eben sein.

Wie auch ihre Reinigungs-Aktion auf dem Venezianer Markusplatz. "Ein 
paar Stunden habe ich dort gefegt, die Fundstücke zusammengetragen und 
zwei Tage lang von bewaffneten Sicherheitskräften bewachen lassen." Sie 
schätzt das Abseitige sehr, bleibt stets unberechenbar und freut sich, 
dass ihr Hamburg noch aus der Vergangenheit vertraut ist. "Es ist 
schön: Man kennt alle Orte, auch ein paar Menschen, es ist ein bisschen 
wie Heimat." Nun ja, ein bisschen größer als ihre eigene Heimat schon: 
In Akureyri, der viertgrößten Stadt Islands ist sie aufgewachsen. 
16.000 Einwohner zählt der Ort. Nicht sehr viel, oder? "Ach, das ist 
eine Frage der Gewohnheit." Jóhannsdóttir lächelt milde.

Sie lässt sich nicht beeindrucken durch die Klischees des 
Kontinentaleuropäers und spricht unvermittelt von der großen Hitze, die 
Reykjavik in den nächsten Tagen heimsuchen werde. "Denkt euch, 20 
Grad!" Was sie gerade in Hamburg tut? Zum Gericht geht sie da, wie sie 
es schon in Venedig getan hat. Als stille Zuhörerin hat sie sich dort 
in Verhandlungen gesetzt und Rhythmus und Sprachmelodie in 
seismographischen Kürzeln mitgeschrieben.

Herausgekommen sind steno-artige Kurven, mal geschwungen, mal spitzig, 
mal dichtgedrängt, mal großzügig platziert. Wofür die einzelnen Kürzel 
stehen? "Das muss jeder selbst herausfinden", sagt Jóhannsdóttir - und 
gibt gern zu, dass auch sie die Zeichen nach der Niederschrift nicht 
mehr deuten kann. Wobei das mit Rhythmus und Sprachmelodie in Italien 
einfacher war: Sie beherrschte die Sprache nicht und konnte sich ganz 
auf die musikalische Wahrnehmung konzentrieren. Im deutschen 
Gerichtssaal versteht sie nun alles, und das macht die Übertragung in 
abstrakte Zeichen schwer - insbesondere dann, wenn sie in Mord- oder 
Vergewaltigerprozessen sitzt und die Opfer erzählen. "Das ist dann 
schon hart." Warum sie sich das antut? "Ich möchte mich dem jetzt 
aussetzen. Und mehr als zwei, drei Stunden täglich sitze ich da ja auch 
nicht."

Die Prozesse sucht sie zufällig aus, schont sich nicht und hat schon 
eine beträchtliche Anzahl "Matten", wie sie ihre Skizzenblätter nennt, 
zusammengetragen. Dokumente der anderen Art, die sie zu großen 
Wandbehängen zusammenfügen wird. Und wer weiß: Vielleicht ist Schrift 
nicht weniger kryptisch als dokumentarische Zeichnungen, vielleicht 
geben ihre Kurven Atmosphärisches auf eine Art wieder, die nur 
begreifen kann, wer hochsensibel ist? Aber das ist auch egal: Die Dinge 
mit wahlweise ästhetischem oder dokumentarischem Blick zu betrachten, 
steht jedem frei. Und wann Sigridur Jóhannsdóttir genug davon 
vollgeschrieben haben wird, das weiß sie nicht.

Was sie anlässlich der Ausstellungseröffnung im Künstlerhaus Frise 
performen wird, weiß sie dagegen sehr wohl. Aber sie verrät es nicht. 
Überraschung muss sein, findet sie. Ein Weißraum für alle Möglichkeiten 
eben.

Die Ausstellung "Wie sehen Sie ihre Zukunft" mit Werken von Sigridur 
Dóra Jóhannsdóttir wird am 18. 8. im Hamburger Künstlerhaus Frise 
eröffnet

taz Nord vom 3.8.2006, S. 23, 187 Z. (Kommentar), PETRA SCHELLEN


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