[echo] "Innenausstattung": Esszimmer wird zum Ausstellungsraum
cornelia sollfrank
cornelia at snafu.de
Fri Aug 4 10:41:53 CEST 2006
taz, 04.08.2006
Mit dem Hammer auf den Spiegel hauen
Wenn der Politkünstler sein Riesenbanner auf 16 Quadratmeter quetschen
muss: Ein ganz normales Esszimmer bespielen zwei Hamburger Kuratorinnen
in ihrem Projekt "Innenausstattung" mit Installationen, die zwischen
Öffentlichkeit und Privatheit changieren
Die Idee ist nicht gänzlich neu, das konkrete Konzept aber durchaus:
Als Umkehrung des Schlachtrufs "Das Private ist öffentlich!" verstehen
die Hamburger Kuratorinnen Janneke de Vries und Kerstin Stakemeier ihr
im Juni begonnenes Projekt "Innenausstattung". Es verortet sich
zwischen White Cube und Privatwohnung und soll prüfen, wie weit
Privaträume zur Produktions- und Präsentationsstätte von Kunst werden
können.
Ihr Esszimmer hat de Vries, ab September Leiterin des Braunschweiger
Kunstvereins, für das Projekt zur Verfügung gestellt und gleich mit der
Auflösung der Grenzen begonnen. Denn ihren Esstisch hat sie nicht aus
dem Zimmer entfernt - ein Möbelstück, mit dem sich die Künstler, die
den Raum in vier Sequenzen bespielen, auseinandersetzen müssen. Auch
die zartblauen Wände hat sie nicht geweißt. Keinesfalls soll das Zimmer
dem White Cube der klassischen Ausstellungssituation gleichen.
Auch zeitlich verfließen die Grenzen zwischen Privatem und
Öffentlichem. Denn die Ausstellung ist nur zu bestimmten Zeiten zu
besichtigen. Welchen Status hat der Raum während der Zwischenphasen?
Ein Atelier ist es nicht, ein Esszimmer ist es nicht, auch kein
Provisorium. Ein Kunstraum in Warteposition, Nachhall des Vergangenen
und Ahnung des Kommenden vielleicht. Und ein Zimmer, das - etwa durch
die Anwesenheit persönlicher Gäste - jederzeit wieder privat werden
kann.
Ein Thema, mit dem sich auch die eingeladenen Künstler beschäftigen. Am
augenfälligsten tut dies die Textilkünstlerin Ruth May, die eine
traditionell in Privaträumen geübte Tätigkeit - das Besticken von
Stoffen - öffentlich macht und mit kunsthistorischer Tradition
verknüpft: Ein Barockporträt Ludwig XIV. hat sie für "Innenausstattung"
auf bunten Stoff gestickt. Während der Öffnungszeiten hängt das Banner
vom Balkon der Wohnung. Und die Kommunikation mit der Öffentlichkeit
funktioniert - jüngst erst sind Nachbarn "offiziell" vorbeigekommen, um
zu schauen, was sich dort tut.
Verbissen oder voyeuristisch sind die Installationen indes nicht: Drei
Videoarbeiten zieren derzeit das Esszimmer, Fenster zu fremder
Privatheit. Sie lassen den Porträtierten stets ihre Würde. Die Schwedin
Annika Ström etwa hat ihre selbstvergessen durch die Wohnung tanzende
Mutter gefilmt. Der Berliner Peter Wächtler hat seinen Onkel, einen im
Mittelmaß zufriedenen Selbstständigen, zwei Tage lang begleitet. Und
der polnische Künstler Cezary Bodzianowski zeigt ein Video, auf dem er
in seiner Wohnung belanglosen Trödel zum Verkauf auf der "Art Basel"
zusammensucht. Einschließlich eines Spiegels, den er auch mit dem
Hammer nicht zertrümmern kann.
Auf Spiegelungen und Brechungen von Privatheit zielt das Konzept der
Schau. Doch der Horizont reicht weiter: Als dokumentarische Verdichtung
ehemals öffentlicher Kunst versteht sich die Mitte August beginnende
Etappe, die sich dem New Yorker Politkünstler Gregory Sholette widmet.
Ausschließlich im öffentlichen Raum hat er bislang gewirkt. Er ist
Mitglied zweier politisch-künstlerischer Vereinigungen, die unliebsame
historische Tatsachen ausfindig machen und unter anderem den ehemaligen
New Yorker Sklavenmarkt kenntlich machten.
Banner, Poster und Texte sind von solchen Aktionen geblieben. Einige
von ihnen werden ab Mitte August die de Vries'sche Wohnung zieren. Eine
fast gewaltsame Rücknahme des Öffentlichen ins Private - wobei der
Künstler selbst keineswegs als Privatier präsentiert wird. Als
künstlerischer Produzent wird er vielmehr zutage treten in einem Raum,
der 16 Quadratmeter misst und das Absurde sinnlich macht: im Versuch,
Öffentliches ins Private zurückzuziehen und eventuell daran zu
scheitern.
Der Privatraum als Gruft des Öffentlichen? Als temporäres Vakuum? Oder
als Archiv, in dem sich Freiluft-Gegenstände vergangener
Politkunst-Aktionen nicht recht wohl fühlen? Der Besucher wird es
selber spüren.
Petra Schellen
www.innenausstattung-hh.de
taz Nord vom 4.8.2006, S. 23, 143 Z. (Kommentar), Petra Schellen
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