[echo] Kunst als Weltkreativgemeinschaft des Wirtschaftslebens

Schelske Andreas a.schelske at 4communication.de
Sat Aug 5 14:39:48 CEST 2006


Betreff: Kunst als Weltkreativgemeinschaft des Wirtschaftslebens


Ausweitung der Freiheitszone
Der französische Sozialwissenschaftler Pierre-Michel Menger analysiert, wie
der Künstler zu einer modellhaften Figur des Wirtschaftslebens geworden ist
VON ROBERT MISIK

Es ist nicht so lange her, da galt der Künstler als der Gegenentwurf zum
Geschäftsmann. Die Künstlerexistenz mit ihrem Hang zu Exzess, intensiven
Erlebnissen und Grenzgängertum wurde als Antithese zur kalten Rationalität
des Wirtschaftslebens verstanden, zum berechnenden Krämergeist des
Bourgeois. Der Bohemien war das Antimodell zum gewinnorientierten
Wirtschaftsbürger, der Künstler derjenige, der sich um die "Marktgängigkeit"
seines "Produktes" nicht scherte.

So gesehen ist es durchaus erstaunlich, dass der Künstler heute als Exempel
für das moderne Wirtschaftssubjekt präsentiert wird. Der Protagonist der
zeitgenössischen Managementdiskurse ist der Kreative, ganz Unternehmer
seiner selbst, der immer schon auf eigene Rechnung arbeitet. Aber nicht nur
das heutige Ideal des Wirtschaftssubjektes ist am alten Künstlerideal
modelliert, das "Kulturelle" zieht immer weitere ökonomische Kreise. Von der
"Kulturwirtschaft" ist die Rede, von den "Creative Industries", von den
"Creative Classes". Und kein Künstler kann heute vom Selbstmarketing mehr
absehen.

Da kommt das schmale Büchlein "Kunst und Brot" des französischen Soziologen
Pierre-Michel Menger gerade recht. Darin analysiert er die frappierende
Wandlung des Bildes vom rebellischen und subversiven Künstler hin zum
"schöpferischen Menschen" als einer "modellhaften Figur des neuen
Arbeitnehmers". Menger schreibt: "Durch eine gewisse innere Verwandtschaft
gelten die Künstler zusammen mit den Wissenschaftlern und den Ingenieuren
als der harte Kern einer ,kreativen Klasse' bzw. als eine fortgeschrittene
gesellschaftliche Gruppierung, als ,Experten symbolischer Kommunikation',
als eine Avantgarde zur Erneuerung des hoch qualifizierten
Beschäftigungssektors." Metaphorisch werden die zentralen Werte der
Künstlerkompetenz, zu denen Menger Fantasie, Spiel, Improvisation,
atypisches Verhalten und sogar kreative Anarchie zählt, "regelmäßig auch auf
andere Produktionsbereiche übertragen". Zudem ist die Kunst, man denke an
Tourismus, Kulturmanagement, Werbung, Kunstmessen, Popindustrie etc.,
"selbst mittlerweile ein bedeutender Wirtschaftssektor und als solcher Teil
der Ökonomie". Kurzum: Die aus dem 19. Jahrhundert ererbte Vorstellung, die
den Idealismus und die Selbstaufopferung des Künstlers gegen den
berechnenden Materialismus und die Arbeitswelt ausspielte, ist obsolet
geworden. Aber auch der konformistische und spießbürgerliche Bourgeois, der
dem originellen, provozierenden und rebellischen Künstler oft entgegenhalten
wurde, hat mittlerweile ausgedient.

Menger analysiert es mit Staunen, mit Spaß auch an der kuriosen Volte und
doch kritisch reserviert. Dabei schließt er implizit an die große Studie
über den "Neuen Geist des Kapitalismus" der beiden französischen
Sozialwissenschaftler Luc Boltanski und Ève Ciapello an. Deren These lautet
ja, dass zwei Kritiken seit je den Kapitalismus begleitet hätten. Die Kritik
an der sozialen Ungerechtigkeit - und dazu das, was sie "Künstlerkritik"
nennen. "Künstlerkritik" heißt: Kritik am Unauthentischen, am Konsumismus
und daran, dass die Beschäftigten in der Produktion wie Maschinen behandelt
würden. 

Diese Kritik ist zudem das Echo einer anderen: dass auch die Kunst zum
Konsumgut wird, die Wirtschaft die Kultur kolonisiert - kanonisiert ist
diese Kritik gleichsam im "Kulturindustrie"-Thema der Kritischen Theorie.
Letztendlich hören diese Spielarten einer ästhetischen Einrede gegen den
Kapitalismus auf den Namen "Entfremdungstheorie".

All diese Spuren der Kritik, so Boltanski und Ciapello, habe die moderne
Managementtheorie aufgenommen und sich nutzbar gemacht. Das "Neomanagement"
reagiere gerade auf die "Bedürfnisse nach Authentizität und Freiheit, die
historisch von der Künstlerkritik getragen wurden" (Boltanski/Ciapello).
Kurios formuliert: Der moderne Kapitalismus hat die Entfremdung nicht
abgeschafft - die moderne Managementtheorie hat sie gewissermaßen verboten.
Damit werden die realen Freiheitsgewinne nicht dementiert; doch freilich ist
auch eine rein affirmative Haltung fehl am Platz.

Der Preis für die neue Freiheit ist neue Unsicherheit. Nun kann man sagen:
Freiberuflertum, Flexibilität und Autonomie werden mit Unsicherheit
bestraft, weil die klassischen Sozialsysteme noch immer auf die allgemeine
Lohnarbeitsgesellschaft zugeschnitten und auf riskantere Lebensformen nicht
eingestellt sind. Man kann aber auch sagen: Die Unsicherheiten sind die
vielleicht gar nicht so unintendierten Nebenfolgen der Ausweitung der
Freiheitszone.

Pierre-Michel Menger jedenfalls fragt, ob die Aushebelung kollektiver
Sicherheitssysteme nicht gerade das Ziel der Propagierung des
Künstlerhabitus ist. Künstlertugenden wie Individualität und
Unverwechselbarkeit der Persönlichkeit vertragen sich schlecht mit
Gleichheitskulturen. Gerade die Welt von Kunst, Theater, Film, Pop ist ja
jener gesellschaftliche Bereich, in dem Erfolgs- und Gehaltsungleichheiten
nicht nur akzeptiert sind, sondern auch große Faszination ausüben und
ostentativ zur Schau gestellt werden. Es ist die Welt der Celebrities. Wie
der Sport ist auch die Kunst ein "The-winner-takes-it-all"-Markt. Soll
heißen: Es gibt ein paar Spitzenverdiener, während die meisten nahezu leer
ausgehen. Letztere sind die "Intellos précaires", wie die Franzosen sagen.
"Ich-Unternehmertum, freelancing und die sonstigen atypischen
Beschäftigungsarten sind die vorherrschenden Formen der Arbeitsorganisation
im Bereich der Kunst" (Menger), sie machen sich aber auch über deren Feld
hinaus breit. Zufall ist das nicht: Es ist im Interesse der neoliberalen
Ideologen, dass gerade solche Role-Models als besonders attraktiv gelten,
die sich mit Gleichheitskulturen schlecht, mit Ungleichheitskultur gut
vertragen. Wobei anders als in der Hochfinanz etwa in der
"Kreativwirtschaft" dem Risiko die extrem geringe Wahrscheinlichkeit
außergewöhnlicher Gewinne gegenübersteht. Zu hoffen ist eher auf
nichtmaterielle Entschädigungen - erhebliche Reputation, geringe
Arbeitsroutinen und anderes. Der Status des Kreativen ist für Pierre-Michel
Menger gewissermaßen die Karotte, mit der die Prekarität schmackhaft gemacht
wird.

Wobei, zugestanden, die Prekarität des "Bourgeois Bohemien", der auf eigene
Rechnung arbeitet und selbstbestimmt "sein Ding" macht, für wechselhaftes
Honorar und ohne Rentenversicherung, eine "Luxus-Prekarität" ist -
verglichen mit der des Leiharbeiters oder der Regalschichterin mit
befristetem Vertrag. Wenn der "Bourgeois Bohemien" zur neuen Leitfigur des
Wirtschaftslebens wird, dann ist das auch eine Verallgemeinerung des
Lebenskünstlertums. Zum Prinzip der Ökonomie erhoben zeigt es freilich
bisweilen seine Schattenseite. Dann ist die Kunst der Stunde - die
Überlebenskunst.


Pierre-Michel Menger: "Kunst und Brot. Die Metamorphosen des Arbeitnehmers".
UVK-Verlag, Konstanz 2006, 97 Seiten, 15,40 Euro

taz Nr. 8040 vom 5.8.2006, Seite 20, 231 Kommentar VON ROBERT MISIK,
Rezension

 





More information about the echo mailing list