[echo] Furcht schweißt zusammen
cornelia sollfrank
cornelia at snafu.de
Wed Aug 9 13:24:32 CEST 2006
taz, 09.08.2006
Katastrophisch
Furcht schweißt zusammen: Die Weimarer ACC-Galerie und die Stiftung
Federkiel zeigen in der Baumwollspinnerei Leipzig "Kultur der Angst"
VON SUSANNE ALTMANN
Während in London der U-Bahnanschläge vom letzten Sommer gedacht wurde
und in Bombay Sprengsätze explodierten, eröffnete im beschaulichen
Leipzig eine Ausstellung zur allgegenwärtigen "Kultur der Angst". Das
Thema gesellschaftlicher Verängstigung liegt zu Beginn des 21.
Jahrhunderts offen zu Tage. Und nachdem es vom Kommerz gewinnträchtig,
von der Psychologie mittlerweile offensiv und von der Politik gern
instrumental behandelt wird, hat es nun auch die bildenden Künste
erreicht. Das hat nicht allein mit der Angst vor dem Terror zu tun,
sondern auch mit einer kollektiven Mentalität der Furcht. Zwar deuten
engagierte KünstlerInnen nicht erst seit dem 11. September 2001 oder
seit Michael Moores "Bowling for Columbine" diese Zeichen der Zeit,
doch ist es das Verdienst dieser Ausstellung, in der Szenerie der
Beklemmung einen Rundumschlag zu wagen.
Dass die Bilder dabei schon mal plakativ ausfallen, liegt in der Natur
der Sache. So trifft man beim Betreten der 4.000 Quadratmeter großen
Halle 14 auf dem Gelände der Plagwitzer Baumwollspinnerei zunächst
einmal auf die Panzersperre des Niederländers Lucas Lenglet. Derart
filigran freilich und instabil, wie das Metallgerüst über dem Boden
balanciert, führt es sich selbst ad absurdum.
Nicht ohne finsteren Humor beschäftigt sich Austin Shull aus New York
mit der Kommerzialisierung der Angst und den entsprechenden Produkten,
deren oft nur vermeintliche Alltagstauglichkeit er mit seinen "Pandemic
Survival Kits" gehörig aufs Korn nimmt. Sie antworten auf die
Vogelgrippe-Paranoia mit einem praktischen Schutzpäckchen, das außer
der ent- und ansprechenden Katastrophenschutzästhetik wenig praktischen
Nutzen aufweist. Ähnliche Sets in Multiple-Ästhetik mit variablem
Pseudo-Serviceangebot kursieren freilich schon seit den 1990er-Jahren
im Kunstbetrieb und so wirkt das "Pandemic Survival Kit" wenig
originell.
Im gleichen Geiste, wenn auch weit reflektierter und unterhaltsamer,
gibt sich der Beitrag der "Yes Men". Die Netzkunst- und
Aktivistengruppe ist für ihre Kommunikationsguerillataktiken weithin
berühmt und berüchtigt - etwa die Bloßstellung des Konzerns Dow
Chemical anlässlich des 20. Jahrestags des Bhopalunglücks am 3.
Dezember 2004. In Leipzig lässt sich nun ihr "Halliburton SurvivaBall"
bestaunen. Den kugelförmigen Überlebensanzug, in dem sich sowohl Vital-
wie auch Administrationsfunktionen mühelos aufrecht erhalten lassen,
hatten sie im Mai dieses Jahres auf der "Catastrophic Loss"-Konferenz
in Florida erstmals vorgestellt - als vermeintliche Repräsentanten des
Rüstungskonzerns Halliburton, dessen früherer Chef Vizepräsident Dick
Cheney war. Der SurvivaBall besteht nach eigenem Bekunden der
Aktivistengruppe aus "Very High Tech Materials" und zielt auf
persönliche Sorgen im Schlepptau der globalen Erwärmung. Wie schütze
ich mich vor Hitze, Orkanen und Hochwasser - ganz besonders, wenn mir
meine verantwortungsvolle Geschäftsposition wenig Zeit für
diesbezügliche Kreativität lässt? Diese quälende Frage löst der
SurvivaBall, der dafür ausgelegt ist, den "corporate manager" zu
beschützen, "no matter what Mother Nature throws in his of her way".
Die praxisorientierte Flucht nach vorn tritt auch Oscar Tuazon an, ein
Landsmann der "Yes Men", der im noch immer unwegsamen Gelände des
Baumwollspinnerei-Außenraums einen unterirdischen Bunker anlegte. Auf
dem Leipziger Kunststandort glücklicherweise keine existenzielle
Notwendigkeit, bleibt er Geheimtipp für harmlose After-Party-Gelage und
wirkt - obzwar mit kruden Möbelskulpturen eingerichtet - eher
kuschelig. Diese Gratwanderung zwischen Unterhaltungswert und
Bedrohungsszenario flankiert Christoph Draegers grimmige GUERRA-Flagge,
die das bekannte regenbogenfarbene PACE-Geflatter in Tarnoptik
persifliert. Weitaus beklemmender fällt seine Videoarbeit "Helene's
Freedom" aus. Dort wird ein alter Katastrophenschutzfilm aus dem
sozialistischen Ungarn mit einer Brandrede von George W. Bush
untertitelt und lässt den Kalten Krieg als harmloses Präludium zum "War
on Terror" erscheinen.
Neben diesen weltpolitischen Referenzen, die die Ausstellung stark
grundieren, ergänzen die Symptome ganz persönlicher Phobien die
aktuelle "Kulturlandschaft Angst" besonders wirksam. Der Leipziger
Künstler Peter Bux wartet etwa - wohl auch als eigene therapeutische
Strategie gemeint - mit einem Wandgemälde in vertrauter
Piktogramm-Ästhetik auf: "Nutzbare Bodenflächen bei Panik" bietet dem
Besucher praktische Fluchtwege aus dem potenziell bedrohten
Ausstellungsraum an. Auf individuelle Zukunftsängste und die
diesbezügliche Konjunktur von Wahrsagereien verweist Peter Wächtler. Er
lud Frau Schmidt ein, eine Leipziger Astrologin, und baute ihr vor Ort
einen psychedelisch-esoterischen Arbeitsplatz in Pink, an dem sie ihre
Hellseherei betreibt.
Dem subjektiven Bedürfnis nach Vorkehrung und Abschreckung widmet sich
gleichermaßen Philipp Lachenmann mit seinem Schilderwald: Aus den
streng bewachten Vorgärten kalifornischer Luxusvillen entwendete er die
Warnschilder von Wachgesellschaften, die neben ihrer abschreckenden
Funktion mittlerweile die Rolle von Statussymbolen übernommen haben.
Seine Installation "Bel Air Bouquet" lockert den Parcours durchs
schwermütige weltweite Gruselkabinett deutlich auf, auch wenn sie nicht
gerade durch Tiefenschärfe besticht. Letzteres Manko weist aber sehr
viel mehr noch das brachiale Bildprogramm der Moskauer Künstlergruppe
AES+F auf. Offenbar von Lolitafantasien und vom St. Petersburger
Neoakademismus inspiriert, hantieren dort zarte Model-Kindchen an
schwerem Militärgerät, verschießen eindimensionale Metaphern und
verstellen damit den Assoziationen zu real existierenden Kindermilizen
niedlich den Weg.
Unweit der leicht bekleideten Teenager von AES+F läuft das textile
Kontrastprogramm. Mit ihrem Selbstversuch als nach islamischem Brauch
streng verhüllte "Aisha" illustriert Mandy Gehrt kulturelle
Berührungsängste und bekommt dafür innerhalb der Ausstellung fast eine
Soloshow. Ein wichtiges Thema gewiss, hier allerdings in einer allzu
ausufernden Präsentation: Weniger wäre mehr. Dennoch, bei manchen
Ungereimtheiten im Detail, setzt sich "Kultur der Angst" erholsam von
den gewohnt spröden Ausstellungskonzepten darstellender Soziologie ab.
Um die Qualität des Programms von Halle 14 hat Kurator Frank Motz denn
auch keine Angst, höchstens um dessen Finanzierung. Doch so weit lässt
er mögliche Phobien nicht an sich heran …
bis 1. Oktober 2006,
www.federkiel.org
taz vom 9.8.2006, S. 16, 229 Z. (Kommentar), SUSANNE ALTMANN
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