[echo] Alles soll so bleiben wie es ist
cornelia sollfrank
cornelia at snafu.de
Wed Aug 9 13:35:12 CEST 2006
WELT, 09.08.2006
Mehr Klappstühle
Wenn die Jungen nicht mehr in Museen gehen, werden sie auch nicht mehr
dafür zahlen. Was ist zu tun?
Von Uta Baier
Seit einigen Jahren besuchen die Mitarbeiter amerikanischer Firmen vor
ihrem Auslandseinsatz so genannte interkulturelle Trainer. Die helfen
ihnen, den "Kulturschock" - eine Mischung aus Heimweh, Angst,
Glorifizierung der Heimat und Aggression gegen die neue Kultur - zu
überwinden. Denn die vorzeitige Rückkehr ihrer Mitarbeiter hat die
Unternehmen Millionen gekostet. Der interkulturelle Trainer könnte auch
ein Modell für Migranten in Deutschland sein, meint Magda Gohar-Chrobog
aus Washington, die auf einer Tagung zur "Demografischen
Herausforderung an die Kultur" im vergangenen Jahr in Hannover
teilnahm. Der schmale Tagungsband ist jetzt erschienen, und auch wenn
sich die Zahl der Lösungen für das Problem der deutschen Kultur in
einer vergreisenden Gesellschaft mit steigendem Migrantenanteil in
Grenzen hält, gibt es doch einige klare Botschaften - vor allem in
Bezug auf Museen. Mit ihrer Situation beschäftigte sich kürzlich auch
die Enquete-Kommission "Kultur in Deutschland", die sich im Juni acht
Museumsdirektoren nach Berlin eingeladen hatte (s. WELT v. 21.6.), um
von ihren Problemen zu hören.
Erste Botschaft: Die Interessen der Älteren und der kulturfernen
Jüngeren sind schwer vereinbar. Und die Anstrengungen, sie zu vereinen,
sind nicht besonders groß, denn Museumserfolge werden immer
ausschließlicher an Besucherzahlen gemessen und nicht an
museumspädagogischen Programmen oder gar der Zusammenarbeit von Museum
und Schule. Der Rentner ist eine kalkulierbare Größe, die dazu wenig
Innovation verlangt. Die traditionelle Ausstellung ist meist gerade das
richtige Konzept, verkürzte Führungen sparen Personal. Das Einzige, was
zusätzlich nötig wird, sind Klappstühle.
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Zweite Botschaft: "Wenn in Deutschland von Parallelgesellschaften die
Rede ist, dann reicht es nicht aus, auf die deutsche Bevölkerung
einerseits und die in Deutschland lebende Bevölkerung mit
Migrationshintergrund andererseits hinzuweisen. Vielmehr kommt es im
Hinblick auf die kulturellen Implikationen des demografischen Wandels
darauf an, die soziale Polarisierung zwischen dem Familiensektor und
dem Sektor der Kinderlosigkeit ebenfalls als Parallelgesellschaft
wahrzunehmen und deren sozialkulturelle Auswirkungen nicht zu
ignorieren", schreibt Clemens Geissler, Vorsitzender der Deutschen
Gesellschaft zur Förderung der Forschung im Alter im Tagungsband.
Drittens: Familien, die momentan einen Großteil der Kultur bezahlen,
werden dazu bald wenig Lust haben. "Genau genommen funktioniert das
Kultursystem nicht viel anders als das Renten- und Gesundheitssystem -
also wie eine umlagefinanzierte Solidarversicherung", schreibt der
Journalist Thomas Ihm. Doch die, die zahlen, können aufgrund von Beruf
und Familie nur wenig Kultur konsumieren. Deshalb sinke, schlussfolgert
Ihm ganz richtig, die Bereitschaft, die Kultur, die sie nicht nutzen
können, zu finanzieren. Denn diese Kultur habe allzu wenige Angebote
für sie. Das ist fatal, nicht nur im Hinblick auf die Solidarität. Denn
wenn es die Eltern nicht ins Museum schaffen, werden auch ihre Kinder
ohne Berührung mit dem Museum bleiben. Was bedeutet, dass auch die
Kinder Höhergebildeter immer weniger Beziehung zur Kultur haben werden.
Viertens: Museen und Migranten sind selten zusammenzubringen. Denn der
Besuch eines Museums in Deutschland / Europa setzt mehr als ein
Mindestmaß an religiöser und geschichtlicher Bildung voraus. Doch die
meisten Migranten sind bildungsfern. Soziokultur und Schulen müssen die
Grundlagen legen, sagen Soziologen und Politiker. Museumsleute beklagen
dagegen, dass die meisten Lehrer gar nicht in der Lage sind, das Museum
als Ausbildungsort zu nutzen und ihnen andererseits reihenweise die
Museumspädagogenstellen gestrichen werden.
Fünftens: Verallgemeinert man die Bemühungen der Museumsleute und die
Vorstellungen von Politikern so wird klar: Alles soll bleiben, wie es
ist. Museen sollen Forschen, Sammeln, Bewahren, Vermitteln und
Ausstellen. Wobei vor allem die nach Außen wirksamen Aktionen wie
Ausstellen und Vermitteln von Politikern gefordert werden, während die
Museen - logischerweise - als Grundlage ihrer Arbeit die Aufgaben
Forschen, Bewahren und Sammeln sehen und Horrorgeschichten von
schimmelnden Sammlungsstücken, überfüllten Depots und allein von
Ehrenamtlichen geleiteten Museen zu erzählen haben.
Das trifft natürlich vor allem für kleine Häuser zu, doch die
Diskussion um Depotverkäufe zur Schärfung von Profilen ist weder neu
noch inaktuell, denn gerade hat der Landesrechnungshof
Baden-Württemberg der Staatsgalerie Stuttgart empfohlen, das ihre zu
schärfen und über Depotverkäufe nachzudenken.
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Siebentens bietet zumindest ein wenig Trost: Demografische Voraussagen
sind Zahlenspiele, die reale Veränderungen nur bedingt voraussagen.
Demografische Entwicklungen sind beeinflussbar, wie der Bevölkerungs-
und Gesundheitsforscher Ralf E. Ulrich im Tagungsband sehr schön
vorrechnet.
Was lehrt die Lektüre? Wenn das Museum bleiben soll, was es ist und
zusätzlich aktiv Integration fördern, Bildung vermitteln und als so
genannter weicher Standortfaktor für die Attraktivität der Städte und
damit für Wirtschaftsansiedlungen sorgen soll, muss es höher
subventioniert werden. Natürlich geht es auch mit weniger Geld, doch
dann müssen Politiker und Schulen, Soziologen, Migrationsforscher und
Bedenkenträger endlich aufhören, von den Museen etwas anderes zu
erwarten als die Präsentation ihrer Sammlungen und ab und an eine
Sonderausstellung.
Wird die Rolle des Museums aber höher geschätzt, kann es durchaus
Bildungsstätte, Integrationshilfe und Ort der Diskussion über aktuelle
Themen werden (oder auch bleiben). Dass es sich dazu ändern müsste,
steht außer Frage, doch dieses Ändern würde weniger die Institution als
ihre Themen betreffen. So fordern Martin Roth und Ulrike Richter von
den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden mehr tagesaktuelle
Ausstellungen - zum Thema Demografie zum Beispiel. Das kann bedeuten,
dass Sammlungen ausgebaut oder neu angelegt werden müssen. Was wieder
nicht ohne mehr Geld funktioniert.
Älter, bunter, weniger. Die demografische Herausforderung an die
Kultur. Transcript Verlag, Bielefeld, 24,80 Euro
Artikel erschienen am Mi, 9. August 2006
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