[echo] Jonatahn Meese - der Vermarktungsexperte

cornelia sollfrank cornelia at snafu.de
Tue Aug 15 10:48:43 CEST 2006


faz, 12.08.2006

Tante Nietzsche
Die theatralische Veralberung des Geistes: Eine Exkursion in 
Neuhardenberg

Frische Luft ist gesund, wer würde daran zweifeln? Sie macht den Kopf 
frei, öffnet die Augen, weitet das Herz. Aber leider, Kinder der Sonne, 
nicht immer! Weil, wenn sich notorische Stubenhocker, wozu unbedingt 
Theaterleute zählen, so ungestüm wie unbedarft hinaus in die platte 
Natur - noch nicht einmal auf lichte Bergeshöhen - begeben, da ein 
Bäumchen anbeten, dort eine Kuh bejubeln, kann es zu verheerenden 
Überdosierungen kommen: mit reiner, würziger, kantinenmiefloser, 
sauerstoffreicher Frischluft. Die gilt, unter sommerlichem Himmel und 
am liebsten auf Einladung eines großzügigen Sponsors gerne beim 
Aushecken sogenannter Open-air-Spektakel genossen, als besonders 
tückisch. Denn sie vernebelt hochgradig Verstand wie Geschmack, indes 
das infizierte Individuum sich in klarster, außerdem kreativster 
Verfassung wähnt.

Und dann entsteht zum Beispiel im Park des 1759 erbauten Schlosses 
Neuhardenberg, das seit 1997 dem Deutschen Sparkassen- und Giroverband 
gehört, der sich für das schick renovierte Anwesen eine eigene Stiftung 
mit solide gepolstertem Veranstaltungs- und Produktionsetat hält, etwas 
wie "Zarathustra - Die Gestalten sind unterwegs". Diese "Exkursion nach 
Friedrich Nietzsche" haben sich der Schauspieler (und 
Selbsterniedrigungsexperte) Martin Wuttke und der bildende Künstler 
(und Selbstvermarktungsexperte) Jonathan Meese ausgedacht, sie führen 
sie "in Begleitung" des Pianisten Jan Czajkowski gemeinsam auf.

Nietzsches "Buch für alle und keinen" ist, Übermensch hin, "Gott ist 
tot" her, schon Schlimmeres, aber vermutlich kaum Belangloseres angetan 
worden als dieser neunzigminütige Schnickschnack, der, wie die hungrige 
Sau am vollen Trog, gierig den Rüssel in die Wortspezereien und 
Sprachleckerbissen hineinwühlt. Was hier nämlich so partout dionysisch 
sein will, ist nur dämlich: Es wird entschlossen geschmatzt und gesuhlt 
und bloß nichts kapiert - jenseits von Gut und Böse, doch mittendrin im 
Grünen, das, obwohl aus sandig-trockenem brandenburgischem Boden 
gesprossen, diesmal zugleich mittendrin im Quatsch bedeutet.

Der von Peter Joseph Lenné mit Hermann Fürst von Pückler entworfene 
Landschaftspark bleibt formschön, als in der grasigen Ferne Wuttke und 
Meese promenieren, Tafeln mit Ziffern in den Boden rammen, sich ein 
Duell liefern. Der späte Nachmittag ist mild und weich. Die Zuschauer, 
entspannt auf Gartenstühlen vor einem flachen See, müssen sich von den 
kleinen schwarzen Männchen nicht groß stören lassen. Was die zwei 
Zylinderträger vor sich hin brabbeln, ist trotz Mikrofonübertragung 
selten verständlich. Bald allerdings lösen sie die Totale, in der für 
wenige Momente eine behutsame Harmonie zwischen Natur und Kunst, Sein 
und Schein möglich erschien, unwiderruflich auf.

Sie drängen sich in den Vordergrund und spielen, bevorzugt in 
historisierender Damengarderobe, eine Art von lebenden Klischeebildern 
zum Thema Nietzsche und seine Frauen, Zarathustra und seine Phantasien, 
Charley und seine Tante, sie selbst und ihre Hirngespinste, am besten 
freilich: die Verschaukelung des Publikums und der grenzenlose 
Zynismus, der ihm zugrunde liegt. Dazu werden wackelige Tiere aus Pappe 
über einen Gartenweg gezogen, Schilder mit Ausdrücken wie "Gold", 
"Nein" oder "Not Null" gestemmt, Strohballen bewegt.

Wuttke läuft wie ein startender Schwan durch das Wasser, Meese 
beschriftet eine mitgebrachte Ritterburg. Am Schluß wird geheiratet, 
Wuttke gibt die kokette Braut in Weiß, Meese den trotteligen Bräutigam 
mit Bart. Die Besucher kriegen vom Hochzeitsmahl ein paar Kostproben ab 
- blaugefärbtes Brot, Soleier, Schinken, Wuttke fragt: "Noch 'ne 
Gurke?"

Danach verschwindet das Ehepaar in der Parkanlage, die es bereits die 
ganze Zeit über mit der Natur verwechselt hat und überdies mit einer, 
in der das wilde Denken Zarathustras Raum hätte finden können. Aus den 
Lautsprechern hallt es ihnen von aller Lust - oder Luft? - nach, die 
Ewigkeit will. Erneut ein Zitat vom armen Nietzsche, wie die Klage: 
"Alles ist eitel!" Man muß ihn ja nicht verstehen, um ihn sich leisten 
können zu wollen - aber doch bitte nicht gar so billig.

IRENE BAZINGER


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