[echo] Der Künstler Hans Haacke wird siebzig

cornelia sollfrank cornelia at snafu.de
Tue Aug 15 10:50:11 CEST 2006


faz, 12.08.2006

Der politische Gärtner
Macht sichtbar, was euch kaputtmacht: Der Künstler Hans Haacke wird 
siebzig

Längst ist Gras über die Sache gewachsen, und dies im wahrsten Sinne 
des Wortes und der künstlerischen Idee. Wie ein Blick auf die aktuelle 
webcam-Aufnahme unter der Internetadresse www.derbevoelkerung.de zeigt, 
hat sich inzwischen die Vegetation in jenem Trog, den der Künstler Hans 
Haacke im Jahr 2000 im nördlichen Lichthof des Reichstagsgebäudes 
installiert hat, wie geplant des politisch heftigst umstrittenen 
Schriftzuges angenommen und ihn partienweise bereits überwuchert.

"Der Bevölkerung" stand da zu lesen, und im Rückblick erscheint es so, 
als habe sich hier eine der spektakulärsten jüngeren Debatten um Kunst 
im öffentlichen Raum selbst ein Denkmal gesetzt. Hans Haacke hatte mit 
dem Vorschlag, die nationalistisch tönende wilhelminische, "Dem 
deutschen Volke" gewidmete Giebelinschrift des Reichstags den 
veränderten sozialen und politischen Verhältnissen in Deutschland 
anzupassen, landauf, landab für Diskussionsstoff gesorgt. Er hatte dem 
Projekt eine Presseöffentlichkeit beschert, wie sie dem Umfang nach 
vergleichbar allenfalls für die Christosche Reichstagsverhüllung einige 
Jahre zuvor zu verzeichnen gewesen war. Einige Kritiker vermuteten 
bereits damals, Haackes künstlerische Arbeit habe in dieser 
öffentlichen Auseinandersetzung ihr eigentliches Ziel besessen. Manches 
spricht für diese Auffassung. Zwar gibt es die politische Skulptur, zu 
der alle Abgeordneten Bodenproben aus ihren Wahlbezirken beisteuern 
sollten (und bis heute liefern können), vor Ort in ihrer konkreten, 
ständig sich wandelnden Gestalt, aber als produktiver Stein des 
Anstoßes dient sie heute nicht mehr. Sie hat ihre Schuldigkeit, wie es 
scheint, getan, indem sie in einem prägnanten historischen Augenblick 
als Katalysator fungiert hat.

Im Zusammenhang mit diesem Projekt hat sich eine Arbeitshypothese 
Haackes bewahrheitet, die sich der Künstler bereits 1970 notiert hatte: 
"Man kann die Operationsweise von Politik und Natur nicht nur 
demonstrieren, man kann sie auch beeinflussen." Das Statement gehört 
jener Epoche an, als sich der damals wie heute in New York lebende 
deutsche Künstler unter dem Eindruck der allgemeinen Politisierung im 
Zuges des Vietnam-Krieges nach und nach von einem Bildhauer offener 
realzeitlicher Systeme und Prozesse zu einem eingreifenden Bildner 
sozialer und politischer Strukturen gewandelt hat. Nicht länger dienten 
Haacke Regen, Nebel und Eis oder Licht, Luft und Wind als 
künstlerisches Material, dem in kinetischen Objekten oder 
physikalisch-biologischen Installationen Gestalt verliehen wurde; es 
waren nun ökonomische und machtpolitische Verhältnisse, die anhand von 
gut recherchierten Dokumentationen und mit prägnanten künstlerischen 
Arrangements zur Anschauung gebracht wurden. Immobilienspekulation und 
Sponsorenmacht waren dabei ebenso Ziel der kritischen Analyse wie der 
fortbestehende Kolonialismus, die Apartheid oder die US-amerikanischen 
Waffengeschäfte.

Die Kunst in kritischer Absicht so nah an die Politik herangeführt zu 
haben ist ein großes Verdienst der Arbeiten Hans Haackes. Kaum jemand 
sonst hat so unbeirrt und stringent an der Idee festgehalten, daß die 
Kunst die Welt zwar nicht bewegen, aber gezielt in Rage und unter Druck 
der Befragung versetzen könne.

Was dies über die vergangenen Jahrzehnte an intellektuellem, 
künstlerischem und persönlichem Standvermögen verlangt hat, läßt sich 
nur erahnen. Daß dadurch einige herausragende Werke zeitgenössischer 
Kunst entstanden sind, darunter die "Shapolsky et al. Manhattan 
Immobilienbesitz"-Dokumentation, die "Manet Projekt '74" oder auch das 
poetische Münsteraner Gegendenkmal des "Merry-go-round" von 1997, ist 
einem Künstler zu danken, für den kritische Reflexion den Gehalt der 
Kunst nicht schmälert, sondern vielmehr erhöht.

In Berlin-Mitte wird zur Zeit Haackes "Denkzeichen für Rosa Luxemburg" 
platzgreifend rings um die Volksbühne realisiert; im Herbst wird es in 
Hamburg und Berlin im Rahmen einer Doppelausstellung, die von der 
Kulturstiftung des Bundes gefördert wird, Gelegenheit geben, das 
Gesamtwerk Haackes, der heute seinen siebzigsten Geburtstag feiert, 
Revue passieren zu lassen.

MICHAEL DIERS


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