[echo] FRISE_«Wie sehen Sie ihre Zukunft?»
doro carl
doro at abbildungszentrum.de
Tue Aug 15 18:15:47 CEST 2006
SIGRIDUR DORA JOHANNSDOTTIR
Am Freitag, dem 18. August 20.00 Uhr wird die Isländische Künstlerin
Sigrídur
Dóra Jóhannsdóttir ihre Ausstellung eröffnen.
Titel: «Wie sehen Sie ihre Zukunft?»,
Ort: Ausstellungsraum FRISE
Arnoldstrasse 26-30, Hamburg Altona/Ottensen.
Während der Eröffnung wird die Künstlerin eine Performance vorstellen.
Sie interpretiert in ihrer Arbeit Geräusche in unterschiedlicher Weise,
in Form von
Zeichnungen oder audio-visuell in Form von Videoarbeiten und
Performences.
Sigrídur Dóra Jóhannsdóttir lebt und arbeitet in Reykjavík, Island. Sie
absolvierte ihr B. A.
Studium an der isländischen Akademie der Künste, Reykjavik 2002.
Im Rahmen des Socrates-Erasmus Austausch-Programms studierte sie ein
Semester
an der Winchester Schule der Künste in England.
Von 2004 bis 2006 studierte sie an der Universität IUAV von Venedig,
Italien.
Seit 2000 nimmt Sigrídur an Einzel- und Gruppenausstellungen in Italien
und
Island teil.
«Esplorazione» in der Fondazione Bevilacqua la Masa, Venedig: 2005.
«Fram og til baka» (Hin und Zurück) in der Galerie Dvergur, Reykjavik,
2006.
>> taz, 03.08.2006
>>
>> Gestachelt durch Venedigs Gassen
>>
>> "Das Schneehuhn ist mein Lieblingstier": Die isländische Künstlerin
>> Sigridur Dóra Jóhannsdóttir liebt die Farbe Weiß und störende
>> Performances und wirkt bei Gericht als atmosphärische Seismographin.
>> Manchmal fegt sie auch den Markusplatz. Derzeit ist sie in Hamburg zu
>> Gast
>>
>> von PETRA SCHELLEN
>>
>> Ihre Lieblingsfarbe ist weiß. Weiß in allen Schattierungen, und die
>> sind ja durchaus zahlreich. Und da ist es letztlich vielleicht nicht
>> überraschend, dass das Lieblingstier von Sigridur Dóra Jóhannsdóttirs
>> das Schneehuhn ist, ist sie doch in Island aufgewachsen. Und hat die
>> meiste Zeit ihres Lebens - abgesehen von sechs Hamburger Jahren in den
>> 1980ern - in karger Landschaft verbracht.
>>
>> Von Juni bis Oktober ist das Land oft schneebedeckt. Doch das stört
>> die
>> Künstlerin, die derzeit für zwei Monate das Gastatelier des Hamburger
>> Künstlerhauses Frise bewohnt, nicht. Und dass der Blick hier an der
>> Elbe frei in die Ferne schweifen kann, mag sie schon gar nicht
>> bestätigen: "Viel zu viele Bäume", sagt sie spontan. Bei ihrem ersten
>> Aufenthalt habe sie sich richtig eingeklemmt gefühlt, wie in einem
>> finsteren Wald. "Das empfindet man einfach so, wenn man aus einem Land
>> kommt, in dem der Horizont unendlich ist."
>>
>> Obwohl Island - abgesehen von der weitgehend fehlenden Vegetation - so
>> farbarm nun auch wieder nicht ist. Nur die Farbe Grün gibt es fast gar
>> nicht. Und da hat sich Sigridur Jóhannsdóttir wohl gedacht, dass man
>> auf den Rest des Spektrums auch gleich verzichten könnte. Denn: "Weiß
>> ist die Quelle aller Farben." Ihre Verdichtung, ihr Anfang und ihr
>> Ende. Im Weiß sind alle anderen Farben enthalten - als Entwurf
>> sozusagen. "Da ist noch alles möglich", sagt die Künstlerin, die schon
>> während ihres Studiums in Reykjavik konsequent weiße Installationen
>> erschuf: Schrankartige Aufbauten, mit einer entfärbten Matte und einem
>> weißen Lammherz, dem sie das Blut entzogen hatte, konstruierte sie
>> damals. Und einen Teppich aus "Dirty Pages", jenen ersten Seiten jedes
>> Buches, die angeblich fürs Fingerabwischen vor Beginn der
>> hochgeistigen
>> Lektüre gedacht sind.
>>
>> Mit all dem fuhr sie gar nicht schlecht: Von 2004 bis 2006 setzte sie
>> ihr Studium in Venedig fort, auch dort teils in Weiß auftretend, und
>> immer ein bisschen irr: in einem astronautenartigen Kostüm, gespickt
>> mit stacheligen Taubenzäunen, wie sie Fensterbänke und Skulpturen vor
>> dem nämlichen Federvieh schützen sollen. "Ich hatte das noch nie zuvor
>> gesehen und fand es absurd, dass die Renaissance-Skulpturen diese
>> Stacheln auf dem Kopf trugen", erzählt sie und lacht. "Ich bin dann in
>> meinem Igel-Kostüm durch die schmalsten Gassen von Venedig gelaufen."
>> Kein Vergnügen für die Passanten, das gibt sie schon zu und grinst.
>> "Aber manche Dinge müssen eben sein.
>>
>> Wie auch ihre Reinigungs-Aktion auf dem Venezianer Markusplatz. "Ein
>> paar Stunden habe ich dort gefegt, die Fundstücke zusammengetragen und
>> zwei Tage lang von bewaffneten Sicherheitskräften bewachen lassen."
>> Sie
>> schätzt das Abseitige sehr, bleibt stets unberechenbar und freut sich,
>> dass ihr Hamburg noch aus der Vergangenheit vertraut ist. "Es ist
>> schön: Man kennt alle Orte, auch ein paar Menschen, es ist ein
>> bisschen
>> wie Heimat." Nun ja, ein bisschen größer als ihre eigene Heimat schon:
>> In Akureyri, der viertgrößten Stadt Islands ist sie aufgewachsen.
>> 16.000 Einwohner zählt der Ort. Nicht sehr viel, oder? "Ach, das ist
>> eine Frage der Gewohnheit." Jóhannsdóttir lächelt milde.
>>
>> Sie lässt sich nicht beeindrucken durch die Klischees des
>> Kontinentaleuropäers und spricht unvermittelt von der großen Hitze,
>> die
>> Reykjavik in den nächsten Tagen heimsuchen werde. "Denkt euch, 20
>> Grad!" Was sie gerade in Hamburg tut? Zum Gericht geht sie da, wie sie
>> es schon in Venedig getan hat. Als stille Zuhörerin hat sie sich dort
>> in Verhandlungen gesetzt und Rhythmus und Sprachmelodie in
>> seismographischen Kürzeln mitgeschrieben.
>>
>> Herausgekommen sind steno-artige Kurven, mal geschwungen, mal spitzig,
>> mal dichtgedrängt, mal großzügig platziert. Wofür die einzelnen Kürzel
>> stehen? "Das muss jeder selbst herausfinden", sagt Jóhannsdóttir - und
>> gibt gern zu, dass auch sie die Zeichen nach der Niederschrift nicht
>> mehr deuten kann. Wobei das mit Rhythmus und Sprachmelodie in Italien
>> einfacher war: Sie beherrschte die Sprache nicht und konnte sich ganz
>> auf die musikalische Wahrnehmung konzentrieren. Im deutschen
>> Gerichtssaal versteht sie nun alles, und das macht die Übertragung in
>> abstrakte Zeichen schwer - insbesondere dann, wenn sie in Mord- oder
>> Vergewaltigerprozessen sitzt und die Opfer erzählen. "Das ist dann
>> schon hart." Warum sie sich das antut? "Ich möchte mich dem jetzt
>> aussetzen. Und mehr als zwei, drei Stunden täglich sitze ich da ja
>> auch
>> nicht."
>>
>> Die Prozesse sucht sie zufällig aus, schont sich nicht und hat schon
>> eine beträchtliche Anzahl "Matten", wie sie ihre Skizzenblätter nennt,
>> zusammengetragen. Dokumente der anderen Art, die sie zu großen
>> Wandbehängen zusammenfügen wird. Und wer weiß: Vielleicht ist Schrift
>> nicht weniger kryptisch als dokumentarische Zeichnungen, vielleicht
>> geben ihre Kurven Atmosphärisches auf eine Art wieder, die nur
>> begreifen kann, wer hochsensibel ist? Aber das ist auch egal: Die
>> Dinge
>> mit wahlweise ästhetischem oder dokumentarischem Blick zu betrachten,
>> steht jedem frei. Und wann Sigridur Jóhannsdóttir genug davon
>> vollgeschrieben haben wird, das weiß sie nicht.
>>
>> Was sie anlässlich der Ausstellungseröffnung im Künstlerhaus Frise
>> performen wird, weiß sie dagegen sehr wohl. Aber sie verrät es nicht.
>> Überraschung muss sein, findet sie. Ein Weißraum für alle
>> Möglichkeiten
>> eben.
>>
>> Die Ausstellung "Wie sehen Sie ihre Zukunft" mit Werken von Sigridur
>> Dóra Jóhannsdóttir wird am 18. 8. im Hamburger Künstlerhaus Frise
>> eröffnet
>>
>> taz Nord vom 3.8.2006, S. 23, 187 Z. (Kommentar), PETRA SCHELLEN
>> _______________________________________________
More information about the echo
mailing list