[echo] Madonna: Sex und Religion und großer Kitsch

cornelia sollfrank cornelia at snafu.de
Mon Aug 21 11:24:04 CEST 2006


WELT, 21.08.2006

Sex und Religion und großer Kitsch

Madonnas erstes Deutschland-Konzert im Rahmen ihrer aktuellen Tour, 
natürlich mit Kreuzigungsszene: Mit dieser Inszenierung hatte die 
47-Jährige für einen Sturm der Entrüstung gesorgt. Die 
Staatsanwaltschaft Düsseldorf hatte angekündigt, den Auftritt genau 
beobachten zu wollen. Wir von WELT.de haben das auch gemacht.

Düsseldorf - Um 21.42 Uhr wird das Kreuz, auf das Madonna sich gelegt 
hat, aufgerichtet. Um 21.46 Uhr steigt sie wieder vorwurfsvoll herab 
und legt sich bäuchlings auf die Bühne. Nach nur vier Minuten 
Blasphemie.

Seit 13 Wochen ist Madonna auf ihrer Tournee „Confessions on a 
Dancefloor“ unterwegs. Am vorvergangenen Sonntag musizierte sie in Rom, 
seither herrscht helle Aufregung unter professionellen Christen. Einen 
„Akt offener Feindseligkeit“, erkannte der römische Kardinal Ersilio 
Tonini. Das Erzbistum Köln beklagt die juristisch zu großzügig 
festgeschriebene Freiheit der Kunst. Und die hannoversche 
Landesbischöfin Margot Käßmann wettert: „Sich selbst an die Stelle Jesu 
zu setzen, ist eine Selbstüberschätzung ungeheuren Ausmaßes.“ Ihres 
Boykott-Aufrufs zum Trotz bleibt in der Düsseldorfer LTU-Arena aber 
kein Platz frei.

Der Märtyrer im Swimmingpool

Es ist wie immer, wenn Madonna sich auf ihren alten Themenfeldern 
Religion und Sex um Aufmerksamkeit bemüht. Vor Ort erscheint der Anlass 
winzig. Auf der Bühne steht vorübergehend ein gefliestes Kruzifix, an 
dem die Künstlerin mit Reithosen und Dornenkrone lehnt und „Live to 
Tell“ singt. Man erinnert sich, wenn überhaupt an etwas, an den 
Märtyrer im Swimmingpool, also an Pop. Auch dass Madonna an den Heiland 
denkt, scheint ausgeschlossen. Sie denkt an Madonna. An ihre Passion. 
Schon deshalb zeigt die Videorückwand Kinder, die an Aids erkrankt 
sind, oder hungern.

Ihre aktuelle Rolle sieht Madonna darin, mildtätig und umsichtig zu 
wirken, das heißt, dass man sie so sieht. Ansonsten gilt auch weiterhin 
als oberstes Gebot im pseudoreligiösen Pop: „Du sollst nicht 
langweilen!“

Bis sie am Kreuz hängt, teilt sie aus dem Dunkel erst den Menschen mit, 
sie werde abendfüllend über Liebe sprechen. Dazu möge man die eigene 
kleine Existenz vergessen. Dann erscheint sie: Eine Diskokugel schwebt 
durch die Arena wie ein Sputnik, lässt sich auf dem Laufsteg vor der 
Bühne nieder, öffnet sich wie eine Lotosblüte. Ihr entsteigt Madonna im 
Kostüm der Reiterin.

Die „Beichten auf dem Tanzparkett“ werden auf dieser Reise ohnehin 
bevorzugt zwischen Pferdebildern und mit Peitsche vorgetragen. Das hat 
einmal mit dem Posten von Jean Paul Gaultier zu tun, der wieder für 
Madonnas Garderobe sorgt, im Hauptberuf aber für Hermès 
traditionsbeflissene Rittmeisterbekleidung für das Neue Bürgertum 
entwirft.

Zum anderen und noch mehr hat es mit den geschlechtsspezifischen 
Betrachtungen zu tun, die sich Madonna auch mit 48 Jahren unvermindert 
zuschreibt. Vorbild für die junge Dame, für den Herren Domina.

Jaulendes Inferno

Madonna wäre nicht die Königin des Pop, wenn sie vergäße, ihren 
Auftritt mit Bedeutung aufzuladen. Mit einer Bedeutung, die sich jeder 
selbst zurechtsucht. „Like a Virgin“ bietet sie heute an einer 
Tanzstange mit auf- und abgleitendem Pferdesattel dar. „I Love New 
York“ und sogar ihr entrücktes „Ray of Light“ spielt sie auf der 
elektrischen Gitarre eigenhändig, was im jaulenden Inferno mündet – und 
in tosendem Applaus für ihre handwerkliche Leistung.

Aber über alles stellt Madonna ihr Gewissen, das sie sich erworben hat 
auf den Karriere-Nebenwegen zu Familie, Kabbala, Europa. Videobilder 
und Kostümwechsel stellt sie nun in den Dienst der guten Sache. Tänzern 
lässt sie jüdische oder muslimische Symbole auf die nackten Bäuche 
malen und sie zu verbrüdern.

Schurken, Diktatoren, Terroristen

Jemand bläst ein Widderhorn. Madonna stürzt in einen Käfig, um eine 
Verzweifelte von ihrer Burka zu befreien. Und dann flimmern alle 
Schurken dieser Welt, die Diktatoren, Terroristen oder kriegerischen 
Präsidenten durch die LTU-Arena. Das ist selbstverständlich Kitsch. 
Doch es ist großartiger, hinreißender Kitsch, der weniger bedeutet, als 
es scheint. Der Kitsch vertreibt die Kälte ihrer früheren 
Inszenierungen und holt sie näher an ihr Publikum heran.

Es bleibt das unfassbarste Poptheater, und jetzt darf Madonna dafür 
auch noch nett gefunden werden wie eine schon etwas schrullige 
Verwandte, die nun sogar schöner singt als je zuvor.

Die Stimme hat sich mit den Jahren in einen charakterstarken Alt 
verwandelt. Hinterm Berg hält sie auch damit nicht. Bevor Madonna diese 
Stimme vorführt und „Drowned World“ zur Bandbegleitung singt wie eine 
echte, reife Sängerin, hockt sie auf einer Bühnentreppe, plaudernd, um 
noch einmal durchzuatmen. Hier sagt sie den schönsten Satz, den 
Treppenwitz der Nacht: „We are all one“. Natürlich ist nur sie eins, 
und wir sehen ihr begeistert dabei zu. Zwei Stunden lang.

Alles noch einmal am Dienstag in Hannover zu besichtigen.

Artikel erschienen am Mo, 21. August 2006



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