[echo] Kritik der Kritik (6): Krise fällt heute aus
cornelia sollfrank
cornelia at snafu.de
Tue Aug 22 11:50:02 CEST 2006
taz, 22.08.2006
Krise fällt heute aus
Kritik der Kritik (6): Seitdem Musik ständig und überall herunterladbar
geworden ist, schwimmt auch die zuständige Kritik öfter im "Ocean Of
Sound" - und taucht manchmal unter. Heute gilt es, die Fähigkeit zu
Durchlässigkeit und Distinktion zu wahren
Kritikfähigkeit wird heute von jedem Schulkind erwartet. Aber wie steht
es denn damit in der Kultur?
Ist Kritik auf dem Rückzug, bedrängt durch die Konsumindustrie? Ist sie
nötiger denn je? Und wie soll/kann/muss sie heute aussehen? Eine
Artikelreihe zum gegenwärtigen Stand des kritischen Handwerks
VON TOBIAS RAPP
Für die einen mag es das Paradies sein, für die anderen ist es wenn
nicht die Hölle, dann doch ein Problem. Man stelle sich das Jahr 2015
vor, schreiben die amerikanischen Autoren David Kusek und Gerd Leonhard
in ihrem Buch "The Future Of Music" vom vergangenen Jahr -
Musiksoftware-Entwickler der eine, Musikindustrie-Berater der andere.
Man steht morgens zu einer Melodie auf, die einen mit einem positiven
Schubs aus dem Bett befördert. Man geht unter die Dusche, wo ein
spezielles Softwareprogramm einen mit der Live-Version eines Songs
überrascht, den man am Abend zuvor im Netz entdeckt hat. Während man
sich abtrocknet, gibt man einem Programm namens "Taste-Mate" zu
verstehen, ob das Stück einem gefallen hat. Auf dem Weg zur Arbeit
fragt ein anderes Programm namens "Personal Media Minder", ob man ein
Album fertig hören möchte, das man am Vortag nicht beenden konnte, oder
ob der "Taste-Mate" etwas anderes heraussuchen soll - in monatelanger
Betreuungsarbeit hat dieses Programm nämlich äußerst feine und genaue
Parameter entwickelt. Es weiß, was man will und kann es sofort liefern.
Am Abend, wieder zu Hause nach einem Tag, an dem "Taste-Mate" für jede
Stimmung die richtige Musik eingespielt hat, setzt man sich an seinen
Schreibtisch, um die Rechnungen zu bezahlen. Und neben dem Geld für die
Zeitung und die Strom- und Wasserrechnungen überweist man einen kleinen
Betrag für sein Musikabonnement.
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"Musik wie Wasser" nennen Kusek und Leonhard dieses Konzept. Für sie
ist es der einzige Weg, der die Musikindustrie aus dem
Digitalisierungsdilemma führen kann: Ja, sie soll ruhig weiter
Tonträger verkaufen, so wie es auch Mineralwasserflaschen gibt. Aber
ansonsten heißt es: fließen lassen und dafür eine Grundgebühr
kassieren. Wobei spezielle Dienstleistungen extra kosten könnten, wie
etwa der "Taste-Mate" (interessanterweise gehört Universal Music, die
größte der drei Majorplattenfirmen, dem französischen Wasserkonzern
Vivendi, aber das nur nebenbei). Warum dies für den Großteil der
Menschheit ein paradiesischer Zustand sein dürfte, braucht man wohl
niemanden erklären. Warum dies für den Musikkritiker jedoch das eine
oder andere Problem bedeutet, dafür muss man ein wenig ausholen.
Fangen wir einmal mit Kuseks und Leonhards Szenario an. "Manifesto For
The Digital Music Revolution" haben sie es untertitelt, und so sehr es
sich mit seinem Science-Fiction-Thrill auch an den normalen Leser
wendet, soll es vor allem eines sein: eine an die Verantwortlichen in
den Plattenfirmen gerichtete Wegbeschreibung heraus aus der endlosen
und unaufhaltsamen Misere ihres Industriezweigs. Doch zieht man das
ganze SF-Brimborium und die damit einhergehenden Vorschläge für der
Digitalisierung angemessene Wertschöpfungsmöglichkeiten einmal ab, ist
"Musik wie Wasser" vor allem eines: Zustandsbeschreibung.
Denn die große Euphorie, die sich vor einigen Jahren noch entfachen
ließ, wenn von Musiktauschbören die Rede war, mag vorbei sein. Doch die
Börsen sind immer noch da, und die Archive, auf die sie Zugriff
erlauben, sind größer denn je. Trotz des Illegalitätsdrucks und trotz
aller Angstkampagnen. Jeder, der einen Computer mit schnellem
Netzzugang hat, kann sich dort fast jedes Musikstück herunterladen -
ohne dafür zu bezahlen. In Windeseile. Das gesamte Geschäftsmodell der
Tonträgerindustrie beruht im Grunde nur noch auf Spendenbasis. Das hat
viele Konsequenzen. Eine davon: Der Kritiker kommt mitunter ins
Schwimmen.
Die Leserin und der Leser mögen diese nasse Metapher verzeihen (und sie
seien gleich vorgewarnt, es kommen noch ein paar davon), aber jeder
Musikkritiker, der nicht regelmaßig mit dem Gefühl ganz existenzieller
Überforderung konfrontiert wird, taugt entweder nichts oder er lügt.
Die Digitalisierung hat die schiere Masse von Musik, auf die man
zugreifen kann, in so unerreichbare Höhen geschraubt, dass man sich oft
in dem endlosen Interessantizismus eines Und… und… und… und verliert:
Das gibt es, und das gibt es, und das auch noch.
Zugegeben: Es gibt Schlimmeres. Doch auch wenn die Musikindustrie
mittlerweile bei der Vorstellung der Platten der ganz großen Stars aus
der Robbie-Williams/Madonna/U2-Liga zu ganz ähnlichen Mitteln greift
wie die Filmindustrie bei ihren Blockbuster-Previews - Kontrollen wie
am Flughafen, dringende Bitten, bestimmte Papiere zu unterzeichnen, in
denen man versichert, sich erst nach der Veröffentlichung zu äußern, im
Falle von Robbie Williams' letzter Tour sollten die Fotografen sogar
die Wiederverwertungsrechte an ihren Konzertfotos abtreten -: es hat
auch etwas Lächerliches. Hier wird versucht, Produkten eine Wichtigkeit
zu verleihen, die sie schlicht nicht mehr haben; und wenige Stunden
nach der Veröffentlichung ist die Platte sowieso in den Tauschbörsen.
Die Plattenfirmen haben das Rennen längst verloren. Die Versuche, ihren
Produkten über künstliche Verknappung etwas Reiz zu verleihen, stehen
meist in deutlichem Kontrast zu der Langeweile, die sich bei solchen
"exklusiven Prelistening-Sessions" unweigerlich ausbreitet.
Goldene Zeiten für die Musikkritik also? Es kommt wohl darauf an, mit
wem aus dem eingangs gezeichneten Bild man sich als Kritiker
identifiziert: dem Hörer, der zu mehr Musik Zugang hat als je zuvor,
oder mit dem Softwareprogramm, das das zukünftige Publikum mit
Musiktipps versorgen könnte. Im ersten Fall dürfte man mit dem
digitalen Zeitalter keine Probleme bekommen. Im zweiten Fall sehr wohl
- was nicht nur mit der narzistischen Kränkung zu tun haben dürfte, als
Geschmacks-Kumpel, der man als Kritiker ja auch sein möchte, unter
Umständen demnächst von einem Computeralgorhythmus ersetzt zu werden.
Es gilt einen Autoritätsverlust festzustellen, wenn es um die Kritik
von Musik geht.
Was sich am deutlichsten im Internet selbst abbildet, wo sich rund um
Tauschbörsen ein äußerst lebendiger Musikschreiberei-Wildwuchs in Blogs
und auf Message-Boards gebildet hat, in dem sich all jene diskursive
Willkürherrschaft, Anmaßung und Scharlatanerie findet, die
interessanten Musikjournalismus ausmacht. Der Begriff der "Relevanz",
die alte Lieblingskategorie der Musikkritik, kommt hier so gut wie gar
nicht mehr vor. "Wichtige" Platten gibt es hier nur selten. Denn
Relevanz hing mit einem System zusammen, das um die Charts kreiste - in
diesem System markierte sie einen Ort. Sei es als Erfolg, als
Misserfolg oder nur als Bezug auf Erfolg oder Misserfolg.
Wo es aber den Mainstream nur noch in Rudimenten gibt, wo die Charts
sich nur noch in der Mehrzahl als Abbild des Geschehens in einer Szene
denken lassen, ist es schwieriger geworden, jene Art von Geschichten zu
erzählen, die diese Art von allgemeiner Gültigkeit entfalten können:
die "Thema" sind, wie man unter Journalisten dann sagt, "für die Seite
1 taugen", die "den Leser" interessieren. Man ist vor allem Hörer, mit
mehr Zeit als viele andere, aber das war es dann auch schon.
Wie geht man mit einer solchen Situation um? Was tun mit all der
Freiheit? Oft nutzt man sie nicht. Oft lässt man sich in alte
Automatismen fallen, schaltet auf den popkulturellen Autopiloten und
lässt Pop eine Jungsgruppe mit zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug sein.
Am besten aus England oder den USA. Was vollkommen in Ordnung ist,
diese Gruppen gibt es - auch wenn die Erzählung von Zusammenrottung und
Rebellion, die dieser Musik eingeschrieben ist, vor allem einer großen
Vergangenheit geschuldet ist und nur einer kleiner Gegenwart (und ihr
gegenwärtiger Erfolg vor allem damit zu tun haben dürfte, dass man mit
diesen Bands Konzertsäle füllen kann, der letzten Möglichkeit, mit
Musik tatsächlich Geld zu verdienen).
Es gibt aber einiges mehr. Das endlose, Ich-zentrierte Ellbogendrama
des Hiphop, das versucht, der Einsicht künstlerischen Raum zu
verleihen, das den dynamischen Verhältnissen des modernen Kapitalismus
nur durch Einfordern von Sichtbarkeit begegnet werden kann. Heavy Metal
mit seiner Idee, in der drastischen Gewaltdarstellung das Individuum
mit den Folgen der uneingelösten sozialen Forderungen der Moderne zu
konfrontieren. House und Techno und die rauschhafte Erfahrung von
körperlich erfahrbarer Tanzflächendemokratie. Jazz und die immer wieder
aufs Neue beglückende Praxis, bestimmte Erfahrungsmomente entfremdeten
Lebens in gemeinsamer Improvisation aufzuheben. Gothic und das dort
verankerte Bedürfnis nach mythologischer Tiefenbohrung, um vielleicht
irgendwo auf zeitlose Wahrheit zu stoßen.
Zumal die allgemeine Herunterladbarkeit von Musik, die Veränderung der
Hörgewohnheiten, die mit dem großen stilistischen Durcheinander auf
Festplatten einhergeht, längst auch auf die Musikproduktion selbst
durchschlägt. Nicht nur die Grenzen zwischen verschiedenen
musikalischen Stilen sind durchlässig geworden, auch der Unterschied
zwischen Vergangenheit und Gegenwart ist längst verwischt. Dem muss man
sich stellen. Das mag heißen, dass man mit den Beinen strampelt, dass
man um Hilfe ruft oder dass es einem gelingt, auf den Wellen surfen und
elegant über die Schaumkronen des "Ocean Of Sound" zu reiten. Am Ende
kommt es darauf an, so wenig Wasser wie möglich zu schlucken.
taz vom 22.8.2006, S. 13, 312 Z. (Kommentar), TOBIAS RAPP
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