[echo] [tamm-tamm] Ein Gedenkredner verfehlt sein Thema
Bahari Ndogo
bahari1 at gmx.de
Wed Aug 30 19:05:39 CEST 2006
Die im FAZ-Artikel hochgelobte Ausstellung "Flucht, Vertreibung,
Integration" mag ja durchaus fachlich tiefgreifend sein. Befremdend wirkt
aber, dass es nur um Flucht und Vertreibung von Deutschen geht. Wenn man
schon heute eine solche Ausstellung wagt, dann doch so, dass alle vom Krieg
verursachten Fluchtbewegungen, vor allem in den okkupierten Ländern, zur
Sprache kommen. Eine Ausstellungsabteilung gehört dann auch dem Aggressor.
Mich überrascht nichts mehr. Wer weiß, ob Hermann Schäfer noch im tammschen
Gremium sitzt?
joe
> Von: cornelia sollfrank <cornelia at snafu.de>
> Datum: Wed, 30 Aug 2006 14:46:32 +0200
> An: Initiative zur Verhinderung des Tamm Museums <tammtamm at soundwarez.org>
> Betreff: [tamm-tamm] Ein Gedenkredner verfehlt sein Thema
>
> liebe tamm tamms,
>
> ich habe einen text rausgesucht, der in etwa wiedergibt, was sich herr
> prof. schäfer am sonntag in weimar geleistet hat.
> ich habe keine aktuellen informationen darüber, ob dieser prof. schäfer
> immer noch im beirat des tammschen institutes tätig ist, seitdem er
> stellvertretender kulturstaatsminister ist, aber es liegt mir auf der
> zunge, zu sagen, dass er seine rede, die er in weimar nicht beenden
> konnte, in hamburg sicherlich halten könnte, ohne unterbrochen zu
> werden. vielleicht bietet die eröffnung des tamm museums ja die
> passende gelegenheit dafür? themenverfehlung solcher art sind
> sicherlich willkommen bei tamms.
>
> ich weiss, das ist polemisch, viel zu sehr, aber was können sich diese
> typen noch alles leisten, um zu verdeutlichen wes' geistes kind sie
> sind und sich danach mit "missverständnis" aus der affaire ziehen?
>
> ich habe darauf gewettet, dass er nicht von seinem amt zurücktreten
> wird deswegen, und es sieht ganz so aus, als würde ich diese wette
> gewinnnen. leute wie er können sich ungehindert entfalten in unserer
> gesellschaft, unserer stadt.
>
> best, c.
>
>
> faz, 28.08.2006
>
> Eklat um Buchenwald
> Ein Gedenkredner verfehlt sein Thema
>
> Seit drei Jahren eröffnet Nike Wagner ihr "pèlerinages"-Kunstfest
> Weimar traditionell mit einem Orchesterkonzert zum "Gedächtnis
> Buchenwald". Die zu diesem Anlaß gehaltene Rede sorgte nun für einen
> Eklat. Geladen hatte man Hermann Schäfer, Organisator der hochgelobten
> Ausstellung "Flucht, Vertreibung, Integration" im Bonner Haus der
> Geschichte, Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Stiftung
> "Zentrum gegen Vertreibungen" und Ministerialdirektor des
> Kulturstaatsministers Bernd Neumann (CDU). Nach einleitenden Zitaten
> von Elie Wiesel und von Gustave Flaubert betonte Schäfer die
> Verantwortung eines jeden Deutschen, die Erinnerung an die Opfer der
> "dunklen Jahre der nationalsozialistischen Tyrannei" wachzuhalten.
> Schon diese Formulierung konnte merkwürdig pauschal erscheinen. Für
> lautstarke Mißfallensbekundungen sorgte dann die Fortsetzung des etwa
> zwanzig Minuten langen Vortrags. Denn es war ausschließlich das
> Schicksal der deutschen Vertriebenen, von dem hier in aller
> Ausführlichkeit gesprochen wurde.
>
> "Es ist keine Erinnerungstäuschung und keine Umdeutung von Geschichte",
> sagte Schäfer, "wenn wir feststellen, daß die deutschen Vertriebenen
> Opfer waren. Sie waren es, und sechzig Jahre nach Ende des Zweiten
> Weltkriegs können wir es offen und ohne Scheu sagen." In der Folge
> schien Schäfer, ohne sich um den Anlaß zu bekümmern, zu dem er geladen
> worden war, montageartig zusammenzufügen, was ihm in letzter Zeit durch
> den Kopf gegangen war oder was er ohnehin einmal loswerden wollte.
> Eingehend erläuterte er noch einmal das Konzept der Bonner Ausstellung,
> verwies auf die aktuelle Berliner Schau "Erzwungene Wege", bedauerte,
> daß es seinerzeit im Bundestag keine neue Debatte über die korrigierte
> Wehrmachtsausstellung gegeben habe, differenzierte zwischen "schwarzen
> und weißen Traditionslinien unserer Geschichte" und rief dazu auf, sich
> "zur Pflege unseres Geschichtsbewußtseins" auch der "weißen
> Traditionslinien" zu versichern. Durch Zwischenrufe ("Aufhören!") und
> vorzeitiges Klatschen erzwungene Unterbrechungen nahm er scheinbar
> ungerührt hin, schlug noch eine Volte zum Fall Günter Grass ("Es
> wundert mich wenig, daß er ein begeisterter Anhänger eines totalitären
> Regimes war") und rechnete den Fall gegen die alte Debatte um
> Kurt-Georg Kiesinger auf. Dann zwang ihn das Publikum zum Abbruch.
>
> Die allgemeine Empörung über die unsensible Verfehlung der Thematik ist
> groß. Intendantin Nike Wagner findet es "bedauerlich und
> unverständlich", daß Schäfer mit keinem Wort auf die Opfer des
> Konzentrationslagers eingegangen sei. Schäfer habe das Thema "auf
> grausame Weise verfehlt". Volkhardt Knigge, der Leiter der
> Gedenkstätte, kritisiert: "Das war keine Buchenwald-Gedächtnisrede."
> Bertrand Herz, der Präsident des Internationalen Komitees
> Buchenwald/Dora, spricht von einer Geringschätzung des
> Buchenwald-Anliegens. Eine "Schande" nannte Weimars neuer
> Oberbürgermeister Stefan Wolf (SPD) den Vorfall. Für die "Mißachtung
> der Opfer und Beleidigung der Überlebenden" wolle er sich bei allen,
> die dies mit anhören mußten, ausdrücklich entschuldigen. Das Kunstfest
> trage jedoch keine Verantwortung.
>
> Hermann Schäfer hat sich zwar in einem Radiogespräch des MDR
> entschuldigt, wies jedoch dort wie im Gespräch mit dieser Zeitung
> ebenfalls jede Verantwortung zurück. Flucht und Vertreibung seien in
> der DDR ein Tabuthema gewesen. Die Publikumsreaktion sei vielleicht
> auch als Reflex auf dieses Verdrängen der Problematik in der DDR zu
> verstehen. Außerdem sei er ausdrücklich eingeladen worden, um über
> Flucht und Vertreibung zu sprechen. In Nike Wagners Einladungsbrief ist
> von einem "Gedenken an die Opfer des ehemaligen Lagers Buchenwald" die
> Rede und von einem "rituell wiederkehrenden Gedenk-Konzert", das es
> "rhetorisch einzuleiten" gälte. Richtig ist, daß sie im Rahmen einer
> allgemeinen Würdigung Schäfers als erfahrenen Historikers und
> Zeitgeschichtlers auch Bezug nimmt auf seine Ausstellung "Flucht,
> Vertreibung, Integration".
>
> Der Redner hat das Gedenken, das von ihm erwartet wurde, offenbar weit
> ausgelegt. Tatsächlich ist es ja durchaus üblich, die Erinnerung an die
> KZ-Opfer als "Mahnung" zu begreifen und Lehren aus diesem Exempel zu
> ziehen, die auch auf das Schicksal anderer Opfer zutreffen. Schäfer hat
> es allerdings versäumt, explizit die Brücke zwischen dem ihm
> vorgegebenen Anlaß und dem von ihm ausgewählten Gegenstand zu
> beschreiten. Als Provokation wirkte, daß er jede ausdrückliche
> Erwähnung der Toten und Überlebenden von Buchenwald unterließ. Es
> fehlte der kunstgerechte "rhetorische" Übergang. Wegen ähnlicher
> handwerklicher Fehler erregte einst der Bundestagspräsident Jenninger
> einen Skandal. Man konnte zuerst glauben, Schäfer habe das falsche
> Redemanuskript eingesteckt. Er mag meinen, als Fachmann gesprochen zu
> haben. Tatsächlich wurde er als Repräsentant des Bundes gehört.
> Seltsam, daß ausgerechnet er nicht bedacht hat, wie virulent die
> sogenannte Opferkonkurrenz in der Gedenkkultur geblieben ist.
>
> JULIA SPINOLA
> _______________________________________________
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> tammtamm at soundwarez.org
> https://soundwarez.org/mailman/listinfo/tammtamm
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