[echo] Eine Hyme auf Leuchtwürmchen und das Märchen von Städten als Marke

Barbara Lang barbara-lang at nexgo.de
Thu Aug 31 11:50:20 CEST 2006


Menschen sind keine Leuchttürme!
Replik auf das KuPoGe-Jubiläum in Hamburg

Menschen sind keine Leuchttürme. Deshalb werden sie oft übersehen. Selbst
wer strahlt,
kann nicht immer damit rechnen, erkannt zu werden.
Menschen sind keine Kultur. Sie machen welche. Manche behaupten, sie hätten
welche.
Beide Beobachtungen waren – stark vereinfacht und profanisiert – der
Ausgangspunkt zur
Gründung der Kulturpolitischen Gesellschaft. Selbstverständlich war dies der
Mittelpunkt
aller wohlmögenden Festvorträge zum 30-jährigen Bestehen. Man hörte es nur
nicht mehr so
deutlich heraus. Dass allen Menschen die Kraft zur Kultur innewohne. Dass
sie von allen, mit
allen und für alle möglich sei – und eben nicht nur bestimmten Bewohnern mit
bestimmten
Bildungsgraden und Berufsverhältnissen zukäme. Dass sie die Würde und die
Wirklichkeit
der Menschen prägen werde.
Gewiss sind diese Gedanken in ihrer schönen Schlichtheit oft zu wörtlich
oder im Gegenteil
zu weisheitlich verstanden worden. Nicht alles, was Soziokultur sich nannte
oder als
Popkultur etikettierte, war erbaulich oder emanzipativ.
Doch ob ein „Leuchtturmprojekt“ oder eine „Hafen-City“ jemals auch nur in
die Nähe solcher
Schlagwörter kommen werden, so naiv wie bestechend sie auch immer sein
mögen, ist
mehr als fraglich.
Gleichwohl wurde in den Festvorträgen, in den Debatten und Besichtigungen
während der
Festtagung der KuPoGe so getan. Es wurden für „Leuchtturmprojekte“ und die
„Hafen-City“
sogar Argumente gefunden, die den Diskussionszusammenhängen der vergangenen
dreißig
Jahre entliehen schienen. Von Realismus war die Rede, von einzigartigen
Chancen, von
Identifikation, von bürgerschaftlichem Engagement, von Werten.
Und doch war da mehr Nebel als Leuchtfeuer. Mehr Finden als Suchenwollen.
Mehr Antworten
als überhaupt verdutzte Fragen gestellt wurden.
Es war eine schöne Sommernacht in den Alpen gewesen. Der Urlauber Armin H.
Fuchs
schrieb an die Freunde in Hamburg, mit denen er sich einmal im Monat zu
einem „Kultur
Jourfixe“ traf. Das erste Mal in Leben habe er Glühwürmchen gesehen. Sie
seien unvergleichlich
schön, ihr luftiger Tanz ein Traum. Man werde ihnen mehr Beachtung schenken
müssen, auch an der Elbe. Nach seiner Rückkehr wolle er mit den Freunden –
unter ihnen
Filmförderer Dieter Kosslick, Ausstellungsmacher Nils Jockel,
Theatermacherin Hannah
Hurtzig, Galerist Thomas Wegner und zehn, zwanzig, manchmal dreißig anderen
– eine Initiative
gründen.
Doch er verunglückte. Es wurde nichts aus dem Leuchtwurmprojekt. Der Kreis,
aus dem
jahrelang Anregungen und praktische Hilfen in alle möglichen Kulturprojekte
der Stadt flossen,
zerfiel.
Wie kein anderer wurde Armin Fuchs in Hamburg mit dem Begriff
„Stadtteilkultur“ identifiziert.
Nur dass er Mitarbeiter der Kulturbehörde war, mochte mancher kaum glauben.
Vielleicht
auch deshalb erinnerte (sich) keiner der offiziellen Behördenredner und
–rentner beim
KuPoGe-Fest an den gewitzten Mann, der immer den Mut hatte, nötigenfalls so
„unrealistisch“
zu „träumen“, dass die Realität nicht zum übermächtigen Alptraum gerät.
So einer war auch Walter Seeler. Als die Kulturpolitische Gesellschaft vor
dreißig Jahren
in Hamburg ihre Programmatik formulierte, da lud er zu stolzen Spaziergängen
durch den
Stadtteil. In Zimmermannskluft führte er durch „sein“ Ottensen. Der Beamte
des Bezirksam-
tes Altona hatte beharrlich die geplante „Flächensanierung“ gemildert in
eine „sanfte“, kleinteilige
Renovierung der Räume in der Stadt. Das Grün sollte zurückkehren, die Autos
weichen.
Die Nachbarn sollten mitreden und so der Stadtteil mit ihnen und durch sie
„neu“ entstehen,
nicht vom Reißbrett. Seeler liebte bald die entstehenden Oasen in den
Hinterhöfen,
alles andere als Leuchttürme. Er liebte es, dass kleine Theater wie das
„Monsun“ ehemalige
Fabriken von der Basis nutzten statt einen Überbau aufzustülpen.
Als seine Amtszeit zuende ging, bemerkte Walter Seeler, dass seine Schrift
verschludert
war. Er trainierte mit einem wuchtigen Füllhalter wieder so zu schreiben,
dass jeder seine
Notate sofort und gerne lesen mochte. Nicht nur, weil er Hosenträger
Laptop-Trägern vorzog,
wurde er vielfach mehr mit „Stadtteilkultur“ identifiziert als mit seinem
geliebten und gehassten
Job als Sanierungsbeauftragter.
Jahrelang prägten Armin Fuchs und Walter Seeler die Kulturpolitische
Gesellschaft mit.
Aber mehr noch wirkte ihr Tun in der Stadt und darüber hinaus. Was hätten
sie beim dreißigsten
Geburtstag in der Fabrik gesagt?
Vermutlich nichts. Was ist da noch zu sagen, wenn dort als Regentenschläue
dargestellt
wurde, dass die Stadt „heimlich“ die Grundstücke um die Speicher gekauft und
somit die
Chance für den angeblich großen Wurf „Hafen-City“ habe. Ein „Stadtteil“ mit
Pontons zum
Seglervertäuen, aber ohne Läden, mit einer „Philharmonie“, aber ohne Schule
oder Kindergarten,
mit Blick auf kanalisiertes Wasser, aber ohne Bäume oder Gärten – ein
„Stadtteil“ der
schön Reichen als Anziehungspunkt für Touristen, aber ohne
Bürgerbeteiligung. Kein
Leuchtturm der Stadtplanung, kein Leuchtturm der Partizipation, kein
gewachsenes, bewohnergeprägtes
Quartier, sondern ein von wohlmeinenden Regierungen aller Couleur auf Kosten
der Bürger und wie zum Hohn gesetztes leuchtendes Wahrzeichen für
Entmündigung,
ein Disneyland für DINKis, Personen mit „double income, no kids“.
Es wäre traurig, wenn es nicht so komisch wäre. Da redeten Realisten von
Leuchttürmen
als hätten nicht gerade sie GPS im Wagen. Da schwärmten sie von generalen
Planungsmöglichkeiten
der Politik und Verwaltung, die gleichzeitig immer der „Freiheit“ der
Investoren
huldigen als sei sie Ausweis von Kreativität und Menschenwürde.
Vergessen, dass zur Kaiserzeit Planerstriche das dortige Wohn- und
Arbeitsgebiet, ein
von der Obrigkeit gefürchteter Ort der Rebellion, umwandelten in die
bewohnerlose „Speicherstadt“.
Vergessen, dass jahrzehntelang Stadtpolitik dies Viertel nach dem Krieg
baulich
und wirtschaftlich erst herunterkommen ließ. Vergessen, dass „heimliche“
Politik gegen die
Bürger das „Alte Land“ in Hamburg vollends Container- und Flugkisten opferte
und Stadtteile
wie Hamburg-Harburg nach der Sanierung völlig verwahrlosen und verrotten
ließ. Vergessen,
welches Elend mit den zahlreichen vorangegangenen Großprojekten erzeugt
wurde,
von der „City Nord“ zur „City Süd“, von Mümmelmannsberg bis Neu Wiedenthal.
Vergessen sind Armin Fuchs und Walter Seeler noch nicht. Zum dreißigsten
Geburtstag
der Kulturpolitischen Gesellschaft muss aber anscheinend auf eines
aufmerksam gemacht
werden: Leuchttürme sind keine Menschen.
Rainer B. Jogschies




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