[echo] Einladung / Pressetext / Projekt U.N.I. (e.V.)
raimund kollegger
r.kollegger at arcor.de
Wed Nov 15 19:47:46 CET 2006
Einladung / Pressetext – Projekt U.N.I. (e.V.)
Koordination: Raimund Kollegger
Projekt U.N.I.
Galerie: Lab of Graviton
Ausstellung # 001/009
Künstler: John Attraktor
Titel: DIALECKDICH
Eröffnung: Mittwoch, 22.11.2006 / 19 Uhr
Dauer: 22.11. bis 31.1.2007
Ort: 20535 Hamburg
Strasse: Carl-Petersen-Str. 33
Besichtigung: Jeder Zeit nach Vereinbarung
Telefon: +49-40-44809483
Email: info at u-n-i.de
Web: www.u-n-i.de
Die Dialektische Feldtheorie und seine
Heuristik in der Kunst von John Attraktor
von Armin Digging
Eines sollte gewiss sein, wenn man der Installation von
John Attraktor gegenübersteht: Die Frage nach dem Wesentlichen
ist so grundsätzlich gestellt, wie man es vom Wesentlichen selbst
erwarten würde. Die Frage nach dem Wesentlichen will hier selbst
das Wesentliche sein. Nicht mit einer Antwort auf die Frage ist
das Wesentliche zu nennen, sondern in der Frage existiert immer
schon das Wesentliche. Die Antwort darauf wäre für John Attraktor
nur noch eine Variation der Frage, oder eine dialektische Übung
auf dem Feld des Wesentlichen.
In einem heuristischen Feld eröffnet John Attraktor eine Dialektik
der besonderen Art und nennt dies das Dialektische Feld.
Ein quasi kategorisches Feld zwingt die verschiedenen Dispositionen
in einen dialektischen Diskurs über Mittel und Verwendung, im Sinne
einer Methode die sich das Wesentliche zu Eigen machen möchte.
Das Wesentliche, in der griechischen Philosophie taucht es als das
Werdende auf – Das was wird, kann sich durch die dialektischen
Impulse im definierten Feld freisetzen. Im Feld der formulierten
Potenz aller Möglichkeiten kann das Wesentliche in einer
statistischen Disposition der Veränderung zur Utopie werden.
Im Wesentlichen zeigt uns John Attraktor eine Feldfunktion im
ästhetischen Diskurs und treibt die Vorstellung über das Wesentliche
in Richtung Systemtheorie. In dem nämlich das Wesentliche als das
systemisch Werdende formuliert wird, ist es in seinem ursprünglichen
Sinne schon mit allen Funktionen ausgestattet um Zusammenhänge
der Veränderungen in seinen Notwendigkeiten zu begreifen und zu
beschreiben. Das Wesen wird im Werden auch insofern frei sein, als es
seine Notwendigkeiten erkennt und seinem Sinn nach wird. Systemisch
würde also ein System, welches seine Notwendigkeiten erkennt, sich
auch die Methode in die Freiheit erfinden. Dies klingt zwar wie eine
platte Attitüde, meint aber eine systemimmanente Utopie in unseren
bewussten Sprachdiskursen.
Die historischen Utopien, über Dialektik und Dekonstruktion, stillgelegt
und verödet, wirken nach wie vor in dialektischen Feldern – in denen
sich alle politischen, medialen, ökonomischen, naturalistischen und
philosophischen Felder in einem ästhetischen Diskurs überlagern.
Aus einer einfachen Dialektik heraus stehen alle Utopien für jedwede
Propaganda und Manipulationen frei zur Verfügung. Im so genannten
neoliberalen Kapitalismus kann innerhalb des Global Game nahezu Alles
als Disposition fungieren und zum Attraktor des Glücks werden.
Der dialektische Unfall, das heißt das was aus dem Rahmen fällt
und gar nicht zur Disposition steht, wird mit dem Unglück nicht nur
schlecht versorgt, sondern wird auch stigmatisiert und das System
scheint dem Depressiven recht zu geben, wenn er sich im Unglück auch
gleich selbst entsorgt.
Den apokalyptischen Reitern – Kapital, Medien und Politik – hat auch
John Attraktor nichts anderes entgegenzusetzen, als ein kategorisches
Feld zu eröffnen auf dem alle dialektischen Verhältnisse neu zu
verhandeln sind. Im Verständnis einer Feldfunktion, das heißt im
Zusammenhang von Feld und Impuls, sind dann die beteiligten Interessen
dazu gezwungen anders zu argumentieren, denn nach Heisenbergs
Unschärferelation ist Ort und Impuls nicht gleichzeitig zu bestimmen.
Bei Anwendung solcher Überlegungen und Betrachtungen lassen sich die
Zusammenhänge neu bestimmen. Ich möchte darauf hinweisen, dass vieles
schon in der oder den Systemtheorien sich in Anwendung befindet.
Vielleicht so manches ohne die theoretische Reifeprüfung bestanden
zu haben. Aber die Not ist groß und Erfolg um jeden Preis geht hier
ebenfalls vor Gewissenhaftigkeit. Aller Voraussicht nach sind die
Systemtheorien ja nicht in der Lage irgendein Werkzeug auszubilden,
mit dem bestimmter gehandelt werden könnte. Im Gegenteil, im Erkennen
beim eigenen Eingebetet sein in die sanften Katastrophen, werden
sie müde, hungrig nach Erfolg und ergötzen sich wie alle Anderen am
praktizieren der Praxis.
Zuweilen sind solche Implikationen nicht direkt in der Arbeit von
John Attraktor zu lesen. Erst wenn man den strukturellen Bedingtheiten
zwischen Malerei, Fotografie, Skulptur, Installation und Virtualität
folgt und anfängt davor Angst zu haben, wie sich alles verstrickt,
im so genannten Dialektischen Feld, kann man erahnen was möglicherweise
auf uns zukommt. Im Dialektischen Feld scheinen die unterschiedlichen
medialen Kategorien einen Reigen zu Tanzen. Vielleicht einen ekstatischen
Hexensabbat, vielleicht einen Todestanz oder ist es nur die reine Hysterie
die einem direkt und mit schmerzendem Zynismus in die Augen sieht.
Mit „Mach die Augen zu und ruh dich aus!“ möchte man sich beruhigen,
aber nur nicht inne halten, schnell von Tannen, sonst kriegen sie einen.
Kurz davor sich den Dingen doch hinzugeben, lassen sie einen aber abrupt
los und machen einen durchdringend nüchtern. Sie, die Dinge haben gar
kein Interesse an einem, nicht mal die Spur. Du bist es, der völlig
uninteressant und unnötig ist. das Dialektische Feld funktioniert auch
ohne dich und zwar perfekt. Ein paar Spuren reichen von dir um das
heroische Selbst, das gequälte Subjekt wieder auferstehen zu lassen.
+++
Armin Digging ist zurzeit Vorsitzender im Aufsichtsrat der
Kunsthalle Black Hole in Liverpool. Er legt großen Wert darauf
nur mit "Digg" angesprochen zu werden und stammt aus einem
Provinznest in Styria, wohin er niemals zurückkehren möchte,
aller höchstens dialeckdich.
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