[echo] Einladung / Pressetext / Projekt U.N.I. (e.V.)

Raimund Kollegger info at u-n-i.de
Tue Nov 21 17:12:50 CET 2006


 
Erinnerung!
  
Einladung / Pressetext – Projekt U.N.I. (e.V.)
Koordination: Raimund Kollegger
 
 
Projekt       U.N.I.
Galerie:      Lab of Graviton
Ausstellung   # 001/009
Kuenstler:    John Attraktor
Titel:        DIALECKDICH
 
Eroeffnung:   Mittwoch, 22.11.2006 / 19 Uhr
Dauer:        22.11. bis 31.1.2007
 
Ort:          20535 Hamburg
Strasse:      Carl-Petersen-Str. 33
Besichtigung: Jeder Zeit nach Vereinbarung
Telefon:      +49-40-44809483
Email:        info at u-n-i.de
Web:          www.u-n-i.de
 
 
 
Die Dialektische Feldtheorie und seine
Heuristik in der Kunst von John Attraktor
 
von Armin Digging
 
Eines sollte gewiss sein, wenn man der Installation von
John Attraktor gegenuebersteht: Die Frage nach dem Wesentlichen
ist so grundsaetzlich gestellt, wie man es vom Wesentlichen selbst
erwarten wuerde. Die Frage nach dem Wesentlichen will hier selbst
das Wesentliche sein. Nicht mit einer Antwort auf die Frage ist
das Wesentliche zu nennen, sondern in der Frage existiert immer
schon das Wesentliche. Die Antwort darauf waere fuer John Attraktor
nur noch eine Variation der Frage, oder eine dialektische Uebung
auf dem Feld des Wesentlichen.
 
In einem heuristischen Feld eroeffnet John Attraktor eine Dialektik
der besonderen Art und nennt dies das Dialektische Feld.
Ein quasi kategorisches Feld zwingt die verschiedenen Dispositionen
in einen dialektischen Diskurs ueber Mittel und Verwendung, im Sinne
einer Methode die sich das Wesentliche zu Eigen machen moechte.
Das Wesentliche, in der griechischen Philosophie taucht es als das
Werdende auf – Das was wird, kann sich durch die dialektischen
Impulse im definierten Feld freisetzen. Im Feld der formulierten
Potenz aller Moeglichkeiten kann das Wesentliche in einer
statistischen Disposition der Veraenderung zur Utopie werden.
 
Im Wesentlichen zeigt uns John Attraktor eine Feldfunktion im
aesthetischen Diskurs und treibt die Vorstellung ueber das Wesentliche
in Richtung Systemtheorie. In dem naemlich das Wesentliche als das
systemisch Werdende formuliert wird, ist es in seinem urspruenglichen
Sinne schon mit allen Funktionen ausgestattet um Zusammenhaenge
der Veraenderungen in seinen Notwendigkeiten zu begreifen und zu
beschreiben. Das Wesen wird im Werden auch insofern frei sein, als es
seine Notwendigkeiten erkennt und seinem Sinn nach wird. Systemisch
wuerde also ein System, welches seine Notwendigkeiten erkennt, sich
auch die Methode in die Freiheit erfinden. Dies klingt zwar wie eine
platte Attituede, meint aber eine systemimmanente Utopie in unseren
bewussten Sprachdiskursen.
 
Die historischen Utopien, ueber Dialektik und Dekonstruktion, stillgelegt
und veroedet, wirken nach wie vor in dialektischen Feldern – in denen
sich alle politischen, medialen, oekonomischen, naturalistischen und
philosophischen Felder in einem aesthetischen Diskurs ueberlagern.
Aus einer einfachen Dialektik heraus stehen alle Utopien fuer jedwede
Propaganda und Manipulationen frei zur Verfuegung. Im so genannten
neoliberalen Kapitalismus kann innerhalb des Global Game nahezu Alles
als Disposition fungieren und zum Attraktor des Gluecks werden.
Der dialektische Unfall, das heisst das was aus dem Rahmen faellt
und gar nicht zur Disposition steht, wird mit dem Unglueck nicht nur
schlecht versorgt, sondern wird auch stigmatisiert und das System
scheint dem Depressiven recht zu geben, wenn er sich im Unglueck auch
gleich selbst entsorgt.
 
Den apokalyptischen Reitern – Kapital, Medien und Politik – hat auch
John Attraktor nichts anderes entgegenzusetzen, als ein kategorisches
Feld zu eroeffnen auf dem alle dialektischen Verhaeltnisse neu zu
verhandeln sind. Im Verstaendnis einer Feldfunktion, das heisst im
Zusammenhang von Feld und Impuls, sind dann die beteiligten Interessen
dazu gezwungen anders zu argumentieren, denn nach Heisenbergs
Unschaerferelation ist Ort und Impuls nicht gleichzeitig zu bestimmen.
Bei Anwendung solcher Ueberlegungen und Betrachtungen lassen sich die
Zusammenhaenge neu bestimmen. Ich moechte darauf hinweisen, dass vieles
schon in der oder den Systemtheorien sich in Anwendung befindet.
Vielleicht so manches ohne die theoretische Reifepruefung bestanden
zu haben. Aber die Not ist gross und Erfolg um jeden Preis geht hier
ebenfalls vor Gewissenhaftigkeit. Aller Voraussicht nach sind die
Systemtheorien ja nicht in der Lage irgendein Werkzeug auszubilden,
mit dem bestimmter gehandelt werden koennte. Im Gegenteil, im Erkennen
beim eigenen Eingebetet sein in die sanften Katastrophen, werden
sie muede, hungrig nach Erfolg und ergoetzen sich wie alle Anderen am
praktizieren der Praxis.
 
Zuweilen sind solche Implikationen nicht direkt in der Arbeit von
John Attraktor zu lesen. Erst wenn man den strukturellen Bedingtheiten
zwischen Malerei, Fotografie, Skulptur, Installation und Virtualitaet
folgt und anfaengt davor Angst zu haben, wie sich alles verstrickt,
im so genannten Dialektischen Feld, kann man erahnen was moeglicherweise
auf uns zukommt. Im Dialektischen Feld scheinen die unterschiedlichen
medialen Kategorien einen Reigen zu Tanzen. Vielleicht einen ekstatischen
Hexensabbat, vielleicht einen Todestanz oder ist es nur die reine Hysterie
die einem direkt und mit schmerzendem Zynismus in die Augen sieht.
Mit „Mach die Augen zu und ruh dich aus!“ moechte man sich beruhigen,
aber nur nicht inne halten, schnell von Tannen, sonst kriegen sie einen.
Kurz davor sich den Dingen doch hinzugeben, lassen sie einen aber abrupt
los und machen einen durchdringend nuechtern. Sie, die Dinge haben gar
kein Interesse an einem, nicht mal die Spur. Du bist es, der voellig
uninteressant und unnoetig ist. das Dialektische Feld funktioniert auch
ohne dich und zwar perfekt. Ein paar Spuren reichen von dir um das
heroische Selbst, das gequaelte Subjekt wieder auferstehen zu lassen.
 
+++
 
Armin Digging ist zurzeit Vorsitzender im Aufsichtsrat der
Kunsthalle Black Hole in Liverpool. Er legt grossen Wert darauf
nur mit "Digg" angesprochen zu werden und stammt aus einem
Provinznest in Styria, wohin er niemals zurueckkehren moechte,
aller hoechstens dialeckdich.
 





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