[echo] "Impossible India" im Frankfurter Kunstverein

cornelia sollfrank cornelia at snafu.de
Thu Oct 5 10:43:30 CEST 2006


taz, 05.10.2006

Ein Stadtplan ohne Müllhalden ist sinnlos
Die Ausstellung "Impossible India" im Frankfurter Kunstverein befasst 
sich mit den urbanen Strukturen, die sich in Indiens Metropolen 
gebildet haben

von URSULA WÖLL

"Shanghai Tales" nennt Sharmila Samant ihren Film, obwohl er im 
indischen Mumbai spielt. Weil die Megacity mit Singapore und Schanghai 
konkurriert, zerstörte sie 2004 einen riesigen Slum, um wertvolles 
Bauland für Hochhäuser zu gewinnen. Als Bagger unter Polizeischutz die 
Hütten von 90.000 Familien plattmachten, war die Künstlerin mit der 
Kamera vor Ort. Sie filmte auch die Massenproteste auf dem 
Maidan-Platz, die am 15. August, dem Jahrestag der indischen 
Unabhängigkeit, stattfanden.

Über 100.000 der obdachlos gemachten Bewohner waren Kinder, deshalb 
ließ Sharmila Samant das Geschehen durch ein Kind aus dem Off 
kommentieren. Um das Trauma der Vertriebenen zu visualisieren, schnitt 
sie irreale Sequenzen zwischen die Dokumentaraufnahmen. Ihr Film ist 
nun im Frankfurter Kunstverein in der Ausstellung "Impossible India" zu 
sehen, die den Blick auf die unmöglichen urbanen Strukturen, auf die 
Schattenseiten des farbenprächtigen Indien lenkt. Und doch wirkt die 
Schau nicht deprimierend, weil sie eine Kunstszene vorstellt, die sich 
voller Optimismus einmischt. Viele der Arbeiten sind im Kontext sozial 
engagierter Gruppen entstanden.

Sharmila Samant schloss ihr Kunststudium 1989 in Mumbai ab, stellte auf 
dem World Social Forum und international aus und ist im "Open Circle" 
aktiv. Für dessen "School on Wheels" erfand sie einen Schulranzen aus 
Nylon mit verstärktem Rücken und vier ausziehbaren Leichtmetall-Beinen, 
der den Slum-Kindern auch als Tisch dienen kann. Wie kam sie auf die 
Idee des seltsamen Gebildes? Sie lacht: "I have studied Sculpture."

Auf Einladung der Kuratorin Nina Möntmann hat sie die "School on 
Wheels" in Frankfurt als Rauminstallation nachempfunden. Die blauen 
Ranzen existieren nur in 40 Exemplaren, obwohl es allein in Mumbai über 
3,5 Millionen Slum-Bewohner gibt. Sie haben eher eine symbolische 
Funktion und sollen die Kinder anregen, ihre Lernbedingungen aktiv zu 
gestalten, Debatten in den Elendsvierteln in Gang setzen und 
Selbstbewusstsein wecken. Es beeindruckt, wie sehr die ausstellenden 
Künstler auf die Kraft der Fantasie bauen und angesichts der Probleme 
nicht resignieren oder eine unverbindliche Ästhetik wählen.

Das enorme Wachstum der indischen Wirtschaft nützt nämlich den Armen 
nichts, im Gegenteil nimmt die Landflucht noch zu und verschärft die 
urbanen Gegensätze. Wie erfindungsreich die Marginalisierten ihr Leben 
meistern, zeigt der 1973 geborene Gigi Scaria, der Malerei in New Delhi 
studierte und dort als Lehrer arbeitete, bis ihn seine Kunst ernähren 
konnte. Er filmte zwei Jugendliche bei ihren nächtlichen Ausflügen auf 
die Müllberge der Hauptstadt. Soheil und Maryan türmen die brauchbar 
scheinenden Abfälle mit großer Routine auf ihre klapprigen Fahrräder 
und sortieren sie in ihrem Unterschlupf. Mit behutsam inszenierten 
Szenen unterstreicht Scaria ihre ausgegrenzte Existenz. So finden die 
beiden einen Stadtplan im Abfall eines Hotels, der jedoch für sie 
wertlos ist, denn "in ihm sind keine Müllplätze eingezeichnet".

Die 24-jährige Lehrerin Neelam Ayare wiederum hat in ihren Fotoserien 
das Leben der Straßenbau-Arbeiterinnen in Mumbai festgehalten, die, das 
kann man einem Begleitheft entnehmen, gerade einmal 100 Rupien am Tag 
verdienen (zum Vergleich: ein Touristenmittagessen kostet 140 Rupien). 
Wichtig scheint der Fotografin auch die Sensibilisierung für die 
geschlechtsspezifische Körpersprache. Man sieht etwa eine Arbeiterin im 
roten Sari auf einem Sandberg vor zwei Stahlröhren sitzen und neben ihr 
einen Mann in hellen Hosen, vielleicht der Aufseher. Die Frau hält die 
Kniee geschlossen und die Hände auf ihnen gefaltet, der Mann dagegen 
die Beine gespreizt und die Arme neben dem Körper.

Wie die Straßenbau-Arbeiterinnen kommen täglich Straßenkehrer, 
Hausangestellte oder Wachleute aus ihren Slums ohne Infrastruktur in 
die ansehnlichen Viertel, um diese am Funktionieren zu halten. Die 
Mittelschicht nimmt sie als billige Arbeitstiere und nicht als 
gleichberechtigte Mitbewohner ihrer Stadt wahr. Die Ausstellung 
"Impossible India" erinnert daran, dass deren wohlhabende und arme 
Hälfte zusammengehören. Sie reproduzieren sich wechselseitig, weil die 
Gelder in die prosperierenden Sektoren und nicht in die Slums oder die 
ländlichen Bereiche fließen.

"Impossible India - Parallele Ökonomien und zeitgenössische 
Kunstproduktion", bis 19. 11., Frankfurter Kunstverein, www.fkv.de

taz vom 5.10.2006, S. 16, 150 Z. (Kommentar), URSULA WÖLL



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