[echo] Heute Abend beginnt das 14. Filmfest Hamburg
cornelia sollfrank
cornelia at snafu.de
Thu Oct 5 10:46:09 CEST 2006
taz, 05.10.2006
Ein Kessel Buntes
Das Filmfest Hamburg startete einst in den 1970er Jahren als "Filmfest
der Filmemacher" und verlegte sich im Lauf der Zeit immer mehr auf
Stars und Glamour. Heute Abend beginnt nun das 14. Filmfest Hamburg,
ein eigenes Profil ist aber auch in diesem Jahr nicht zu erkennen.
http://www.filmfesthamburg.de/
Es ist schwer auf den Punkt zu bringen, dieses Filmfest in Hamburg, das
mit den Jahren verschiedenen Verwandlungen erfahren hat und heute etwas
hilflos nach einem Profil zu suchen scheint. In den späten 1970er
Jahren regten deutsche Regisseure wie Bohm, Herzog, Schlöndorff und
Wenders dazu an, weit weg vom schicken München ein "Filmfest der
Filmemacher" zu gründen. Doch Mitte der neunziger Jahre gab es bei den
Hanseaten eine Tendenz, noch mehr Stars und Glamour als die
Konkurrenten an der Isar in die Stadt zu locken.
Dann wurde das Geld knapper und die Ansprüche kleiner, und nun werden
zwar in acht Sektionen etwa 100 Spielfilme gezeigt, doch es fehlt dabei
das Gefühl, ein bestimmter Film könnte nur auf dem Filmfest Hamburg und
keinem anderen Festival gezeigt werden. Dies passiert in Berlin, in
München, sogar in Oldenburg - aber in Hamburg erscheint das Programm am
ehesten noch wie ein Kessel buntes.
Ein solcher ist natürlich auch nicht zu verachten. Aber warum wird etwa
der Douglas-Sirk-Preis auf dem Filmfest Hamburg an Gérard Depardieu
verliehen, und statt einer kleinen Hommage mit Filmen von ihm wird nur
seine neue Produktion "Quand j'etais chanteur" gezeigt? Die hat zwar
viele Kinobesitzer bei einer Tradeshow in Leipzig vor einigen Wochen
begeistert, aber sie kommt eben deshalb auch schon bald ganz regulär in
die Kinos.
Die Namen der Sektionen "Agenda 06", "Deluxe", "Eurovisuell" oder
"Voilá!" nähren den Verdacht einer diffusen Beliebigkeit. So ist die
neue Kitschorgie aus Bollywood "Kabhi Akvida Naa Kehna" mit dem
Frauenschwarm Shah Rukh Khan ein Selbstläufer und einiges wird einfach
von Cannes und Sundance nachgespielt. Zum Beispiel das schräge
Roadmovie "Little Miss Sunshine" von Jonathan Dayton und Valerie Faris,
das als ein garantierter Publikumsliebling aufs Programm gesetzt wurde.
Die Stimmung dämpfen wird dagegen ebenso sicher der in einer
amerikanischen Kleinstadt gedrehte "The House is Burning" von Holger
Ernst, in dem mit deutschem Tiefsinn das Trauma von 9/11 bearbeitet
werden soll. Wim Wenders ist einer der Produzenten dieses Film, den das
Branchenblatt Variety als "überdrehtes Screamfest" bezeichnete. Die
schärfsten Kritiker der Amerikaner sind immer noch selber welche, wie
etwa Richard Linklater mit "Fast Food Nation" beweist, einem Thriller,
in dem Stars wie Bruce Willis und Ethan Hawke mitspielen, und dessen
Schurke die Fleischindustrie ist.
Mit Entdeckungen aus Südafrika, Paraguay, Libanon, Ägypten, Bosnien und
Herzegowina werden fast gänzlich unbekannten Filmländer vorgestellt,
während das zur Zeit so fruchtbare asiatische Kino kaum vertreten ist.
Wohl weil inzwischen die größeren internationalen Festivals dort den
Rahm abschöpfen.
Mit den Programmschienen "Filmszene Hamburg" und "TV Spielfilm im Kino"
hat die heimische Filmproduktion traditionell ein großes Schaufenster
beim Filmfest. Als eine hanseatische Antwort auf Petersens "Poseidon"
läuft dort "Der Untergang der Pamir" von Kaspar Heidelbach vom Stapel.
In diesem dreistündigen Spielfilm wird von dem mysteriösen Untergang
des größten deutschen Schulschiffs im Jahr 1957 erzählt. Ein Film, der
fast schon zu gut auf dieses Filmfest passt, obwohl dieses ganz
bestimmt nicht als "maritim" gelten will. WILFRIED HIPPEN
Filmfest Hamburg, von 5. bis 12.10.
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