[echo] Kulturpolitik braucht die Unterstützung durch die Künstler
cornelia sollfrank
cornelia at snafu.de
Wed Oct 11 15:53:36 CEST 2006
hier die rede von enzensberger:
faz, 31.08.2006
Kulturpolitik
Eine Tischrede / Von Hans Magnus Enzensberger
Jedes Residenzstädtchen leistet sich heute ein Festival. Manches will
damit sogar ein Ritual begründen. Beim Orden Pour le mérite trug Hans
Magnus Enzensberger unlängst Gedanken zur Kulturgenußförderung vor.
Sein Motto: je kleiner, desto schmackhafter.
Sehr geehrter Herr Minister, liebe Ordensschwestern und -brüder, meine
Damen und Herren, wer wüßte es nicht: das Thema, über das zu reden mir
aufgetragen ist, steckt voller Fallstricke. Kulturpolitik: Nicht nur
weiß niemand genau, was dieser zwittrige Begriff genaugenommen
bedeutet. Er gleicht einem Kentaur, einem Hippogryphen, einer Sphinx,
mit einem Wort: einer Chimäre. Fest steht nur, daß die Kulturpolitik
jenseits des Feuilletons für alle, die mit ihr zu tun haben, mehr
Widrigkeiten als Freuden bereithält. Es ist somit keiner zu beneiden,
der tagaus, tagein ex officio damit befaßt ist.
Gewiß ist es erfreulich, daß der Staat sich überhaupt der Kultur
annimmt, ein Umstand, der auf eine lange deutsche Tradition zurückgeht.
Bekanntlich rührt das auch daher, daß die deutsche Einheit eine
ziemlich späte Errungenschaft gewesen ist. Die Kleinstaaterei ist unser
Lieblingsspielzeug geblieben, und so leistet sich jedes
Residenzstädtchen bis heute sein Theater, sein Orchester, sein Museum,
das eine oder andere Festival und manche andere Annehmlichkeiten. Wenn
der Bund es nicht richtet, wird es schon das Land oder die Gemeinde tun
- ein Zustand, um den uns manche Leute im Ausland, vornehmlich, aber
nicht ausschließlich Künstler, gelegentlich beneiden.
Das ist nett, aber teuer. Es ist deshalb kein Wunder, daß die
Kulturpolitik vor allem dann von sich reden macht, wenn es um Geld
geht. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie es in vielen zuständigen
Ausschüssen, Räten und Gremien zugeht. Sie sind gewöhnlich nicht mit
Komponisten, Bildhauern oder Autoren besetzt, sondern mit
Verbandsvertretern, die gerne zu solchen Sitzungen eilen. Ihre
Mitglieder sind sich der Tatsache wohlbewußt, daß sie immer am
Katzentisch der Politik sitzen. Zwar kann sich kein Finanzminister und
kein Stadtkämmerer ihrer gänzlich entledigen; das Geheul der Zeitungen
klänge den Politikern allzu schrill in den Ohren, wollten sie allzu
deutlich aussprechen, was sie von diesen ewig unzufriedenen Kostgängern
halten, und im übrigen gibt es ja auch Volksvertreter, die sich hin und
wieder in der Oper oder auf einer Vernissage sehen lassen.
In jedem Fall aber stellt die Kulturpolitik, sobald es im Etat
knirscht, das ideale Bauernopfer dar. Zwar bringt es bitter wenig, hier
ein Goethe-Institut und dort eine Bibliothek oder eine Musikschule zu
schließen; im Gegenteil, es handelt sich um die gezielte Vernichtung
von Investitionen. Aber dort, wo Entscheidungen getroffen werden, sind
die sogenannten weichen Faktoren immer als erste dran; denn wer möchte
sich schon mit der Industrie, mit den Bauernverbänden oder mit den
Sportkonzernen anlegen? Und außerdem: Sind die sogenannten
Kulturschaffenden nicht selber schuld daran, daß ihr Budget sich so
wunderbar als Verfügungsmasse eignet? Konstitutionell unfähig, sich
politisch zu organisieren, sind sie nicht in der Lage, ihre Interessen
als Wähler zu vertreten und durchzusetzen. Mit der Strom- und der
Pharmalobby ist noch keine Regierung fertig geworden; die
Kulturindustrie hingegen braucht niemand zu fürchten, obwohl sie nach
der Zahl der Beschäftigten und nach ihrem Umsatz die Landwirtschaft und
andere Branchen bei weitem übertrifft.
Ich muß übrigens zugeben, daß mich das gar nicht weiter stört. Ich bin
nämlich froh, wenn ich darauf verzichten kann, daß der Staat mir unter
die Arme greift. Ich bin schon froh, wenn er mir keine Knüppel zwischen
die Beine wirft, wie er es mit seinem hirnlosen Versuch getan hat, die
deutsche Rechtschreibung zu ruinieren. Als Schriftsteller bin ich
freilich in einer relativ glücklichen Lage; denn die Produktionskosten
eines Buches liegen im niedrigen vierstelligen Bereich. Wehe aber dem,
der eine Oper auf die Bühne bringen oder einen Film drehen will! Sein
Aufwand geht in die Millionen, und deshalb wird er früher oder später
als Bitt- und Antragsteller auftreten müssen.
Auch in diesem Fall wird man jedoch daran erinnern dürfen, daß die
Fütterung von Künstlern nicht zu den Geboten unserer Verfassung gehört.
Wer Theater spielen, Installationen hervorbringen oder Gedichtbände
schreiben will, sollte sich darüber im klaren sein, daß er sich auf
höchst riskante Tätigkeiten einläßt. Für den Fall, daß er mit seiner
Arbeit kein Auskommen findet, sollte er darauf verzichten, sich beim
Staat zu beklagen. Jammernde Künstler sind kein schöner Anblick.
Sie sehen schon, Herr Minister, meine Damen und Herren, ich habe Ihnen
keine starken Ratschläge und keinen Trost zu bieten. Vielleicht
erlauben Sie mir aber wenigstens zwei kleine Anregungen. Meine erste
Bitte geht dahin, sich, soweit es nur geht, von der Verbeamtung der
Kultur zu verabschieden. Die Tätigkeiten, um die es sich hier handelt,
stehen dem Dienstrecht fern; sie kennen keine Pensionsansprüche, keinen
Bundesangestelltentarif und keine Garantien. Lassen Sie deshalb in
Ihrer ministeriellen Güte Zeitverträge walten, vertreiben Sie die
Gewerkschaften aus dem Musentempel, geben Sie den Leuten Autonomie, und
verabschieden Sie sich von dem häßlichen Laster des Kameralismus.
Meine zweite Bitte schneidet hoffentlich weniger tief und schmerzhaft
in die Gepflogenheiten deutscher Behörden ein. Wo es an Mitteln fehlt,
sollte man es, denke ich, unterlassen, das Geld zum Fenster
hinauszuwerfen. Das geschieht tagtäglich in einem Marathon von
Veranstaltungen, Weltausstellungen, Podiumsgesprächen und Kongressen,
für die sich in unserer Sprache die Bezeichnung Event eingebürgert hat.
Flugtickets von und zu den entferntesten Destinationen, Hotels,
Pressekonferenzen, Sicherheitskräfte, großes Buffet - für diesen Zirkus
fehlt es sonderbarerweise nie an Geld. Der gastgebende Würdenträger
erzielt ein stattliches Echo in der Presse und darf in der Tagesschau
auftreten. Produziert wird normalerweise wenig oder nichts.
Entscheidend ist die Repräsentation. Für das, was ein solches
Großereignis kostet, könnte man Dutzende von Übersetzern ins Brot
setzen, angehende Filmemacher mit Kameras und Schneidetechnik ausrüsten
und ganze Bibliotheken gründen. So etwas ist preiswert, aber
unauffällig. Dazu braucht es keine Gala, und ich versichere Ihnen, was
dabei herauskäme, kann keine Großveranstaltung leisten. Mit der Kultur
verhält es sich wie mit dem Brötchen. Gewöhnlich sind es die kleinen,
die am besten schmecken.
Es mag Ihnen merkwürdig vorkommen, daß ich mich aus diesem Anlaß mit
solchen Bemerkungen hervorwage; denn wir befinden uns hier schließlich
selber auf einer Tagung. Ist das nicht ein performativer Widerspruch?
Als mildernden Umstand mögen Sie immerhin gelten lassen, daß wir so
wenige sind. Unser Treffen ist keine Mammutveranstaltung. Das ist gut;
denn jeder von Ihnen weiß aus Erfahrung, daß sich die Ergiebigkeit
einer Unterhaltung umgekehrt proportional zu ihrer Teilnehmerzahl
verhält. Und somit, meine Damen und Herren, Gott und allen Musen
befohlen!
Die Tischrede hielt Hans Magnus Enzensberger, Vizekanzler des Ordens
Pour le mérite für Wissenschaften und Künste, auf dem Mittagessen, zu
dem der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien,
Staatsminister Bernd Neumann, die Ordensmitglieder während der
diesjährigen Frühjahrstagung des Ordens ins Berliner Hotel
Intercontinental geladen hatte.
Am 10.10.2006 um 19:43 schrieb Barbara Lang:
> Pressemitteilung
>
> Berlin, den 09.10.2006. Der Vorsitzende des Deutschen Kulturrates,
> Prof. Dr. Max Fuchs, reagiert mit einem Offenen Brief auf die
> Tischrede von Hans Magnus Enzensberger anlässlich der Frühjahrstagung
> des Ordens Pour le Mérite für Wissenschaft und Künste im Mai 2006 in
> Berlin. Die Tischrede wurde am 31.08.2006 in der Frankfurter
> Allgemeinen Zeitung publiziert.
>
> In der Tischrede warf Hans Magnus Enzensberger die Frage auf, was
> Kulturpolitik eigentlich sei und mokierte sich über jammernde
> Künstler, die bereits vor Beginn ihrer Laufbahn eigentlich hätten
> wissen müssen, dass sie nur ein geringes Einkommen erwarten können.
> Ebenso forderte Enzensberger in seiner Tischrede das Ende der
> Verbeamtung der Kultur.
>
> In seinem Offenen Brief unterstreicht der Vorsitzende des Deutschen
> Kulturrates Prof. Dr. Max Fuchs, dass die Kulturpolitik die
> Rahmenbedingungen schafft, von denen Künstler wie Enzensberger
> profitieren. Er nennt in diesem Zusammenhang die Buchpreisbindung, den
> ermäßigten Mehrwertsteuersatz und die Künstlersozialversicherung.
> Prof. Dr. Fuchs betont, dass es notwendig ist, mit dem Vorurteil der
> „Verbeamtung der Künstler“ aufzuräumen, denn die wenigsten
> freiberuflichen Künstler können von ihrem Einkommen aus künstlerischer
> Tätigkeit leben und die wenigsten Künstler können auf gesicherte
> Arbeitsverhältnisse bauen.
>
> Der Vorsitzende des Deutschen Kulturrates, Prof. Dr. Max Fuchs, sagt
> in seinem Offenen Brief: „Die Kultur hat es nicht leicht, so könnte
> ich nun ebenfalls „jammern“, weil die Politik, die sie unterstützen
> soll, die Kulturpolitik eben, so schlecht angesehen ist. Und dies
> leider auch bei denjenigen, die von ihr profitieren – vielleicht ohne
> es zu wissen.“
>
>
> ++++
>
>
> Offener Brief an Hans Magnus Enzensberger
> aus Anlass seiner Tischrede bei der Frühjahrstagung des Ordens Pour le
> Mérite für Wissenschaften und Künste in Berlin
>
> Sehr geehrter Herr Enzensberger,
>
> Kulturpolitik, so beginnen Sie Ihre Tischrede, stecke voller
> Fallstricke. Auch wisse niemand, was dieser „zwittrige Begriff“ genau
> genommen bedeute. Daher ist es nachvollziehbar, dass Sie den
> anwesenden Kulturstaatsminister, der sich von Amts wegen damit
> befassen müsse, fast ein wenig bedauern. Ich weiß nicht, ob Herr
> Neumann wirklich zu bedauern ist. Denn immerhin hat er sich freiwillig
> für dieses Amt entschieden. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass
> er so gar nicht weiß, was „Kulturpolitik“, dieser – wie Sie schreiben
> – Kentaur, diese Sphinx, diese Chimäre, eigentlich ist. Er hätte Ihnen
> nur seinen Terminkalender zeigen müssen. Dann wäre deutlich geworden,
> dass Finanzprobleme zwar wichtig sind, es jedoch über weite Strecken
> andere Themen als Kulturförderung eine Rolle spielen. Es geht
> allerdings durchaus auch immer wieder um Geld, meist um Geld, das
> fehlt. Sie beschreiben selbst einfühlsam und sachkundig einige
> Finanzierungsprobleme öffentlicher Kultureinrichtungen sowie die
> schwierigen Verteilungsdebatten, wenn etwa Kultur gegen Industrie oder
> Landwirtschaft ausgespielt wird. Immerhin hätten wir hiermit doch
> schon einiges an inhaltlicher Füllung dessen, was ein Kulturpolitiker
> zu tun hat: dafür zu sorgen, dass es auch weiterhin Goetheinstitute,
> Musikschulen und Bibliotheken gibt.
>
> All diese Ausführungen und Überlegungen hätten mich sicherlich nicht
> veranlasst, Ihnen zu schreiben. Denn noch nicht einmal das Feuilleton
> schreibt mit Freude, so wie Sie es eingangs annehmen, über
> Kulturpolitik: Dort schreibt man lieber über neue Stücke oder
> interessante Bücher. Daher haben wir als Deutscher Kulturrat einen –
> leider undotierten – Preis ausgeschrieben, der gelungene Darstellungen
> von kulturpolitischen Sachverhalten in den Medien prämiert. Denn Sie
> haben ja recht: So sehr man in Deutschland offenbar Kultur liebt, so
> sehr betrachtet man die zugehörige Politik dann doch lieber aus einer
> gewissen Distanz. Vermutlich hat diese Haltung etwas mit dem zu tun,
> das Wolf Lepenies in seinem neuesten Buch („Kultur und Politik“, 2006)
> als spezifisch deutsches Problem beschreibt: mit einer immer noch
> vorhandenen apolitischen Beziehung deutscher Intellektueller zum
> politischen Alltagsgeschäft. Dazu gehört, dass gelegentlich der Blick
> dieser eigentlich von ihrer Profession her zu sensibler Wahrnehmung
> verpflichteten Menschen ein wenig verstellt ist.
>
> Und eben dieser verstellte Blick, Herr Enzensberger, findet sich in
> diesem Fall leider auch bei Ihnen, zumindest was den zweiten Teil
> Ihrer Tischrede betrifft. Dieser Teil befasst sich mit der Rolle der
> Künstlerinnen und Künstler, vor allem im Hinblick auf deren Wunsch
> nach staatlicher Unterstützung. Hier werden Informationsdefizite
> sichtbar, die Sie zu einigen gravierenden Fehlurteilen kommen lassen.
> Ich unterstütze sehr Ihren Wunsch, der Staat möge doch wenigstens den
> Kulturschaffenden keine Knüppel zwischen die Beine werfen. Zur Zeit
> gibt es einige solcher Knüppel: die Debatte über eine Reform des
> Gemeinnützigkeitsrechts, die vielen Kultureinrichtungen den Garaus
> machen würde; eine problematische Reform des Urheberrechts, die vielen
> Künstlerinnen und Künstlern ihre Existenz noch schwieriger machen
> wird. Und über allem schwebt das Damoklesschwert der
> Welthandelsorganisation und auch der EU, dass nämlich Medien und
> Kultur nur noch als ökonomische Dienstleistungen zu betrachten sind.
> In all diesen Bereichen greift auch Ihnen, Herr Enzensberger, seit
> langem der Staat unter die Arme. Denn die Buchpreisbindung und der
> reduzierte Mehrwertsteuersatz sind durchaus nennenswerte Leistungen
> des Steuerzahlers für den Kulturbereich. Sie mokieren sich über
> jammernde Künstler, die es doch hätten wissen können, wie prekär ihre
> berufliche Situation später sein würde. Dies klingt schon ein wenig
> arrogant gegenüber denjenigen, die bislang noch nicht den gewünschten
> ökonomischen Erfolg bei ihren künstlerischen Aktivitäten hatten. Man
> sollte zudem berücksichtigen, wie viel an unsichtbarer staatlicher
> Unterstützung auch den Erfolgreichen zugeflossen ist und immer noch
> zufließt.
>
> Verzerrt ist leider auch Ihr Blick auf die Arbeitsverhältnisse im
> Kulturbereich. Beamte und BAT-Angestellte mag es sicherlich noch
> geben, vermutlich am häufigsten in den Kulturverwaltungen. Doch die
> pauschale Forderung, die „Verbeamtung der Kultur zu verabschieden“,
> übersieht völlig, dass dort, wo ‚Kultur’ nicht verwaltet, sondern
> gestaltet wird, solche sicheren Arbeitsplätze immer schon selten waren
> und seit einiger Zeit völlig verschwinden. Honorar-, Werks- und
> Zeitverträge, meist unterhalb der schönen BAT-Eingruppierungen, sind
> inzwischen sogar schon privilegierte Beschäftigungsverträge. Wissen
> Sie, Herr Enzensberger, dass die Durchschnittseinkommen der in die
> Künstlersozialkasse aufgenommenen Künstlerinnen und Künstler gerade
> mal 10.814 € beträgt – im Jahr, versteht sich? Und dies bezieht sich
> sogar auf eine privilegierte Gruppe. Hätten Sie daher Ihre
> diesbezüglichen Bemerkungen nicht ein wenig differenzierter gestalten
> können? Oder haben Sie es wirklich nicht besser gewusst?
>
> Dass Sie völlig Recht haben mit Ihrer Kritik an Events und Kongressen,
> will ich gerne zugestehen. Leider haben Sie mir eine schöne Pointe
> genommen, indem Sie selbst auf den ‚performativen Widerspruch’
> hingewiesen haben, nämlich bei einer derartigen Veranstaltung Ihre
> Ansichten über die soziale Lage im Kulturbereich zu verbreiten.
> Die Kultur hat es nicht leicht, so könnte ich nun ebenfalls „jammern“,
> weil die Politik, die sie unterstützen soll, die Kulturpolitik eben,
> so schlecht angesehen ist. Und dies leider auch bei denjenigen, die
> von ihr profitieren – vielleicht ohne es zu wissen.
>
> Nun ist eine Tischrede keine akademische Abhandlung. Sie sollte
> zumindest den Appetit durch zu große Pedanterie nicht verderben. Doch
> eine prominent veröffentlichte Tischrede hat diese mildernden Umstände
> verwirkt. Ich lade Sie daher ein, lieber Herr Enzensberger, mit uns
> näher ins Gespräch zu kommen. Wir brauchen Sie als Fürsprecher für
> eine lebendige Kulturlandschaft, deren Akteure zumindest ein
> hinreichendes Auskommen haben. Knüppel zwischen den Beinen, Sie haben
> es selbst geschrieben, gibt es genug, auch ohne dass wir hier selbst
> noch aktiv werden.
>
> Mit freundlichen Grüßen
>
> Prof. Dr. Max Fuchs
> Vorsitzender des Deutschen Kulturrates
>
>
> ++++
>
>
> Hans-Magnus Enzensberger zur Kulturpolitik bei dem Treffen des Orden
> „Pour le mérite“ in Berlin
>
> Am 28. und 29. Mai 2006 hat der Orden „Pour le mérite“ in Berlin seine
> Jahresversammlung abgehalten. Kulturstaatsminister Bernd Neumann
> hatte die Mitglieder des Ordens aus diesem Anlaß zu einem Mittagessen
> ins Hotel Intercontinental eingeladen. Mit von der Partie war auch
> Ordensmitglied Hans Magnus Enzensberger. Der Schriftsteller hielt eine
> Tischrede zur Kulturpolitik, deren Wortlaut wir im folgenden
> wiedergeben.
>
> Sehr geehrter Herr Minister, liebe Ordensschwestern und -brüder,
> meine Damen und Herren, wer wüßte es nicht: das Thema, über das zu
> reden mir aufgetragen ist, steckt voller Fallstricke, Kulturpolitik:
> Nicht nur weiß niemand genau, was dieser zwittrige Begriff
> genaugenommen bedeutet. Er gleicht einem Kentaur, einem Hippogryphen,
> einer Sphinx, mit einem Wort: einer Chimäre. Fest steht nur, daß die
> Kulturpolitik jenseits des Feuilletons für alle, die mit ihr zu tun
> haben, mehr Widrigkeiten als Freuden bereit hält. Es ist somit keiner
> zu beneiden, der tagaus, tagein ex officio damit befaßt ist.
>
> Gewiß ist es erfreulich, daß der Staat sich überhaupt der Kultur
> annimmt, ein Umstand, der auf eine lange deutsche Tradition
> zurückgeht. Bekanntlich rührt das auch daher, daß die deutsche Einheit
> eine ziemlich späte Errungenschaft gewesen ist. Die Kleinstaaterei ist
> unser Lieblingsspielzeug geblieben, und so leistet sich jedes
> Residenzstädtchen bis heute sein Theater, sein Orchester, sein Museum,
> das eine oder andere Festival und manche andere Annehmlichkeiten.
> Wenn der Bund es nicht richtet, wird es schon das Land oder die
> Gemeinde tun - ein Zustand, um den uns manche Leute im Ausland,
> vornehmlich, aber nicht ausschließlich Künstler, gelegentlich
> beneiden.
>
> Das ist nett, aber teuer. Es ist deshalb kein Wunder, daß die
> Kulturpolitik vor allem dann von sich reden macht, wenn es um Geld
> geht. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie es in vielen zuständigen
> Ausschüssen, Räten und Gremien zugeht. Sie sind gewöhnlich nicht mit
> Komponisten, Bildhauern oder Autoren besetzt, sondern mit
> Verbandsvertretern, die gerne zu solchen Sitzungen eilen. Ihre
> Mitglieder sind sich der Tatsache wohlbewußt, daß sie immer am
> Katzentisch der Politik sitzen. Zwar kann sich kein Finanzminister und
> kein Stadtkämmerer ihrer gänzlich entledigen; das Geheul der Zeitungen
> klänge den Politikern allzu schrill in den Ohren, wollten sie allzu
> deutlich aussprechen, was sie von diesen ewig unzufriedenen
> Kostgängern halten, und im übrigen gibt es ja auch Volksvertreter, die
> sich hin und wieder in der Oper oder auf einer Vernissage sehen
> lassen.
>
> In jedem Fall aber stellt die Kulturpolitik, sobald es im Etat
> knirscht, das ideale Bauernopfer dar. Zwar bringt es bitter wenig,
> hier ein Goethe-Institut und dort eine Bibliothek oder eine
> Musikschule zu schließen; im Gegenteil, es handelt sich um die
> gezielte Vernichtung von Investitionen. Aber dort, wo Entscheidungen
> getroffen werden, sind die sogenannten weichen Faktoren immer als
> erste dran; denn wer möchte sich schon mit der Industrie, mit den
> Bauernverbänden oder mit den Sportkonzernen anlegen? Und außerdem:
> Sind die sogenannten Kulturschaffenden nicht selber schuld daran,
> daß ihr Budget sich so wunderbar als Verfügungsmasse eignet?
> Konstitutionell unfähig, sich politisch zu organisieren, sind sie
> nicht in der Lage, ihre Interessen als Wähler zu vertreten und
> durchzusetzen. Mit der Strom- und der Pharmalobby ist noch keine
> Regierung fertig geworden; die Kulturindustrie hingegen braucht
> niemand zu fürchten, obwohl sie nach der Zahl der Beschäftigten und
> nach ihrem Umsatz die Landwirtschaft und andere Branchen bei weitem
> übertrifft.
>
> Ich muß übrigens zugeben, daß mich das gar nicht weiter stört. Ich bin
> nämlich froh, wenn ich darauf verzichten kann, daß der Staat mir unter
> die Arme greift. Ich bin schon froh, wenn er mir keine Knüppel
> zwischen die Beine wirft, wie er es mit seinem hirnlosen Versuch getan
> hat, die deutsche Rechtschreibung zu ruinieren. Als Schriftsteller
> bin ich freilich in einer relativ glücklichen Lage; denn die
> Produktionskosten eines Buches liegen im niedrigen vierstelligen
> Bereich. Wehe aber dem, der eine Oper auf die Bühne bringen oder einen
> Film drehen will! Sein Aufwand geht in die Millionen, und deshalb wird
> er früher oder später als Bitt- und Antragsteller auftreten müssen.
> Auch in diesem Fall wird man jedoch daran erinnern dürfen, daß die
> Fütterung von Künstlern nicht zu den Geboten unserer Verfassung
> gehört. Wer Theater spielen, Installationen hervorbringen oder
> Gedichtbände schreiben will, sollte sich darüber im klaren sein, daß
> er sich auf höchst riskante Tätigkeiten einläßt. Für den Fall, daß er
> mit seiner Arbeit kein Auskommen findet, sollte er darauf verzichten,
> sich beim Staat zu beklagen. Jammernde Künstler sind kein schöner
> Anblick. Sie sehen schon, Herr Minister, meine Damen und Herren, ich
> habe Ihnen keine starken Ratschläge und keinen Trost zu bieten.
> Vielleicht erlauben Sie mir aber wenigstens zwei kleine Anregungen.
> Meine erste Bitte geht dahin, sich, soweit es nur geht, von der
> Verbeamtung der Kultur zu verabschieden. Die Tätigkeiten, um die es
> sich hier handelt, stehen dem Dienstrecht fern; sie kennen keine
> Pensionsansprüche, keinen Bundesangestelltentarif und keine
> Garantien. Lassen Sie deshalb in Ihrer ministeriellen Güte
> Zeitverträge walten, vertreiben Sie die Gewerkschaften aus dem
> Musentempel, geben Sie den Leuten Autonomie, und verabschieden Sie
> sich von dem häßlichen Laster des Kameralismus.
>
> Meine zweite Bitte schneidet hoffentlich weniger tief und schmerzhaft
> in die Gepflogenheiten deutscher Behörden ein. Wo es an Mitteln
> fehlt, sollte man es, denke ich, unterlassen, das Geld zum Fenster
> hinauszuwerfen. Das geschieht tagtäglich in einem Marathon von
> Veranstaltungen, Weltausstellungen, Podiumsgesprächen und
> Kongressen, für die sich in unserer Sprache die Bezeichnung Event
> eingebürgert hat. Flugtickets von und zu den entferntesten
> Destinationen, Hotels, Pressekonferenzen, Sicherheitskräfte, großes
> Büffet - für diesen Zirkus fehlt es sonderbarerweise nie an Geld.
> Der gastgebende Würdenträger erzielt ein stattliches Echo in der
> Presse und darf in der Tagesschau auftreten. Produziert wird
> normalerweise wenig oder nichts. Entscheidend ist die Repräsentation.
> Für das, was ein solches Großereignis kostet, könnte man Dutzende von
> Übersetzern ins Brot setzen, angehende Filmemacher mit Kameras und
> Schneidetechnik ausrüsten und ganze Bibliotheken gründen. So etwas ist
> preiswert, aber unauffällig. Dazu braucht es keine Gala, und ich
> versichere Ihnen, was dabei herauskäme, kann keine Großveranstaltung
> leisten. Mit der Kultur verhält es sich wie mit dem Brötchen.
> Gewöhnlich sind es die kleinen, die am besten schmecken.
>
> Es mag Ihnen merkwürdig vorkommen, daß ich mich aus diesem Anlaß mit
> solchen Bemerkungen hervorwage; denn wir befinden uns hier schließlich
> selber auf einer Tagung. Ist das nicht ein performativer Widerspruch?
> Als mildernden Umstand mögen Sie immerhin gelten lassen, daß wir so
> wenige sind. Unser Treffen ist keine Mammutveranstaltung. Das ist
> gut; denn jeder von Ihnen weiß aus Erfahrung, daß sich die
> Ergiebigkeit einer Unterhaltung umgekehrt proportional zu ihrer
> Teilnehmerzahl verhält. Und somit, meine Damen und Herren, Gott und
> allen Musen befohlen!
>
> Die Rede von Enzensberger ist auch in der Frankfurter Allgemeine
> Zeitung am 31. August 2006, Seite 33, abgedruckt worden.
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