[echo] Kritik der Kritik (13): Der Teufel sammelt Jeff Koons

cornelia sollfrank cornelia at snafu.de
Tue Oct 24 18:28:08 CEST 2006


taz, 24.10.2006

Der Teufel sammelt Jeff Koons
Kritik der Kritik (13): In der Mode kann die Chefredakteurin der 
"Vogue" über Karrieren von Designern entscheiden. Solche Autorität gibt 
es in der Kunst nirgends. Trotzdem erinnert Kritik oft an Werbetexte 
nach dem Klischee vom Fashionmagazin
  Kritikfähigkeit wird heute von jedem Schulkind erwartet. Aber wie 
steht es damit in der Kultur? Ist Kritik auf dem Rückzug, bedrängt 
durch die Kulturindustrie? Ist sie nötiger denn je? Und wie 
soll/kann/muss sie heute aussehen? Eine Artikelreihe zum gegenwärtigen 
Stand des kritischen Handwerks

von ISABELL GRAW

Ein leichtes Verziehen ihrer Lippe genügt, um einen routinierten 
Designer, nun vor Angst schlotternd, zur vollständigen Überarbeitung 
seiner Kollektion zu bringen. So geschehen in einer Szene des wohl 
besten Modefilms aller Zeiten "Der Teufel trägt Prada", der das Milieu, 
die Macht der Modeindustrie und damit verbunden auch den Einfluss der 
Modekritik so treffend wie unterhaltsam vorführt. Eine großartige Meryl 
Streep spielt hier die Rolle der so übermächtigen wie gefürchteten 
Modekritikerin und Herausgeberin der US-amerikanischen Vogue: Anna 
Wintour alias Miranda Priestly. Dass die Verhältnisse in diesem Film so 
hoffnungslos überzeichnet werden, darin liegt meines Erachtens sein 
gegenwartsdiagnostisches Potenzial. Denn die für die Modewelt typische 
Bereitschaft von Individuen, die Vorgaben des Marktes lustvoll zu 
verinnerlichen, zeichnet sich derzeit auch in anderen Feldern - nicht 
zuletzt der Kunstwelt - ab. Im Unterschied zur Kunstkritik übt eine 
Modekritikerin wie Anna Wintour jedoch unmittelbaren Einfluss auf 
Wertbildungsprozesse aus.


Zwar produzieren Rezensionen oder Coverstorys natürlich auch im 
Kunstbereich kulturellen Mehrwert. Doch meines Wissens hat noch kein 
Text eines renommierten Kritikers dazu geführt, dass eine künstlerische 
Arbeit gewinnbringend auf dem Sekundärmarkt der Kunstauktionen 
gehandelt wird. Der Einfluss Wintours auf die Aktien der Modefirmen und 
die in Fashionkreisen jeweils vorherrschenden Modenormen kann hingegen 
gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Junge Designer, die von ihr 
entdeckt wurden oder in ihrer Gunst stehen - etwa Marc Jacobs oder 
Proenza Schouler - werden regelmäßig in der Vogue gefeaturet. Damit 
stehen ihre Entwürfe im Ruf, den neuesten Trend zu verkörpern, und 
werden von den maßgeblichen Einkäufern der New Yorker Luxuskaufhäuser 
wie "Barneys" oder "Bergdorf & Goodman" geordert. Letztlich entscheidet 
also Anna Wintour - zumindest für den US-amerikanischen Raum - darüber, 
was als Must have der nächsten Saison getragen werden wird. Urteilt sie 
vernichtend über eine Kollektion, wirkt sich dies negativ auf deren 
Absatz aus. Und sie greift sogar in die Ebene der Produktion ein, wie 
besagte Szene mit dem vergeblich auf Wohlwollen hoffenden Designer 
zeigt. Im selben Moment, in dem Anna Wintour etwas an seiner Kollektion 
zu beanstanden hat, findet sich ihr Einwand sofort berücksichtigt und 
umgesetzt.

Einen solch unmittelbaren Einfluss der Kritik auf künstlerische 
Produktion hat es in der Kunstkritik wohl zum letzten Mal in den 
50er-Jahren gegeben, verkörpert in der Person des sagenumwobenen 
Kunstkritikers Clement Greenberg, dessen anmaßende Thesen bis heute 
eine theoretische Herausforderung darstellen. Legendär sind seine 
Atelierbesuche bei Jackson Pollock, während deren er in einer Mischung 
aus Treffsicherheit und Willkür einige Bilder für gut, andere hingegen 
für überarbeitungswürdig befand. Den Bildhauer David Smith brachte er 
sogar dazu, die Farbe seiner Stahl-Skulpturen wieder abzukratzen. Auch 
Greenbergs nachhaltiges Bemühen, Künstler wie Morris Louis oder Keneth 
Noland durchzusetzen, trug Früchte.

Seit diesen glorreichen Zeiten einer Kunstkritik als machtvoller 
Instanz hat diese jedoch massiv an Renommee und tatsächlichem Einfluss 
eingebüßt. Blättert man heute internationale Kunstzeitschriften durch, 
kommt man um die Feststellung nicht herum, dass Kunstkritik tatsächlich 
mehr und mehr die Züge von Promotion annimmt: Pressetextähnliche 
Verlautbarungen, die eine gewisse Verwandtschaft zur 
Modeberichterstattung aufweisen. Doch während sich das prinzipiell 
Deskriptive und Emphatische eines Modetextes ja mit dem Gebrauchswert 
seines Gegenstandes erklärt, der schließlich getragen wird und für den 
folglich Direktiven ausgegeben werden müssen, verfügt die Kunstkritik 
trotz der zugespitzten Definitionsmacht des Kunstmarktes über eine Art 
Restautonomie. Diese erklärt sich aus der Tatsache, dass es in der 
Kunst vergleichsweise weniger auf Nutzen oder Funktionen ankommt. 
Kunstkritik wird dadurch - jedenfalls theoretisch - in die Lage 
versetzt, grundsätzliche Einwände zu erheben oder methodisch einen 
Schritt zurückzutreten. Wo Modekritik aufgrund der potenziellen 
Tragbarkeit von Kleidern oder Accessoires notgedrungen immer auch 
Kaufempfehlung ist, vermag Kunstkritik gesellschaftskritische und vom 
Kunstwerk wegführende Überlegungen anzustellen, aus denen sich 
natürlich auch kulturelles Kapital schlagen lässt, das sich bei 
Gelegenheit in ökonomisches transformiert.

Nur: Macht es angesichts der für Modezeitschriften charakteristischen 
Vermischung von redaktionellem Teil und Werbestrecken überhaupt Sinn, 
von Modekritik zu sprechen? Sicher insofern, als diese Modetexte einen 
Vorgeschmack darauf geben, mit welchem Modell von Kritik wir in Zukunft 
auch in der Kunstkritik zu rechnen haben. Denn besagte Tendenz zur 
Vermischung von redaktionellem Teil und Werbetexten macht auch vor 
Kunstzeitschriften nicht Halt. Zu Saisonbeginn füllen selbst seriöse 
Zeitschriften wie Artforum ihre Seiten mit pressetextförmigen 
Ankündigungen internationaler Ausstellungen, die namhafte Kritiker 
schreiben. Unwillkürlich fühlt man sich an jene emphatischen Kurztexte 
erinnert, mit denen in Modezeitschriften neue Kosmetikprodukte 
angepriesen werden.

Bedeutet diese formale Annäherung von Mode- und Kunstkritik im 
Umkehrschluss, dass für die Kunstkritik ein Autoritätszuwachs kurz 
bevorsteht? Wird es also demnächst auch in der Kunstkritik eine Anna 
Wintour geben? In Anbetracht der Tatsache, dass sich Mode- und 
Kunstwelt derzeit auch auf anderen Ebenen immer stärker einander 
annähern, ist dies nicht ganz auszuschließen. Nicht nur strukturell hat 
sich der vormals nach dem Modell des Einzelhandels organisierte 
Kunstbetrieb in eine veritable Kulturindustrie inklusive der ja auch 
für die Modeindustrie typischen korporativen Zusammenschlüsse 
verwandelt, mehr noch haben die Überschneidungen auch auf personeller 
Ebene zugenommen, wie sich den diesjährigen Presseberichten über die 
Londoner "Frieze"-Kunstmesse entnehmen ließ. Gleich zu Beginn fanden 
sich hier die Namen jener Models und Celebrities erwähnt - Kate Moss 
oder Claudia Schiffer -, die beim Gang durch die Kojen gesichtet worden 
waren. Dem Vernehmen nach sollen Claudia Schiffer und Gwyneth Paltrow 
selbst zugeschlagen und sich mit Gegenwartskunst eingedeckt haben.

Auch in der Person eines François Pinault - das Wall Street Journal hat 
ihn kürzlich zum mächtigsten Mann des Kunstbetriebs gekürt - gehen 
Luxusmode und Gegenwartskunst eine perfekte Symbiose miteinander ein. 
Pinault ist nicht nur einer der größten Sammler der auf dem Markt 
derzeit gehypten Künstler/innen und dazu passend Besitzer eines 
Auktionshauses (Christie's); er herrscht dazu über eines der größten 
Modeimperien, zu dem Marken wie Prada oder Gucci gehören. Das Geld, das 
er mit Luxusgütern verdient, die sich schließlich durch rapiden 
Wertverlust charakterisieren, wird gleichsam rückinvestiert und zwar in 
kurzfristige Wertsteigerungen verheißende Gegenwartskünstler/innen. 
Aufgrund seiner Ankäufe versetzt Pinault nun die von ihm gesammelten 
Künstler/innen in die Lage, ihr Geld ihrerseits für seine Statussymbole 
auszugeben - etwa eine It-Bag von Louis Vuitton. Und so schließt sich 
der Kreis. Dass bildende Künstler/innen - zumal gut verdienende - wie 
auch das Personal der Kunstwelt im Allgemeinen zuverlässige Abnehmer 
von Markenmode sind, lässt sich nicht zuletzt daran ablesen, dass 
Modefirmen wie Marc Jacobs oder Prada ihre Anzeigenkampagnen verstärkt 
in Kunstzeitschriften platzieren.

Darüber hinaus hat die Definitionsmacht des Marktes in der Kunstwelt in 
den letzten Jahren in einer Weise zugenommen, die an das Unentrinnbare 
des Modediktats erinnert. So wie sich Moderedakteure, die nicht Anna 
Wintour heißen, mit den Vorgaben einer Industrie konfrontiert sehen, 
die ihnen quasi ihre persönlichsten Vorlieben diktiert, sind zahlreiche 
Kunstkritiker dazu übergegangen, die von den Akteuren des Marktes 
gefällten Werturteile nur noch zu ratifizieren. Das heißt, mit anderen 
Worten, dass ökonomische Kriterien an die Stelle von kunstkritischen 
getreten sind, auch wenn Erstere gerne im Gewande eines ästhetischen 
Werturteils auftreten. Je autonomer sich die Akteur/innen in ihrer 
scheinbar rein ästhetischen Begeisterung für eine allseits begehrte 
künstlerische Arbeit oder ein bekanntes Fashionlabel wähnen, desto 
fremdbestimmter handeln sie im Grunde genommen - auch dies eine Lektion 
aus "Der Teufel trägt Prada".

In einer fulminanten Rede erklärt Anna Wintour alias Meryl Streep ihrer 
zukünftigen Mitarbeiterin, dass sich ihr in unmodischer Absicht 
getragener, schrabbeliger petrolfarbener Pullover am Ende einer 
Farbwahl verdankt, die zuerst von Modedesignern wie Oscar de la Renta 
oder Yves Saint Laurent und schließlich auch ihr selbst getroffen 
wurde. Anders gesagt, man entkommt den Fängen der Modeindustrie auch 
dann nicht, wenn man sich immun gegen sie wähnt. Dieses Prinzip eines 
"Mitgefangen, mitgehangen" gilt auch für die Kunstwelt, wo zwar alle 
der Meinung sind, der Markt sei irgendwo anders und sie selbst hätten 
mit ihm ohnehin nichts zu tun. Bei genauerer Betrachtung ist jedoch der 
Markt weder den Produzent/innen noch den Rezipient/innen äußerlich. So 
wie marktbezogene Überlegungen bereits in die Ebene künstlerischer 
Konzeption hineinspielen (Produktionsaufwand und Formatwahl in Hinblick 
auf Verkäuflichkeit), wird sich ein scheinbar unabhängig gefälltes 
kunstkritisches Urteil nicht gänzlich von dem Wissen um die Platzierung 
der besprochenen Arbeit auf dem Kunstmarkt freimachen können.

Kündigt sich in der Figur der Anna Wintour womöglich doch eine 
gesamtgesellschaftliche Aufwertung von Kritik an? Falls ja, dann um den 
Preis ihrer Rückstufung auf emphatische Beschreibungen oder 
selbstherrlicher Verwerfungen - für Methodendebatten, 
gesellschaftskritische Überlegungen oder das systematische Erarbeiten 
von Kriterien wird dann kein Raum mehr sein. Für den Moment erscheint 
es ohnehin schwer vorstellbar, dass Fotos einer Kunstkritikerin 
regelmäßig in den Lifestyle-Gazetten wie Bunte oder Gala auftauchen, so 
wie es bei Anna Wintour der Fall ist. Stets sitzt sie, mit 
unverwechselbarem Haarschnitt à la Mireille Mathieu, in der ersten 
Reihe der Fashionshows. Sie besitzt mittlerweile den Status einer 
Celebrity, die sich perfekt inszeniert, aber auch starkem 
Inszenierungsdruck ausgesetzt ist. Identifikationsfigur, 
Projektionsfläche und Giftcontainer in einem. Ihr Einfluss mag auch für 
hiesige Kunstkritiker auf den ersten Blick erstrebenswert erscheinen - 
am Ende ist er jedoch meines Erachtens zu teuer bezahlt - auf allen 
Ebenen.

taz vom 24.10.2006, S. 15, 363 Z. (Kommentar), ISABELL GRAW



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