[echo] Tucholskys Revolver

Joerg Stange metasynapse at web.de
Mon Oct 30 10:38:11 CET 2006


Tucholskys Revolver

Akademie der Künste. Für den Präsidenten Klaus Staeck schreien die 
Verhältnisse nach einer Revolution.

Berlin. Klaus Staeck und Günter Grass zeigen Flagge: Kunst sei auch 
politisch und müsse sich in die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen 
stärker einmischen, lautete ihr Credo auf der 
Herbst-Mitgliederversammlung der Berliner Akademie der Künste. "Alle 
Kunst ist politisch" hieß denn auch das Motto einer Podiumsdiskussion 
zum Abschluss der Tagung am Sonnabendabend. Für Akademie-Präsident 
Staeck, der als Plakatkünstler manchen Zorn bei Politikern erregte, ist 
Kunst "immer auch ein Spürhund der Gesellschaft". Er spüre jetzt wieder 
eine "positive Unruhe" unter den Künstlern. "Es ist schon lange nicht 
mehr in einer Akademie über Kapitalismus debattiert worden, auch mit 
deutlichen Selbstbefragungen der Künstler", sagte Klaus Staeck. "Und wir 
spüren ein großes Bedürfnis auch im Publikum für solche Debatten."

Für Grass ist mit dem Kapitalismus nur noch eine Ideologie übrig 
geblieben, "mit absoluter Herrschaft, die die Demokratie in allen 
Bereichen aushebelt". Das gehe einher mit einer erschreckenden 
Nivellierung und "Gleichstimmigkeit in der Presselandschaft".

Für Staeck "schreien die Verhältnisse nach einer Revolution". Er sprach 
ironisch auch das dafür erforderliche "Waffenarsenal" an, mit dem seine 
Akademie dienen könnte. So befänden sich in den 900 Künstler-Nachlässen 
der Akademie ein Jagdgewehr von Johannes R. Becher, ein Revolver von 
Kurt Tucholsky, aus dem Nachlass von Paul Robeson acht Speere und drei 
Bumerangs und schließlich aus dem Nachlass von John Heartfield drei 
Säbel. "Alles in allem also 16 Angriffswaffen im Besitz einer wehrhaften 
Akademie, die sich allerdings bald von Panzersperren umgeben sehen wird, 
die unseren Nachbarn, die US-Botschaft, vor Überfällen von Landseite 
schützen sollen." (dpa)

http://www.sz-online.de/nachrichten/artikel.asp?id=1309498



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