[echo] Google will eat itself / Ü bermorgen.com

Bahari Ndogo bahari1 at gmx.de
Tue Sep 5 22:33:01 CEST 2006


SPIEGEL, 05. September 2006

KUNSTPROJEKT 
ÜBERMORGEN.COM

Wie sich Google selbst auffressen soll

Von Christoph Seidler

Der Internet-Künstler Hans Bernhard legt sich gern mit den Großen der
Branche an. Gegner wie Amazon oder Google schlägt er mit Vorliebe mit deren
eigenen Waffen. Aktuell kauft er peu à peu Google-Aktien - mit Geld, das von
Google selbst kommt. Der Konzern ist pikiert.

Der Ton des Briefs ist freundlich, aber bestimmt. Man sei kürzlich auf das
Projekt "Google will eat itself" aufmerksam geworden, schreibt Arndt Haller
von der Rechtsabteilung der deutschen Google-Niederlassung. Und obwohl man
sich "sehr wohl bewusst" sei, dass es sich um ein Kunstprojekt handele,
wolle man die Macher des Projekts "rein vorsorglich" vor einem Verstoß gegen
die Vertragsbedingungen von Googles Anzeigenprogramm AdSense warnen.

Worum geht es? Der Österreicher Bernhard und seine Kollegen von der
Künstlergruppe Ubermorgen.com generieren seit einiger Zeit
Anzeigeneinnahmen. Sie legen Webseiten an und lassen Googles
AdSense-Programm darauf Anzeigen platzieren. Dann klicken sie als
vermeintliche Websurfer auf die Annoncen - worauf Google dem Inhaber der
Seiten, also der Künstlergruppe selbst, eine Provision für den erfolgreichen
Klick des angeblichen Interessenten zahlt. "Bei den über 50 Adsense-Accounts
die wir haben, kommt so eine nicht unbeträchtliche Summe pro Monat
zusammen", sagt Hans Bernhard.

Wenn Betrüger und nicht Künstler so etwas tun, spricht man gewöhnlich von
Klickbetrug. Ein Phänomen, auf das Suchmaschinen-Betreiber dünnhäutig
reagieren, steht doch für sie einiges auf dem Spiel. So zahlte Google
kürzlich in einem Vergleich Werbekunden eine Entschädigung von gut 70
Millionen Euro. Deren Vorwurf: Der Konzern habe zu wenig gegen betrügerische
Klicks getan. Dadurch hätten die Anzeigenkunden zu hohe Rechnungen
präsentiert bekommen. Verlässliche Schätzungen, wie groß der Schaden durch
Klickbetrug tatsächlich ist, sind schwer zu bekommen.

Garaus in 202 Millionen Jahren

Doch im Falle von "Google will eat itself" wollen sich die Netz-Künstler, zu
denen auch die Italiener Alessandro Ludovico und Paolo Cirio gehören, vom
erklickten Geld kein angenehmeres Leben machen. Stattdessen verwenden sie
die Einnahmen, um Google-Aktien zu kaufen. Ihr Ziel: Google soll sich selbst
auffressen. Läuft alles weiter wie bisher, müsste das hochgerechnet in gut
202 Millionen Jahren so weit sein. Das jedenfalls sagt der Zähler auf der
eigens dafür eingerichteten Website des Projekts.

Bernhard hat eine Faible für die Goliaths im Internet. Der Künstler und
seine Kollegen legen sich auch mit dem Medienhaus Amazon.com an. Mit einem
10.000-Euro-Stipendium des Edith-Ruß-Hauses für Medienkunst im
niedersächsischen Oldenburg im Hintergrund will Ubermorgen.com dort bald
haufenweise Bücher stehlen - allerdings nur virtuell.

Ansatzpunkt für den Coup mit dem Arbeitstitel "Amazon Noir - The Big Book
Crime" ist eine spezielle Suchmöglichkeit, die Amazon anbietet. Mit der
"Search Inside the Book"-Funktion können Interessierte den Volltext eines
Buches durchsuchen. Normalerweise steht nur ein kurzer Abschnitt des Buches
für die Suche zur Verfügung. Doch die "digitalen Aktionisten"
(Selbstbeschreibung der Gruppe) wollen das System ab Oktober auf breiter
Front überlisten.

Bücher gratis im Netz

Ein Roboter-Cluster soll "bis zu 5.000 Abfragen pro Buch machen und danach
die Einzelteile logisch zusammensetzen", erklärt Bernhard. Als Ergebnis
sollen komplette Bücher für Surfer kostenlos zum Download bereitgestellt
werden. Im Testlauf funktioniere das seit einem halben Jahr recht gut.

Die große Frage, die hinter dem Kunstprojekt steht: Wer darf im digitalen
Zeitalter was kopieren? Was ist erlaubt, was verboten? Wer zahlt für
Inhalte, wer darf sie nutzen? Große Teile der Medienindustrie haben auf
diese und viele weitere Fragen bis heute nicht unbedingt befriedigende
Antworten gefunden. Bernhard will mit seinen Mitstreitern die Diskussion
weiter anheizen. "Im Vordergrund steht das Experiment: Was passiert medial,
technologisch, sozial, wenn ich solch eine Download-Software zur Verfügung
stelle?"

Amazon ist von der Aktion, selbstverständlich, nicht angetan. Zwar sagt
Pressesprecherin Christine Höger, dass ihrem Unternehmen "keine Details" zum
"Anliegen der Gruppe" bekannt seien. Man werde aber alles tun, "um
sicherzustellen, dass die Rechte aller beteiligten Parteien im Rahmen von
Search Inside geschützt werden". Wie Amazon die Attacken von Ubermorgen.com
kontern will, verrät sie nicht.

Provokation als Konzept

Die Aktionen gegen Google und Amazon - oder besser: mit ihnen - sind nicht
das erste aufsehenerregende Projekt von Bernhard und seinen Kollegen. Vor
sechs Jahren machten sie mit einer "Wählerstimmen-Versteigerung" bei der
US-Präsidentenwahl von sich reden. Zuvor lieferten sie sich mit dem
Spielzeugverkäufer etoys vor der Weltpresse eine wahre Schlacht um eine
Internet-Domain. Der Multi-Milliarden-Dollar-Konzern hatte versucht, ein
weit früher gestartetes Kunstprojekt der Gruppe unter dem Titel Etoy wegen
Namensgleichheit aus dem Netz zu klagen.

Netz-Vordenker der ersten Stunde wie John Perry Barlow haben sich damals auf
die Seite der Künstler gestellt - in einem symbolischen Konflikt über die
Frage, wie stark das World Wide Web kommerzialisiert wird. Nach langem Hin
und Her musste der Spielzeughändler damals nachgeben. Die Künstler von
Ubermorgen.com erhielten 40.000 Dollar Entschädigung für ihre Anwaltskosten.





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