[echo] Heute in der Flora: Kultur & Propaganda
Christoph Twickel
christophtwickel at hotmail.com
Thu Sep 7 11:52:05 CEST 2006
Heute, 7.9., 20 Uhr, Rote Flora:
KULTUR UND PROPAGANDA
Talk-Show anlässlich des Schanzenviertelfestes zu linken Kulturbegriffen und
praktischen Interventionsformen. Mit VertreterInnen der Fusion, Buback
Records,
Buttclub / Breit Aufgestellt, Hafenklang, Rote Flora, Schanzenviertelfest
Flugblatt:
Donnerstag 7.9.2006
20 Uhr Rote Flora
»Kultur und Propaganda«
Talk-Show anlässlich des Schanzenviertelfestes.
Jungle World: Wieviel Widerspruch könnt ihr aushalten, ohne dass ihr euch
unglaubwürdig macht?
Ted Gaier: Man macht sich immer unglaubwürdig!
Die traditionellen Erscheinungsformen linker Subkulturen wandeln sich. Auf
der
Veranstaltung diskutieren linke Kulturschaffende von verschiedenen
Ausgangspunkten, über die Frage wie und wo Kultur politisch ist und welche
zeitgemäßen Formen der Intervention aufscheinen. Einbezogen werden Fragen
zur
gesellschaftlichen Entwicklung im Schanzenviertel und der Perspektiven
selbstorganisierter Events wie dem Straßenfest im Schanzenviertel.
Zum Konflikt mit dem neueröffneten Kulturhaus 73, direkt neben der Roten
Flora
im Schulterblatt, veröffentlichte das Flora Plenum im Mai diesen Jahres ein
Kritikpapier an diesem Projekt. Darin wurde sowohl dessen kommerzielle
Zielrichtung, als auch die in der Öffentlichkeit nahegelegte Bedeutung
kritisiert. Speziell wurde kritisiert, dass einhergehend mit der
ökonomischen
Zerschlagung im sozialen und kulturellen Bereich (Mädchentreff, Dolle
Deerns,
Aizan, Bauspielplatz, Palette) zunehmend Projekte als stadtteilkultureller
Ersatz begriffen werden, denen jegliche kritische Substanz und ein
Interventionsbedürfnis fehlt. Statt freiem Zugang, Kritik und solidarischer
Kommunikation wird bloßes Entertainment und Konsumfreundlichkeit zur
Zielsetzung. Das Plenum kritisierte weiter: "Mit einem "Kulturprojekt" wie
im
Schulterblatt 73 geplant, beginnt dann der Einstieg in den Ausstieg aus
einer
gemeinwesenorientierten Stadtteilkultur. Wenn das sogenannte "Kulturhaus 73"
jedenfalls weiterhin unwidersprochen als Beitrag zur "Stadtteilkultur"
angesehen wird, dann ist das der Niedergang eines Begriffs, der noch hinter
das
zurück fällt, was selbst in den Augen der Hamburger Kulturbehörde zu den
Mindeststandards von Stadtteilkultur gehört." (Aus: 4-Etagen HochKultur /
Plenum der Roten Flora, Mai 2006)
Obwohl wir die grundsätzliche Kritik an dieser Entwicklung teilen, fällt
auf,
dass im Papier des Flora Plenums, die Formulierung eines eigenständigen
kulturellen Ansatzes, als autonomes Zentrum von Stadtteilkultur, fehlt. Seit
einem Papier der Veranstaltungsgruppe Mitte der neunziger Jahre ist hierzu
nicht mehr viel erschienen. Wir wollen im Rahmen der Veranstaltung nicht die
Kritik am Kulturhaus weiterentwickeln, sondern dem nachgehen, ob und wie,
durch
welche Praxis linke Kultur entsteht und wo eigene Ansprüche darin
verwirklicht
werden und wo sie scheitern.
Anregung und Bezug diesen Fragen Raum in einer »Talk-Show« zu geben ist das
vor
der Tür stehende Schanzenviertelfest. Eine Ankündigung zum Schanzenfest
beschäftigte sich kritisch mit der Frage nach eigenen kulturellen Ausdrücken
und Interventionsmöglichkeiten. Dort wird festgestellt das es immer
schwieriger
sei einen politischen Charakter des Festes zu fassen. Jenseits des
klassischen
Spektrums, beteiligen sich Menschen quer durch alle gesellschaftlichen
Schichten an diesem Event. Das Fest wird in der Öffentlichkeit zwar immer
noch
als eine irgendwie linke Veranstaltung begriffen, unter anderem auch durch
die
Nähe zur Roten Flora, doch gleichzeitig entwickelt diese Veranstaltung auch
zunehmend einen konsumorientierteren Charakter, der die Entwicklung der
Schanze
vom vermeintlich "linken Stadtteil" zu einer hippen Party- und
Lifestylemeile
nachvollzieht. Auf der anderen Seite jedoch folgt das Fest durch seinen
unstrukturierten Charakter, mehr als zu Zeiten einer förmlichen Anmeldung
und
Organisation, dem politischen Anspruch der völligen Selbstorganisation.
In dem Diskussionspapier wird hierzu formuliert: "Die darin vorhandene
Heterogenität macht identitäre Zuordnungen und eine eindeutige Lesbarkeit
schwer. Das Fest schreibt nicht eine, sondern viele Geschichten. Die
gemeinsame
Klammer ist das Bedürfnis sich selbst auf die Straße zu begeben und dies
auch
umzusetzen. Ein subjektiver Schritt über den Gartenzaun. Eine kollektive
Widrigkeit gegen die Ordnung, auf niedrigem Niveau. Den ausgrenzenden
Konzepten
von Stadtentwicklung wird dabei ein anderer Begriff von offenem Zugang
entgegen
gestellt. Die Stadt gehört Allen![...]Das Fest entwickelt sich im Positiven
wie
im Negativen, aus der Summe der widerstrebenden Lebensentwürfe und
kulturellen
Ausdrücke, von all denen, die die Straßen beleben." (Papier zum Schanzenfest
2006)
Das Motto des Festes lautet in diesem Jahr "Reclaim the Schanzenfest". Dies
bezieht sich einerseits wohl auf den unangemeldeten und selbstorganisierten
Charakter, will andererseits aber sicher auch die Wahrnehmung auf dieses
Event
verunsichern.
Die Fragen, die im Raum stehen, reichen weit über die Flora oder ein
Ereignis
wie das Schanzenfest hinaus. Es geht um Anknüpfungspunkte für linke Kultur,
zwischen identitärer Selbstversicherung und inhaltsloser Beliebigkeit.
Kultur
lässt sich schon lange nicht mehr in einfachen Zuschreibungen von "Punk als
links" und "Pop als unpolitisch" oder "Mainstream als böse" und "Subkultur
als
gut" beantworten. Schorsch Kamerun von den »Goldenen Zitronen« beschrieb
dies
jüngst in der »Jungle World« launig mit den Worten: "Der Feindbilddampfer
ist
definitiv abgefahren. Von dieser Art von Punk-Radikalität kann
wahrscheinlich
auch der neue Mercedes-Benz werbemäßig profitieren." In wenigen Worten lässt
sich das Dilemma kaum besser beschreiben.
Klare und eindeutige Bestimmungsorte von Subversivität und radikalem Protest
lösen sich zunehmend auf. Die eigene kulturelle Form, wird dabei aufgrund
der
persönlichen Geschichte und der darin liegenden subjektiven Verbundenheit,
oft
zur linken Kultur überhaupt erklärt. Das Gegenstück ist dann häufig die
pauschale Abwertung von anderen Ausdrucksformen als unpolitisch, altmodisch,
kommerziell, kulturell minderwertig oder ähnliches. Über unterschiedliche
Blickwinkel und Berichte von den verschiedenen Praktiken, wollen wir mit der
Talk-Show »Kultur und Propaganda« eine Diskussion eröffnen, die im besten
Fall
Ansatzpunkte, für darüber hinausgehende Auseinandersetzungen und
Perspektiven
liefert.
Einige Leute aus dem Flora Umfeld
Kasten
"Die Frage der Glaubwürdigkeit"
Linke Veranstaltungen, die ein größeres Publikum anziehen wollen bedienen
sich
immer noch der Logik von "Rock gegen Rechts"-Festivals: Populäre Gruppen,
werden als politische Propagandamedien eingesetzt, um möglichst viele Leute
zu
erreichen. Die Musik wird als bloßes Mittel instrumentalisiert, denn man
will
die Phantasien nur anders kanalisieren als die Kulturindustrie. Ein Teil der
Szene kritisiert solches Vorgehen, mit Zweifeln an der Glaubwürdigkeit und
stellt dem symbolischen Protest einen vermeintlich "authentischen"
gegenüber.
Dabei wird gerne übersehen, daß bisher noch kein linker Widerstand ohne
Symbolik auskam.
Gleichzeitig: Selbst der authentischste Protestsong bietet nicht einfach den
Anblick von realen Geschehnissen, sondern er verwandelt sie in ein "Bild"
und
stellt daher beim Publikum ein Phantasma her. Die Chance, daß daraus bei
Leuten, die nicht schon vorher engagiert waren, eine politische Handlung
folgt,
ist eher gering. Die Erfahrung zeigt, daß in diesem Prozeß soziale und
politische Ereignisse eher kulturalisiert und genießbar gemacht werden.
Die Vertrauensfrage steht am Anfang und am Ende aller linken oder
linkskulturellen Zugriffsversuche. Die meisten linken Blätter, soweit sie
sich
zu dem Thema äußern, unterscheiden sich kaum von Zeitschriften wie Spex oder
dem Hardcore-Magazin ZAP, die im Stil der Stiftung Warentest Musik, Musiker
und
Labels immer wieder auf ihre "Ehrlichkeit" hin abklopfen und dabei auf
stabile
Identitäten und eindeutige Repräsentationen pochen. Ist die Depression nur
gespielt? Kommen die Rapper wirklich aus dem Ghetto? Ist der Rock noch
rebellisch oder schon korrumpiert? Ist Madonna wirklich die, als die sie
sich
gibt? War der Anti-CBS-Song "Complete Control" von The Clash ein Fake und
meinen Atari Teenage Riot ihre Anti-Industrie-Haltung wirklich ernst? "Was
ist,
wenn eine Plattenfirma auf euch zukommt und sagt: 'Ihr bekommt 100.000 US
$'.
Was passiert dann?" (Interviewfrage der Zeitschrift "Beute" 2/96 an die Band
Bikini Kill). Als überzeugendster Beweis für Glaubwürdigkeit gilt solchem
Dogmatismus nicht zufällig der Selbstmord eines Kurt Cobain.
Es macht für Linke keinen Sinn politisierten Kulturkonsum in wirklichen und
unechten Protest zu unterteilen. Man würde damit nur der Fiktion einer
ursprünglichen und vorkulturindustriellen, von Markteinflüssen freien
subversiven Kreativität aufsitzen, die erst im Nachhinein und unter
heroischem
Protest vom Markt "vereinnahmt" wurde. Das aber ist eine Erfindung von
Mittelklasse-Subkulturen, die sich über den konstruierten Gegensatz zwischen
"progressiven" und "konsumorientierten" Kulturverbrauchern einen besonderen
Status als Innovatoren verschaffen wollen.
( Frei nach Günther Jakob )
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