[echo] Ikea

Katharina Kohl katharinakohl at eyecube.de
Fri Sep 8 18:01:10 CEST 2006


an der kunsthalle hängt bereits auch ein solches Werbebanner: Männer müssen
zuhause nichts tun außer die Füße hochlegen.

Die Arbeit von Uwe Sennert (I-ch K-enne E-uch A-lle) wurde bei uns im
Kunst-Imbiss von einigen Passanten mit einem weiteren Satz ergänzt: I-dioten
K-aufen E-cht A-lles. 


-----Original Message-----
From: echo-bounces at soundwarez.org [mailto:echo-bounces at soundwarez.org] On
Behalf Of cornelia sollfrank
Sent: Freitag, 8. September 2006 16:44
To: Local Art Network
Subject: Re: [echo] Einladung Beaulieu/Reiche

ja, das ist ja ganz im zeitgeist,
die frau in der küche,
jetzt auch schon in der kunsthalle?
haben die etwa eva herman in ihren think tank aufgenommen und zu noch mehr
karriere wider willen gezwungen?

anyway, und passend zum thema:
gestern abend ging ich mit einer gruppe junger frauen, um die 20, am hafen
spazieren.
die mädels, aus bayern, so richtig vom lande kommend – darunter meine nichte
–  hatten sich aufgeputzt, um in der großstadt im fernen norden ein musical
zu besuchen und hatten damit das einzige interessante kulturelle angebot
ihres örtlichen arbeitskreises kultur wahrgenommen.

als wir bei den landungsbrücken ankamen, erregte plötzlich ein gigantisches
poster unsere aufmerksamkeit: am gerüst des einganges zum alten elbtunnel
prankt etwa 15 meter breit und 8 meter hoch in der manier eines warnschildes
(schwarze lettern auf gelben hintergrund) folgender text:

Frauen müssen sich um Haushalt,
Kinder und Karriere kümmern.

wem würden da nicht sofort die alten drei "k" einfallen? kinder, küche,
kirche?
über die haben wir uns in den 80ern wahlweise aufgeregt oder lustig gemacht
und jetzt sind sie wieder im vormarsch, alle drei, mit massiver medienmacht
in die köpfe der leute eingebrannt, losgetreten durch die diskussion um die
überalterung der gesellschaft, ist eins inzwischen klar, schuld an allem
sind die frauen bzw. der feminismus. das scheint konsens zu sein; nur ganz
wenige frauen äussern sich dazu öffentlich und intelligent (im gegensatz zu
eva herman...)

damit die zweifelhafte botschaft dubiosen ursprungs an den landungsbrücken
auch nachts gut zu lesen ist, wird sie mit extra scheinwerfern angestrahlt.

den mädchen aus bayern blieb die spucke weg, sie waren fassungslos – und ich
nicht weniger. sie wollten von mir hören, dass es sich dabei um einen dummen
scherz handelte, wollten eine andere erklärung hören, als dass ganz extrem
reaktionäre anti-feministen, einfach weil sie es sich leisten können, da
solche botschaften verbraten, an einem er schönsten orte in der stadt. und
vielleicht ist die botschaft ja kritisch gemeint, im sinne von, die frauen
müssen sich um alles kümmern...?

ich konnte ihnen keine erklärung geben. ich hatte keine ahnung, wer dieses
banner da mit welcher genehmigung und wessen finanzierung angebracht hat.
vielleicht ist es ja kunst und ebenfalls von der kulturbehörde gefördert
worden?
vielleicht ist es ein test, wieviel sich die frauen in hamburg gefallen
lassen? wann die grenze überschritten ist und man zur sachbeschädigung
übergeht?

jedenfalls habe ich mich gestern abend mit diesem ding konfrontiert ziemlich
beschissen gefühlt, es war mir richtig gehend peinlich, und diese jungen
frauen vom lande haben mir ziemlich deutlich zu verstehen gegeben, dass in
ihrem dorf oder ihrer kleinstadt so ein banner keinen tag hängen würde.
obwohl sie noch recht jung sind, sind sie alle gut ausgebildet, stehen mit
beiden beinen im beruf und sind selbstständig. 
von einem leben in der küche als erfüllung wahrer weiblichkeit, wie eva
herman es gern hätte, träumt von denen keine.

inzwischen hat sich das rätsel gelöst. das banner gehört zu einer kampagne
von IKEA. deren werbung gehört mit der von mcdonalds immer zu den besten, zu
der werbung, die es versteht, intelligent den zeitgeist für sich
auszunutzen. weitere banner dieser kampagne lauten
folgendermaßen:

Frauen müssen das Haus in Ordnung halten. Und den Mann bei Laune.
Männer müssen zu Hause nichts tun. Außer Füße hochlegen.
Wer Kinder will, muss auf Karriere verzichten.
Männer müssen zur Arbeit. Frauen an den Wickeltisch.
...

das kann man nun schrecklich lustig und originell finden, mann kann sich
sogar auf der ikea-website darüber aufregen und seine meinung dazu dort
äussern. ist das nicht perfide?

jedenfalls finde ich, wer in diesen finsteren zeiten anfängt mit 'frauen in
küchen' zu kokettieren, sollte verdammt aufpassen.
ich persönlich würde das konzept interessanter finden, frauen vor ihrem
computer zu filmen, wenn ich etwas von ihrer persönlichkeit enthüllen
möchte...

best grüße, c.




Am 08.09.2006 um 13:18 schrieb claudia reiche:

>
>  
> Kunsthalle Hamburg
> Sonntag, 10. September 2006, 15.00 Uhr Medienraum/Galerie der 
> Gegenwart
>  
> DAS IST MEINE KÜCHE
> Eine Installation aus sechs Videofilmen von Susan Chales de Beaulieu
>  
> Frauen beschreiben vor der Kamera ihre Küchen und enthüllen damit 
> etwas über ihre Persönlichkeit.
>
> Claudia Reiche
> Selbst-Durchdringungen
> Einige topologische Anmerkungen zur Räumlichkeit in "DAS IST MEINE 
> KÜCHE"
> Vortrag
>  
> Frauen sprechen in 'ihren' Küchen über 'sich'. Was für eine 
> Tollkühnheit, sich darauf einzulassen!  Die Selbstdarstellung über den 
> Umweg des traditionellen Orts weiblicher Arbeit soll nach 
> topologischem Modell der so genannten Selbstdurchdringung formalisiert 
> und analysiert werden, wie sie bei der 'Klein'schen Flasche' auftritt...
>
> .........................................................
>  
> Das Projekt DAS IST MEINE KÜCHE wird gefördert durch die Hamburger 
> Kulturbehörde Vielen Dank an die Künstlerinnenstiftung Die Höge 
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