[echo] Deeskalierende Kunst am Zaun

cornelia sollfrank cornelia at snafu.de
Sun Apr 1 22:07:49 CEST 2007


taz, 02.04.2007

Deeskalierende Kunst am Zaun

Dass die Bundesregierung für den G-8-Gipfel in Heiligendamm "keine  
Mittel für die kulturelle Kommunikation dieses weltweit wahrgenommen  
Ereignisses eingeplant" habe, missfiel Adrienne Goehler auf der von  
ihr anberaumten Pressekonferenz in Berlin. Zum Glück!, sagt da jeder  
politisch denkende Mensch. Denn wäre man nicht alarmiert, hätte die  
Bundesregierung tatsächlich "ihre kulturpolitischen Förderinstrumente  
zur kulturellen Kommunikation eingesetzt"? Gar um die WM-Kampagne "Zu  
Gast bei Freunden" fortzusetzen, wie es sich die Berliner  
Kultursenatorin a. D. wünscht?

Die Künstlerin Judith Siegmund kündigte auf der Pressekonferenz an,  
sie werde die Leute in Rostock und Umgebung fragen, was sie von der  
Globalisierung und deren Verfechtern halten. Wetten, dass sich  
schnell herausstellt, dass die Gipfelteilnehmer keineswegs zu Gast  
sind bei Freunden? Selbstverständlich weiß das auch Adrienne Goehler  
und fordert daher "ein Nachdenken der Politik über das Potenzial von  
Kunst und ihren Möglichkeiten im Rahmen gesellschaftlich  
polarisierender Großereignisse". Selbstverständlich ist es kein  
Zufall, dass Adrienne Goehler ab dem 24. Mai mit genau einem solchen  
Programm aus Installationen, Theaterperformances, Workshops und  
Vorträgen im Stadtraum von Rostock aufwarten kann, das idealerweise  
"zur Wahrnehmungserweiterung von Globalisierung und zur Deeskalation  
vor Ort" beitragen wird.

Was Goehler nicht hat für ihr hochmögendes Projekt "Art Goes  
Heiligendamm", ist Geld. Weil eben, zum Glück, die kulturpolitischen  
Förderinstrumente nicht ausgepackt wurden. Die Not gebar immerhin  
eine Idee, deren Gewitztheit der deeskalierenden Krankenschwester- 
Edeltraut-Rolle der Kunst diametral entgegensteht. Warum die Sache  
nicht mit Mitteln für Kunst am Bau finanzieren? Schließlich ist der  
12,5 Millionen teure Zaun, hinter dem die Gipfelteilnehmer Schutz vor  
ihren Freunden suchen, gewiss eine Baumaßnahme des Gastgebers, "die  
Gegenstand besonderer öffentlicher Wahrnehmung" ist, wie es in den  
Richtlinien für Kunst am Bau heißt.

Es wird nicht leicht sein, damit durchzukommen. Schon weil die Kunst  
den Zaun nicht erreichen darf und damit die Politik und ihre  
Protagonisten. Aber "Art Goes Heiligendamm" verfolgt auch andere  
Absichten: die "Erweiterung des gesellschaftlichen Resonanzraums der  
Kunst" - über die "Verflüssigung der Wahrnehmungs- und Aktionsformen  
zwischen den Künsten und den sozialen Bewegungen". Sofern der G-8- 
Gipfel für Demonstranten und Teilnehmer des Gegengipfels nicht nur  
Anlass, sondern Ziel ihrer Aktionen und der politische Diskurs  
womöglich noch eine eigene, eigensinnige Form von Wahrnehmung ist,  
muss diese Absicht scheitern.

BRIGITTE WERNEBURG

taz vom 2.4.2007, S. 15, 92 Z. (Kommentar), BRIGITTE WERNEBURG


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