[echo] Rezension von Schwarzers »Antwort«
cornelia sollfrank
cornelia at snafu.de
Thu Aug 2 11:54:06 CEST 2007
2. August 2007, Neue Zürcher Zeitung
Ankunft in der Mitte der Gesellschaft
Prostitution, Pornografie, Abtreibung, Hausfrauendasein,
Schlankheitswahn, der Frauenhass von Fundamentalisten – das sind
Themen, über die Alice Schwarzer seit Jahrzehnten schreibt. Dass sie
keinen Bedarf für den vieldiskutierten «neuen» Feminismus sieht,
überrascht nicht: Nach wie vor gehe es um die Durchsetzung gleicher
Chancen, Rechte und Pflichten. Da die Männer ihre Privilegien nicht
freiwillig abgäben, müssten Frauen die Machtfrage stellen und
notfalls auch die Konsequenzen tragen. «Traut euch, Frauen, euch auch
mal unbeliebt zu machen», ruft Alice Schwarzer uns zu. Und: «Lächelt
nicht dümmlich nach jedem klugen Satz.» Diese Haltung prägt Alice
Schwarzers Stil. Weder verfällt sie in die Munterkeitspose, noch
inszeniert sie grosse Empörung. Stattdessen verlässt sie sich auf den
souveränen Charme der Ironie – und deshalb liest sich ihr Buch besser
als manche Kampfschrift ihrer jüngeren Kolleginnen.
32-Stunden-Woche für Väter und Mütter
Was sie im Weiteren von den «neuen» Feministinnen unterscheidet, ist
der Blick über den Tellerrand der Mittelstandsfrauen. Zwar hat
Schwarzer durchaus eine Antwort auf die Frage der Vereinbarkeit von
Karriere und Mutterschaft, nämlich die 32-Stunden-Woche, sowohl für
Mütter als auch Väter von Kleinkindern: «Erst wenn die Betriebe und
Unternehmen auch bei Männern mit Fehlzeiten wegen der Kinder rechnen
müssen, wird das bei beiden Geschlechtern gleich zu Buche schlagen.»
Ebenso leidenschaftlich jedoch schreibt sie über Frauen, die Opfer
von Gewalt in der Familie werden – nicht nur im Milieu des
fundamentalistischen Islams. Denn das Phänomen «Ehrenmord» gibt es
auch im Westen, nur heisst es hier «Familiendrama». Über 800 Frauen
werden (nach einer Zählung von «Emma») in Deutschland jedes Jahr von
ihren Ex-Liebhabern und -Männern umgebracht. Und nicht jeder
Fundamentalismus ist religiös: Auch der biologistische
Fundamentalismus behauptet, dass die Frau «von Natur aus» anders sei.
Alice Schwarzers Polemik ist mit den Jahren milder geworden, doch an
ihren Positionen hat sich wenig verändert. Problematisch ist
allerdings die Rede von einer «Antwort», die sie im Titel zu geben
verspricht. Oft suggerieren diese Antworten auch dort klare
Verhältnisse, wo die intellektuelle Redlichkeit um Antworten verlegen
ist. Schwarzers Antwort auf das islamische Kopftuch etwa ist ein
kompromissloses Nein: Es sei ein Symbol für die Unterdrückung der
Frauen und raube ihnen die Identität, weil es sie gleich aussehen
lasse. Über jene muslimischen Frauen, für die das Kopftuch etwas ganz
anderes bedeutet, verliert sie kein Wort. Oder die Legalisierung der
Prostitution in Deutschland durch die Gesetzesreform von 2002:
Schwarzer sieht darin einzig eine Verharmlosung des Handels «mit der
Ware Frau». Ihre Antwort: «Solidarität mit den Prostituierten – Kampf
der Prostitution». Dass in dieser Parole ein Widerspruch stecken
könnte, bleibt ungesagt. Auch mit ihrer Forderung nach einem Gesetz,
das angesichts einer «durch und durch pornografisierten Welt» den
«Frauenhass» unter Strafe stellt (analog zum «Fremdenhass»), wird sie
der Komplexität der Materie nicht gerecht.
Penetrante Eigenwerbung
Man spürt bei der Lektüre, dass Alice Schwarzer es geniesst, zur
Instanz geworden zu sein. Den alten Vorwurf, sie habe die
Frauenbewegung für sich vereinnahmt, widerlegt sie nicht, im
Gegenteil. Sie betreibt eine penetrante Eigenwerbung. «Emma» scheint
unfehlbar immer das erste und einzige Medium gewesen zu sein, das
Missstände an der Geschlechterfront anprangerte. Auch vor ausgiebigen
Selbstzitaten schreckt Schwarzer nicht zurück: Ganze Seiten sind
wörtlich aus früheren Büchern übernommen – ohne dass dies
gekennzeichnet wäre.
Alice Schwarzer zieht eine weitgehend positive Bilanz: Seit den
siebziger Jahren habe sich enorm viel verändert – nicht nur bei den
Frauen: «Jeder Dritte steht an unserer Seite. (. . .) Ein weiteres
Drittel zögert. Und das restliche Drittel stellt sich uns in den
Weg.» Der «internationale Trend zur Staatschefin» habe die
Wahrnehmung von Karrierefrauen qualitativ verändert. Mächtige Frauen
seien keine Ausnahmeerscheinung mehr, daher seien Bezeichnungen wie
«Eiserne Lady» oder «Mutter der Nation» passé. «Eine jede könnte es
sein. Das ist das Subversive.» Im linken Lager hat sich Alice
Schwarzer mit ihrer Unterstützung für den «konservativen» Feminismus
von Ursula von der Leyen keine Freundinnen gemacht. Doch das stört
sie nicht, denn «parteigebunden war der wahre, der autonome
Feminismus nie». Nun sei der Feminismus dort angekommen, wo er
hingehöre: in der Mitte der Gesellschaft. Dass ihr Buch als
Vorabdruck in der «FAZ» erschienen ist, wäre vor dreissig Jahren
undenkbar gewesen – die «Schreckschraube der Nation» (Henryk M.
Broder) hat sich im Mainstream der kulturellen Leitmedien endgültig
etabliert.
Sieglinde Geisel
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