[echo] Besetzung der Thüringer Radfabrik Bike Systems

cornelia sollfrank cornelia at snafu.de
Fri Aug 3 14:00:18 CEST 2007


Tageszeitung junge Welt

19.07.2007 / Schwerpunkt / Seite 3

»Nix zu verlieren«
Besetzung der Thüringer Radfabrik Bike Systems: Trotz  
Kampfunerfahrenheit sind Beschäftigte entschlossen, den Widerstand  
bis zu einer Lösung fortzusetzen

Daniel Behruzi, Nordhausen

Sie zeugt von besseren Zeiten, die Fassade des Nordhäuser  
Fahrradwerks. Zweiradmodelle längst vergangener Tage sind dort  
angebracht, darüber der Schriftzug »IFA Touring«. Hier, im einstigen  
IFA-Motorenwerk, wurden jahrzehntelang Motoren und Achsen für LKW,  
seit 1986 auch Fahrräder gefertigt. Damit ist jetzt Schluß, die  
Produktion steht seit Ende Juni still. An der Außenwand hängt ein  
Transparent. »Wir kämpfen um Bike Systems«, steht darauf.

Seit dem 10. Juli hält die Belegschaft den nordthüringischen Betrieb  
nun besetzt. Nahezu alle der 135 Beschäftigten sind aktiv beteiligt.  
Der Geschäftsführer, der erst vor wenigen Wochen eingesetzt wurde,  
sei »völlig ausgeflippt«, als die Aktion begann, erzählen die  
Arbeiter nicht ohne Genugtuung. Als »Bolschewistenscheißer« habe er  
sie beschimpft. Dabei war die Belegschaft bislang alles andere als  
klassenkämpferisch. »Wir haben zu allem ja und amen gesagt, weil wir  
Angst hatten, den Arbeitsplatz zu verlieren«, erklärt ein 48jähriger  
Schlosser, der seit neun Jahren bei Bike Systems arbeitet. Nach und  
nach wurden Weihnachts- und Urlaubsgeld gestrichen und der Grundlohn  
um fünf Prozent reduziert. Tarifgebunden ist der Betrieb ohnehin  
nicht. Immer wieder leisteten die Beschäftigten Überstunden, kamen  
sonntags und sogar am 1. Mai. Selbst als am 20. Juni die Einstellung  
der Produktion zum Monatsende verkündet wurde, erledigten sie die  
noch ausstehenden Aufträge.
Doch bei der Betriebsversammlung am Dienstag vergangener Woche kam  
plötzlich der Umschwung. Was genau die Stimmung zum Kochen brachte,  
können die Arbeiter selbst nicht erklären. Nicht einmal bis zum Ende  
der gesetzlichen Kündigungsfristen könne das zuvor vom US- 
Finanzinvestor Lone Star ausgeblutete Unternehmen noch zahlen, hieß  
es. Und als der Geschäftsführer nicht ein einziges Wort des Bedauerns  
über die Lippen brachte, sei den Kollegen der Kragen geplatzt,  
berichtet einer. Spontan besetzten sie die Werkstore und den Betrieb.  
Seither stehen sie 24 Stunden – sie haben sich selbst in drei  
Schichten eingeteilt – vor dem Tor und auf dem Werkshof. Forderungen  
des Unternehmens, das Gelände zu verlassen, kamen sie nicht nach.  
»Wir hätten uns schon viel früher wehren müssen.« Diesen Satz hört  
man immer wieder. »Ich hätte nicht daran geglaubt, aber auf einmal  
waren sich die Leute einig, das hier durchzuziehen«, sagt ein junger  
Mann mit weißer Ordnerbinde am Arm. »Die Stärke, die wir zusammen  
haben, ist enorm – so etwas haben wir hier noch nicht erlebt«, meint  
er. Und es klingt Verwunderung durch über das, was man selbst getan hat.

Die Stimmung ist denn auch trotz der dramatischen Situation  
keineswegs gedrückt. Das hat auch mit der Solidarität zu tun, die die  
Arbeiter erleben. Vor dem Tor wird tagsüber ständig gehupt, so  
bekunden Vorbeifahende ihre Unterstützung. Am Dienstag vormittag  
erscheint eine dreiköpfige Delegation von Opel in Eisenach. »Das ist  
eine Riesensauerei, was hier läuft, die Kapitalisten stopfen sich die  
Taschen voll, und wir müssen bluten«, sagt einer von ihnen unter dem  
Applaus der versammelten Arbeiter. »In letzter Zeit müssen wir leider  
öfter rumfahren, um Solidarität zu zeigen. Zuletzt waren wir bei  
unseren Opel-Kollegen in Antwerpen, wo sie die Hälfte der Belegschaft  
loswerden wollen«, erzählt er kurz darauf im Betriebsratsbüro. »Wir  
Ossis haben das ja eigentlich schon in der Schule gelernt. Da haben  
sie uns zwar viel Scheiße erzählt, aber das, was sie über den  
Kapitalismus gesagt haben, das stimmt.« Die anderen nicken.

Draußen haben sich einige der Beschäftigten vor einem Radio  
versammelt. Gerade bringt der lokale Sender einen kurzen Bericht über  
die Besetzung. »Wenn man hört, daß die über uns im Radio erzählen,  
bekommt man schon eine Gänsehaut«, erklärt eine junge Frau. »Wir sind  
hier wie eine Familie«, sagt sie. Auch das hört man von vielen. Die  
32jährige, die seit zehn Jahren am Band Fahrräder montiert, erzählt,  
daß ihre Mutter, ihr Stiefvater und ihre Cousine ebenfalls bei Bike  
Systems angestellt sind – noch. Sie selbst hat einen siebenjährigen  
Sohn, den sie bei den Schwiegereltern untergebracht hat, um im  
Betrieb sein zu können. »Mein Mann arbeitet als Tischler, ohne mein  
Einkommen wird es sehr schwer werden«, sagt sie. Richtig traurig sei  
es, sich jetzt die leeren Hallen anzusehen. »Schließlich hat man hier  
viel Zeit verbracht – und es hat zwischendurch auch Spaß gemacht.«

Eine Kollegin, die auf den im Betriebshof aufgestellten Bänken sitzt,  
hat ähnliche Gefühle. »Ich war hier von Anfang an dabei, habe schon  
die Halle geweißt und die Aufzüge gestrichen, als die  
Fahrradproduktion noch gar nicht angelaufen war, und jetzt mache ich  
wieder das Licht aus – ich könnte heulen«, sagt die kräftige  
Arbeiterin mit der IG-Metall-Mütze. »Wie gelähmt« sei sie gewesen,  
als die Schließung bekanntgegeben wurde, berichtet sie. Daß sie einen  
anderen Job finden könnte, glaubt die 49jährige nicht. »Ich habe zwar  
Instandhaltungsmechanikerin gelernt, aber wer will mich denn mit 50  
noch haben? Da kann ich vielleicht Rasen mähen gehen«, sagt sie  
resigniert. Sie habe überhaupt nichts zu verlieren und sei deshalb  
entschlossen, so lange wie nötig weiterzukämpfen. Die Arbeiterin  
zeigt auf die überall im Hof gestapelten Euro-Paletten und sagt:  
»Holz für ein Streikfeuer in der kalten Jahreszeit haben wir hier  
jedenfalls genug – das reicht bis Weihnachten.«




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