[echo] Verungeglückte Städtwerbung

cornelia sollfrank cornelia at snafu.de
Tue Aug 7 10:58:23 CEST 2007


taz, 07.08.2007

Umstrittenes Understatement

Mit einer Guerilla-Aktion protestieren Unbekannte gegen eine  
Imagekampagne der Stadt Osnabrück. Ein Bündnis namens "Bürger gegen  
Plattitüden" findet die kokette Werbung mit der fehlenden Größe  
entbehrlich. Deren Initiatoren freuen sich

von KAI SCHÖNEBERG


Die Resonanz war groß. Bis hin nach Süddeutschland berichteten die  
Medien über die neue Kampagne von der Hase: Seit zwei Wochen bereits  
macht Osnabrück sich klein. Sieben sechs mal zwei Meter große Banner  
hängen in dem 160.000 Einwohner großen Ort: "Willkommen im  
Weltstädtchen" an der Einfallsstraße, "Capitölchen" am Rathaus,  
"Scalalein" am Theater, am Fußballstadion des VfL prangt  
"Hexenkesselchen". Am Wochenende konterten bislang Unbekannte diese  
Imagewerbung - mit einer Gegenkampagne.

"Ganz schön blödchen", steht auf den rund 100 Aufklebern, mit denen  
Laternenpfähle, Mülleimer und Stromkästen in der Osnabrücker  
Innenstadt zugepflastert wurden. Die Werbung sei "ehrlich  
entbehrlich", heißt es auf den Aufklebern - eine Anspielung auf  
"herrlich ehrlich", den Slogan der offiziellen Kampagne. Hinweise auf  
den Urheber der Aktion sind spärlich. Gezeichnet sind sie mit "Bürger  
gegen Plattitüden". Die Lokalzeitung schreibt von einer  
"ungewöhnlichen Guerilla-Aktion".

"Sie haben auch die ganze Tourist-Information zugekleistert", sagt  
Oliver Mix, der als Chef der Osnabrücker Marketing- und Tourismus- 
Gesellschaft hinter der städtischen Kampagne steckt. Einen nahe  
liegenden Verdacht weist er sogleich von sich: Man wisse ja das  
Sommerloch geschickt zu füllen, "aber wir waren es nicht". Allerdings  
sieht er durchaus "Professionelle" am Werk: Die Aufkleber sind vom  
Layout her getreue Kopien der Ursprungs-Kampagne, die insgesamt  
280.0000 Euro kosten soll. "Außerdem sind sie abziehbar, da hat sich  
jemand schon was bei gedacht." Eine Anzeige werde man nicht  
erstatten, sagt Mix, aber: "Wir warten aufs Bekennerschreiben." Und  
nicht zuletzt fühlt Stadtvermarkter sich sogar "geehrt" durch die  
Verballhornung seiner niedlichen Kampagne. Die hatte aus der Not der  
Randlage Osnabrücks im Westen der Republik eine Tugend machen sollen.

In der Stadt selbst hatte die Masche mit den Mini-Superlativen zuvor  
aber keineswegs nur Freunde gefunden: Ganze Leserbriefseiten widmete  
die Neue Osnabrücker Zeitung dem Thema. Da schrieb der Präsident der  
Universität Osnabrück erleichtert, zum Glück sei es ihm gelungen die  
Bezeichnung "Oxfördchen" für seine Hochschule zu verhindern.  
Osnabrück mache sich zum "Kasperletheater der Republik", wüteten die  
einen, die Verantwortlichen seien "von allen guten Geistern  
verlassen", die anderen.

"Nur noch peinlich", findet es auch Norbert Drogies, wenn zum  
Beispiel das Heger Tor per Banner zum "Brandenburger Törchen", die  
Hase zum "Canale Grandchen" mutiert. Die "Gags" seien "unseriös" und  
"niemandem verständlich", gar "an den Haaren herbeigezogen", sagt  
Drogies, selbst Inhaber einer Werbeagentur. Osnabrück habe doch auch  
"eigene Stärken", die eine Kampagne hervorheben müsste, sagt der PR- 
Experte. Kollegen aus der gesamten Republik hätten ihm gegenüber  
bereits den Daumen nach unten gesenkt. Drogies: "Es tut einfach weh."

"Der PR-Effekt ist unbezahlbar", meint dagegen Peter Hagenhoff, der  
Erfinder der "Weltstädchen"-Kampagne, mit Blick auf die Anti-Aktion.  
Den Presserummel, den die neuen Aufkleber verursachten, hätten die  
Urheber "bestimmt nicht gewollt", erklärt der Werber. Seine eigene  
Kampagne nimmt Hagenhoff in Schutz: "Wir hätten auch 'Wir sind die  
tollste Stadt am Teutoburger Wald' nehmen können - aber das machen  
schon 48 andere", sagt Hagenhoff. Auch den Slogan der Konkurrenzstadt  
- "Oldenburg hat was" - findet er schwach. "Immerhin hat sich da noch  
keiner drüber beschwert."

Für Kontroversen vor Ort habe auch die Vorbild-Kampagne der  
Osnabrücker "Wir können alles. Außer hochdeutsch" aus Baden- 
Württemberg, gesorgt, sagt Hagenhoff. In der Tat setzt inzwischen  
auch das Land Niedersachsen auf Schmunzel-Understatement: "Mag sein,  
dass Bayern katholischer ist. Aber bei uns gehen mehr zur Messe." Die  
Kunst bei den Osnabrücker Slogans sieht Hagenhoff darin, Regeln zu  
brechen: Wer sich auf die Stadt einlasse, werde merken, dass hinter  
Osnabrück "Substanz steckt", sagt er. Und verneint ebenfalls, sich  
für den "Blödchen"-Streich zu verantworten. Vielmehr hätten die  
Unbekannten am Wochenende auch das Adressschild seiner Agentur  
verunstaltet: Durch einen Aufkleber mit der Aufschrift "Jung van  
Mattchen". Diese Anspielung auf eine große Hamburger Werbeagentur,  
sagt Hagenhoff, "adelt uns natürlich besonders".


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