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Tue Aug 7 11:26:52 CEST 2007
Bilder für Millionen
Von Wolfgang Büscher | DIE ZEIT
Die kunstinteressierte Welt begeistert sich für Fotografie aus
Deutschland. Künstler wie Andreas Gursky erzielen Höchstpreise. Die
bloße Abbildung der Wirklichkeit finden sie langweilig.
Vernissage, Vernissage! Gezeigt wird an diesem warmen Berliner
Sommerabend nichts Sub-Sub-Subkulturelles, keine neo-neodadaistische
Installation. Gezeigt wird Fotografie. Klassisch schwarz-weiß. Der
Künstler ist zugegen, ein Herr von 84 Jahren aus New York: Louis
Stettner, einer der großen Alten des schwarz-weißen Stils. Er geht durch
die staunende Verehrung des deutlich jüngeren Publikums, vor einem
seiner Fotos bleibt er stehen, es ist von 1951: ein Schwarzer in Anzug
und Hut, lässig an einer gusseisernen New-York-City-Laterne lehnend,
inmitten der NYC-Trance aus hartem NYC-Licht und harten Schatten, die
Hände in den Hosentaschen. Soul of New York hat Stettner das Bild
genannt, diese stille und doch aufgeladene Szene.
Was hat er darin gesehen?
»Es ist wie Jazz«, sagt er, »der Mann schaut nur, er freut sich am Moment.«
Der Moment – der magische, alles entscheidende! Er ist es, woran viele
große Fotografen geglaubt, den sie rund um die Erde gesucht haben. Eine
romantische, nein, eigentlich mystische Idee. Der Mitgründer der
legendären Fotoagentur Magnum, der Franzose Henri Cartier-Bresson –
vielleicht der Größte der großen Alten, jedenfalls der Expliziteste, auf
seinem Grab könnte stehen: Zen oder die Kunst, ein Foto zu machen – er
hat einmal gesagt: »Ein Fotograf muss nicht viel wissen. Er muss nur
hinsehen.« Dann hat er eine schnelle Schussgeste gemacht: Peng!
Sein amerikanischer Kollege Elliot Erwitt, der große Schweiger und
Ironiker vom Central Park West, der vermutlich die meisten Hunde der
Welt fotografiert hat, sieht das ähnlich. Aber er dreht die Jagdmetapher
des vielgereisten Cartier-Bresson um, bei Erwitt jagt das Bild den Jäger
wie das Häslein bei Wilhelm Busch: »Man findet ein Bild nie – they come
and bite you.« Such sie nicht, die Bilder. Sie fallen dich an. Pass auf,
da kommt eines!
Schritte knirschen auf Kies, Gläser klirren, Herren in Schwarz, schöne
Frauen, ein etwas zu schrilles Lachen, der Soundtrack der Vernissage;
der Kunst, wo sie bewundert und gekauft werden will. »Das Leben war viel
langsamer damals«, sagt Louis Stettner noch, »heute ist alles busy.
Heute ist New York etwas für Touristen. Damals war es für New Yorker
da.« Nickt freundlich und verschwindet im Gemurmel der Berliner Sommernacht.
Das war vorigen Sommer in der Galerie Camera Work. Das ist diesen Sommer
genauso. Andere Vernissagen, Messen, Auktionen, die gleiche geschäftige
business. Fotografie boomt. Fotografie ist hip. Man lässt sich gern mit
ihr sehen. Wer jung ist, etwas Geld hat, aber (noch) nicht genug, um
teure Malerei zu sammeln, der kauft halbteure Fotografie. Geht hin, wenn
ihre jungen Stars ausstellen, geht auch hin, wenn einer ihrer Klassiker
noch einmal auftritt. Stettner. Erwitt. René Burri. Robert Lebeck.
Richard Avedon. Diane Arbus. Barbara Klemm.
Fotos riechen nach Wirklichkeit, nicht nach Kunst
Zu jedem Namen fallen einem Ikonen ein. Fotos, in denen eine Zeit sich
verdichtet, ein Krieg, eine Rebellion, eine Art zu leben. Es ist ihre
laufende Ikonenproduktion, die Fotografie so auratisch macht. Ihr
Talent, eine Zeit – eher ein Zeitgefühl – zeitgleich abzubilden. Wo
Wirklichkeit ein rares Gut wird und die Welt immer inszenierter,
gesteuerter, da werden Fotos geliebt. Weil sie nach Wirklichkeit
riechen, nicht nach Kunst.
Der Aufstieg der Fotografie begann vor etwa 15 Jahren, und er kommt
heute auf breiter Front daher. Er umfasst nicht nur ihre Stars, sondern
auch das Mittelfeld. Er wirkt sogar retrospektiv: Auch Fotos aus
vergangenen Zeiten steigen im Preis. Weil sie rar werden. Weil schon so
viele davon in Museen und privaten Sammlungen sind.
Vorbei die Zeiten, als Sammlerfotos in kleinen, staubigen Läden oder auf
Flohmärkten für kleines Geld zu erwerben waren. Natürlich, Vintage muss
es sein. So heißen erste, »authentische« Abzüge des Fotografen aus der
Entstehungszeit des Bildes, im Unterschied zu Modern Prints, also
späteren oder heutigen Abzügen von Negativ oder Platte.
Der Sammler Werner Bokelberg hat in einem Interview erzählt, wie ein
Enkel von August Sander, dem berühmten Fotografen der Weimarer Zeit, ein
Bild seines Großvaters verkaufte – für 20000 Dollar. Als er begriff, wie
wertvoll es war, bemühte er sich, einen anderen Abzug desselben Motivs
bei einer Auktion zu ersteigern. Im Bietergefecht musste Sanders Enkel
bei 400000 Dollar kapitulieren. Das Foto erzielte 450000 Dollar.
Im Oktober 1999 setzte das Londoner Auktionshaus Sotheby’s die Fachwelt
mit einem neuen Weltrekord in Erstaunen; die Versteigerung einer
privaten Sammlung – der von Marie Thèrese und André Jammes – erzielte
7,43 Millionen britische Pfund. Andere große Fotosammlungen sollen,
Branchengerüchten zufolge, für Preise um die 20 bis 30 Millionen Dollar
herum an amerikanische Museen gegangen sein.
Am klassischen Kunstmarkt für Malerei gemessen, sind all diese Summen
nicht hoch. Den Kaufpreis einer ganzen, exquisiten Fotosammlung müsste
mindestens verdoppeln, wer etwa einen einzigen van Gogh ersteigern
wollte. Ein distinktiver Abstand zur Malerei bleibt gewahrt.
Andererseits besagt der Verkauf solcher Sammlungen an Museen, dass die
Fotografie in den Kathedralen der Malerei Einzug hält, allen voran in
Amerika, wo es rund 500 Museen gibt, die Fotos sammeln.
Amerika ist das klassische Land der Fotografie. Dort wurde sie früh als
Kunst anerkannt, nicht nur mangels einer der europäischen vergleichbaren
Kunstgeschichte. Sie passte gut zu einem Kontinent der Siedler, der sich
selbst noch fremd war und es immer wieder wurde. In immer neuen Wellen
zogen Fotografen durch Amerika, um es visuell immer neu zu erobern.
Fotopioniere brachten erste Bilder aus nie zuvor von Weißen betretenem
Land. Ansel Adams brachte seine gewaltigen Landschaftsvisionen heim.
Robert Frank, William Eggleston, Stephen Shore – jedes Mal ging es
darum, das unbekannte, ungeschminkte Amerika in die bilderverklebten
Köpfe zu holen. Auch Amerika hat seine Romantik. Und seine Sammler. Ohne
deren Kauflust und hier oft als naiv belächelte Entdeckerfreude wäre der
Welterfolg deutscher Fotografie nicht eingetreten. Alle diese Phänomene
sagen eines: Fotografie wird immer breiter gesammelt, immer teurer
bezahlt, immer höher geschätzt.
Ist die Welt mit ihren überall gleichen Fassaden noch fotografierbar?
Und doch ist es seltsam. Wir reden schließlich von Fotos. Vom Knipsen,
brutal gesagt. Wie kann es sein, dass eine Technik, die so
milliardenfach ausgeübt wird, die so bunt und banal ist wie das
Fotografieren, plötzlich als große Kunst reüssiert, ihre aktuellen
Spitzenwerke ebenbürtig den besten und teuersten Werken von Malern
unserer Zeit?
Fotos sind so allgegenwärtig geworden wie Zuckertütchen zum Espresso.
Sie liegen überall herum, sie süßen unseren Blick in jeder Sekunde.
Modefotos. Kriegsfotos. Mitleidsfotos. Tiere. Terror. Stars. Sex. Seit
die Fotos elektronisch geworden sind, kreisen riesige Bilderhaufen um
die Erde, ständig aufblitzend und abregnend. Wo immer ein shoppendes
Model auftaucht, werden Dutzende Fotohandys gezückt. Fotografie wird
immer billiger. Billiger geht es kaum. Und gleichzeitig wird sie immer
teurer. Galerien, Ausstellungen, Auktionen, private und öffentliche
Sammlungen – das Fotouniversum expandiert.
»Hören Sie den Baulärm?«, fragt der Berliner Galerist Rudolf Kicken.
»Das ist die Baugrube von Thomas Olbricht.« Der Unternehmer baut gerade
nebenan, hier in Berlin-Mitte, ein Privatmuseum für seine Sammlung. Es
ist nicht die einzige Kunstsammlung mit einem starken Akzent auf
Fotografie, die nach Berlin zieht.
Rudolf Kicken ist auch von Köln dorthin gezogen mit seiner Galerie. Er
war dort einer der Pioniere des deutschen Fotografiemarktes, als es
diesen noch kaum gab. Heute ist er eine internationale Größe für
Sammler. Der Markt habe sich verändert, sagt er, durch die
finanzkräftigen Jungsammler im Westen, die sich zum geschäftlichen ein
kulturelles Prestige dazukauften, indem sie ihre großen Lofts mit teuren
Großformaten möblierten und Kunst als Geldanlage sähen, und auch durch
reiche Russen und Chinesen, für die Ähnliches gelte. »Trotzdem, es gibt
noch normale Sammler.«
Er rät aber zur Vorsicht. »Wir haben den Einbruch des
Neoexpressionismus-Hype in den Achtzigern erlebt. Es ist nicht gesagt,
dass die jetzigen Hype-Fotos so hoch bewertet bleiben.« Am Aufstieg der
Fotografie wird er darum nicht irre: »Ich bin seit dreißig Jahren im
Geschäft. Ich weiß, dass der Markt stabil ist.«
Das Gespräch findet im Souterrain seines neu gebauten Galeriehauses in
der Berliner Linienstraße statt, wo die Galerien, die Bilder inzwischen
Schlange stehen. Hier im angenehmen Dämmer hinter Bambusstauden schauen
einen Gesichter der zwanziger Jahre an. Fräuleins. Matronen. Paare,
statisch. Längst verschwundene Familien wie die Orgelpfeifen. Kleine
Formate von August Sander. Gucklöcher in eine andere Zeit. Das Rohe
aller Fotografie, der Geruch des Realen.
Köln schaut ein wenig besorgt auf den Magneten Berlin und denkt an die
Zeit, als es mit Düsseldorf zusammen die Doppelhauptstadt der
»Westkunst« war. Der Aufstieg der deutschen Fotografie begann hier,
nicht in Berlin. Hier waren die entscheidenden Galerien. Ein klassischer
Ort der Fotografie ist der Laden des Fotobuchexperten und Verlegers
Markus Schaden in Sichtweite des Doms. Ein wuchernder Bildergarten voll
seltener Exemplare. Berühmte Fotografen haben viele Stunden darin
verbracht. »Stephen Shore saß vor sechs Jahren hier, ganz deprimiert«,
erzählt Schaden, »weil sich daheim in den USA niemand für ihn
interessierte.« Shore war – mit seinen farbigen snapshot-Bildern eines
banalen Siebziger-Jahre-Amerikas der Straßenkreuzungen und Motels – ein
Vorbild junger deutscher Fotografen, aber erst als diese in Amerika
berühmt wurden, wurde auch Shore daheim wiederentdeckt.
Die Wirkungen wechseln. »1958 gab es sechs Fotoausstellungen in
Deutschland«, sagt Schaden, »2006 waren es rund 2300.« Fotografie ist,
neben der Malerei, die transatlantische Kunst schlechthin. Sie geht hin
und her – nicht nur her, wie Popmusik und Literatur. Ihre Stile,
Probleme, Moden waren und sind, mit Zeitverzügen, hüben und drüben
synchron. Nur die Preise sind drüben höher.
Manchmal können Fotos sehr mächtig sein. Wie das Bild jenes nackten,
verzweifelten Mädchens, das den Vietnamkrieg beenden half. Wie die
staubweißen Geister des 11. September in den Trümmern von New York, die
verstehen halfen, dass eben eine neue Epoche begonnen hatte. Wie das
jazzige Soul of New York. Die Essenz eines Ortes, das Aroma einer Zeit,
diese Idee von Fotografie scheint vor allem schwarz-weiß zu
funktionieren, vielleicht nur schwarz-weiß. Wie würde Cartier-Bresson
heute auf die Orte seiner berühmten Bilder reagieren?
Auf Berlin beispielsweise. Die Absurdität, die Tristesse und Härte der
frühen Mauerjahre, die beckettbühnenhaften Auftritte der Menschen – das
alles ist in seinen Berlinfotos. Das alles ist wie weggeblasen. Gottlob,
politisch gesehen. Aber was gibt es noch zu fotografieren? Die gleichen
Glas- und Steinfassaden wie in Singapur, an denen der Blick abgleitet
wie Regentropfen?
Die Oberfläche der Welt verändert sich stark. Vielleicht sind neue Augen
nötig, um sie zu sehen. Vielleicht ist der Fotonomade mit seiner Leica
am Hals eine anachronistische Figur. Vielleicht haben die Neuen recht,
die Stars einer neuen Fotografie made in Germany mit ihren bunten
Riesenformaten und real existierenden Kunstwelten: Candida Höfer. Thomas
Struth. Thomas Ruff. Andreas Gursky. Die letzten drei Namen komprimiert
die Branche zu einem Kunstwort, einer Marke, halb bewundernd, halb
ironisch: Struffsky.
»Manager von Hedgefonds haben die deutsche Fotografie entdeckt«
Um sie muss es nun endlich gehen, besonders um ihn: Andreas Gursky. Denn
der Aufstieg des 52-jährigen, in Leipzig geborenen Düsseldorfers zum
Weltstar zeitgenössischer Fotografie beleuchtet alle interessanten
Aspekte des Phänomens: den geschäftlichen Boom, den ästhetischen Wandel
des Mediums, den deutsch-amerikanischen Kunstbetrieb und die stets
mitlaufende Frage, ob Fotografie das denn je sein könne: Kunst.
Was seine Bilder auf den Auktionen treiben, verfolgt Andreas Gursky eher
ungenau. Ja, er weiß, dass im vorigen November sein Diptychon 99 Cent
bei einer Auktion für 2,5 Millionen Dollar verkauft wurde. Und dass
dieser Rekord im Februar 2007 nochmals überboten wurde, als 99 Cent II
knapp 3,5 Millionen Dollar erzielte. Aber wo das war, in New York oder
London, bei Philipps oder bei Sotheby’s – »da müssen Sie meine
Galeristin fragen«.
Alle diese Summen sind für Fotografie ungeheuer. Nie da gewesen. Und von
allen diesen Summen hat der Fotograf dieser Bilder direkt so gut wie gar
nichts. Er und seine Galerie verdienen am Erstverkauf. Was auf einer
Auktion geschieht, ist aber ein Folgegeschäft irgendwann danach. All die
Millionen für Gursky-Bilder zahlte der jeweils siegreiche Bieter an
dessen aktuellen Eigentümer, nicht etwa an Gursky oder dessen Kölner
Galeristinnen Philomene Magers und Monika Sprüth.
Noch nie, sagt Monika Sprüth, habe sie einen Gursky für eine Million
verkauft. Und weist darauf hin, dass ein anderes Bild von ihm, Toys R
Us, bei Philipps in New York im April dieses Jahres durchfiel; der
Schätzwert von 1,2 bis 1,8 Millionen Dollar löste sich nicht ein. So ist
das bei Auktionen. Ein freies Marktgeschehen. Interessant ist, dass
gerade dieses Foto durchfiel. Das subtilere Toys R Us – auch das Museum
of Modern Art besitzt einen jener sechs käuflichen Abzüge, die es von
jedem Gursky gibt – fordert eher den kunstinteressierten Bieter als das
dekorativere 99 Cent, das dem Stil des spekulativen Kunstkäufers
entgegenkommt.
Indirekt hat der Künstler dennoch etwas von spektakulären
Auktionserlösen – der Preis, für den seine Fotos unter den Hammer
kommen, inspiriert seine Galeriepreise. Ein Gursky in der Galerie liegt
zwar weit unter seinen Auktionsrekorden, aber haushoch über dem
Mittelfeld von Fotografie. »Bei uns«, sagt Monika Sprüth, »liegen seine
Preise zwischen 300000 und 600000 Euro.«
Damit bewegt sich neue deutsche Fotografie in der internationalen
Preisklasse von neuer deutscher Malerei. Ihre Stars sind endlich in
jener Sphäre angekommen, in der die Maler unter sich waren – und dort
geht es nicht mehr nur um Leidenschaft, sondern auch um Investment. Und
um private Symbolpolitik. Es gibt Käufer, die wild darauf sind, einen
Gursky zu kriegen, egal, was er kostet, egal, was darauf zu sehen ist.
»Einige Hedgefondsmanager«, hat der Galerist Rudolf Kicken gesagt,
»haben deutsche Fotografie als ihr Lieblingsspiel entdeckt. Die setzen
sich zusammen und besprechen, wen sie jetzt mal stützen. Man hat einen
Aston Martin, seine fünf Apartments in fünf Städten, seine
30-Meter-Yacht. Was nun? Diese Leute meinen, sie hätten es geschafft,
wenn es ihnen gelungen sei, einen Gursky zu bekommen.« Ist das so?
»Na klar«, sagt Monika Sprüth, »laufen mir solche Leute über den Weg.«
Das sei unvermeidlich bei einem so teuren Künstler wie Andreas Gursky.
Sicher gebe es die Versuchung, das Spiel zu spielen. »Aber als
konservative Galeristen versuchen wir, den Künstler zu schützen und
möglichst an traditionelle Sammler zu verkaufen.«
Gespielt wird das Spiel in jedem Fall. Die Galeristin von Andreas Gursky
ist lange genug im Markt, um dies zu sehen. »Die Nachfolger von Neo
Rauch sind auf dem amerikanischen Markt groß geworden durch eine
bestimmte Gruppe von Sammlern, die Familie Rubell in Miami etwa, die
immer sehr früh, vielleicht manchmal zu früh, versuchen, neue Trends
aufzuspüren.«
Sollen deutsche Künstler traurig sein, weil man sie in Amerika mag?
Natürlich nicht. Anselm Kiefer hat sich über anfängliche deutsche
Zögerlichkeit gegenüber seinen Bildern ebenso mokiert wie später Neo Rauch.
Monika Sprüth deutet Verständnis an, ist aber autonom genug, um als
erfolgreiche Galeristin nicht das Nachdenken darüber einzustellen,
wieso, was sie tut, so gut funktioniert. »Die Amerikaner«, sagt sie,
»machen Kunstmarkt.« Wer aber Kunstmarktpolitik mache, setze auf
»Ismen«, auf ästhetische Marken und Schulen – im Falle Deutschland mit
zeithistorischem Einschlag.
Die Rubells kamen in den achtziger Jahren nach Düsseldorf und kauften
Becher-Schüler. Die seltsam unschuldigen Porträts junger Deutscher von
Thomas Ruff. Oder Thomas Struth. »Eine Schule eben, darauf reagiert der
US-Markt.« Oder auf Anselm Kiefer. »Er hat in seinen Bildern das
Deutschsein thematisiert zu einer Zeit, als amerikanisch-jüdische
Sammler erstmals nach dem Krieg bereit waren, deutsche Kunst zu kaufen.«
Dann sei Neo Rauch gekommen, und für Amerikaner schwinge in seinen
Bildern nun einmal der Mauerfall mit – »die Bebilderung Deutschlands
nach 1989«.
Umgekehrt hätten deutsche Museen und Galerien in den sechziger und
siebziger Jahren amerikanische Minimal Art ausgestellt, was damals kein
US-Museum getan habe.
Es ist aber nicht alles nur Geschäft. Es waren – lange vor
amerikanischen Neureichen – amerikanische Sammler, Kritiker,
Museumsleute, die die jungen Deutschen entdeckten. Wer mit den Ohren
kauft, wie Rudolf Kicken es nennt, kauft eben erst, wenn alle davon
reden und die Bilder so teuer wie möglich sind. Kicken hatte lange
vorher Fotos von Thomas Struth und von seinen Lehrern Bernd und Hilla
Becher nach Amerika verkauft. Und Peter Galassi, Chefkurator für
Fotografie am New Yorker Museum of Modern Art, organisierte für Andreas
Gursky 2001 eine Einzelausstellung dort. Wie faszinierend kenntnisreich
der amerikanische Blick sein kann, beweist Galassis Aufsatz über
deutsche Fotografie im Katalog.
Im Erfolg deutscher Bilder in Amerika mag die traditionelle Stärke
deutscher Kunst nachklingen. Es zählen aber vor allem drei Dinge aus
amerikanischer Sicht: Bebilderung jüngster deutscher Geschichte, etwa
bei Anselm Kiefer. Bebilderung der ästhetischen Reaktion von Malerei und
Fotografie, etwa bei Gursky. Und drittens das Repräsentative von Kunst,
zumal wenn sie in spektakulären Formaten kommt. Es macht etwas her, so
ein Werk in der Eingangshalle hängen zu haben, in Amerika noch mehr als
in Europa.
Was macht Gursky eigentlich gerade?
Ohne diesen amerikanischen Blick, ohne den Reiz solcher Fremdwahrnehmung
erreichte der deutsche Bilderexport nicht solche Rekorde. »Das würde
ich«, sagt Monika Sprüth, »sogar in gewisser Weise für Andreas Gursky
sagen, obwohl sein Werk breiter angelegt ist.« Er habe, darin Gerhard
Richter ähnlich, »die Schnittstelle von Malerei und Fotografie wirklich
ins Bild umgesetzt«. Thomas Ruff und Gursky sind für die Galeristin
diejenigen Becher-Schüler, die sich am weitesten von ihren Lehrern
gelöst haben.
Gurskys Weg hat etwas Eisbrecherisches für die gesamte Fotografie. Auch
er begann mit der kleinen Leica, auch er wollte ein Fotoreporter wie die
Alten werden, bei einem Hamburger Reportagemagazin, wie alle. Es wurde
nichts daraus. Er wurde Gursky. Es ist der Weg vom Bildersucher zum
Bildermacher. Von Schwarz-Weiß zur Farbe. Von der Leica zum Computer.
Vom kleinen zum riesengroßen Format. »An der Kunstakademie«, erinnert
sich Gursky, »gab es ein Dogma für Abzüge: 24 mal 30 Zentimeter, nicht
größer. Damals habe ich um jeden Zentimeter gefochten.« Den Weg zu
seinen Großformaten habe er jedoch nach und nach beschritten. »Das war
kein Konzept, es war ein Prozess, ein Bild baut auf dem anderen auf. Ich
bin sehr langsam.«
Andreas Gursky ist ein viel beschäftigter Mann – die nächste Ausstellung
im Oktober in Basel, der nächste Katalog. Neue Bilder. Neue, lange
Sitzungen am Computer. Gerade schaut er auf sein neuestes Bild. »Ein
realer Ort, der Flughafen Frankfurt. In diesem Fall ist es ein Bild, das
komplett am Computer entseht. Ich layoute das Bild und setze dann die
Fotos ins Layout hinein.«
Also ein maximal unfotografischer Akt?
»Nein, das ist nur die halbe Wahrheit. Das auslösende Moment ist immer
ein visueller Eindruck. Mir fällt ein Ort auf. Real in freier Natur oder
ein Bild in der Zeitung, im Fernsehen. Ich beginne ganz fotografisch.
Ich setze mich nicht hin und überlege, welches Bild wäre jetzt mal unter
dem Globalisierungsthema interessant.«
Auslösendes Moment – das klingt klassisch, haben die Magnum-Leute nicht
so geredet? Damit hat Gursky nichts mehr zu tun. Bei dem Bild auf seinem
Rechner, sagt er, werde keine dokumentarische Fotografie herauskommen.
»Man wird den realen Ort, der da zu sehen ist, auf dem Flughafen suchen,
aber nicht finden. Man wird jedoch an den Schildern sehen, dass es
dieser Flughafen ist. Meine Bilder tragen ja meist Ortsnamen. Aber der
reale Ort ist von mir interpretiert.«
Am Anfang ist das Foto, immer noch, aber was er damit macht, wäre ohne
die digitale Revolution undenkbar. Sie hat die Verschmelzung von Kunst
und Fotografie befeuert. Das streng objektive Abbild hat es zwar nie
gegeben. Auch die gute, alte Dunkelkammer kannte ein paar Kniffe. Hier
ein Hintergrund stärker belichtet, dort ein Gesicht herausgehoben. Alles
läppisch gegen die Macht, in die DNA des Bildes selbst einzugreifen,
Bildpunkt für Bildpunkt, und es am PC nach Belieben neu zu rechnen. Ein
Foto wäre kein Abbild mehr, sondern ein Bild nach der Idee seines
Schöpfers – und sein Fotograf endlich ein vollgültiger Künstler.
Es gibt andere berühmte Jüngere, die sich genauso sehen und so gesehen
werden wollen – wie Wolfgang Tillmans, der die Frage, was er denn sei,
Fotograf oder Künstler, leid ist. Künstler natürlich. Andreas Gursky
scheint auf Selbstdefinition nicht so viel Wert zu legen. »Mein
Arbeitsprozess«, sagt er, »ist ständig im Fluss. Ich entscheide von Fall
zu Fall. Der günstigste Weg, auch ökonomisch, ist natürlich: einfach nur
ein Foto machen, und das ist es.« Berühmt wurde er allerdings mit seinen
spektakulären Bearbeitungen.
Die zum Ornament angeordneten Puzzlestücke einer Rennstrecke in der
arabischen Wüste; die Choreografie eines deutschen Rockkonzerts oder
eines ostasiatischen Börsensaales – all das gibt es so, wie es auf
Gurskys riesengroßen Bildern zu sehen ist, nicht wirklich. Deren
Produktion ist mitunter eine logistische und Ingenieursleistung.
Langwierige Verhandlungen können nötig sein, um etwa nach Nordkorea
hineinzukommen. Und Helikopter, um mit der Kamera all die Blicke auf das
Objekt zu sammeln, aus denen dann am PC ein Landschaftsbild gebaut wird.
Ein allsehender Blick auf die Welt, wie er dem Auge des gewöhnlichen
Sterblichen nicht zuteil wird.
»Mal wieder durchs Ruhrgebiet fahren wie früher, einfach Fotos machen«
»Meine ersten Bilder waren ja nicht digitalisiert«, sagt Gursky, »erst
1991 habe ich damit begonnen. Heute digitalisiere ich jedes Bild. Aber
heute sieht man den Unterschied nicht mehr, so ausgereift ist die
Technik mittlerweile.« Die Technik – so mächtig, so geschmeidig sie ist,
sie hat großen Appetit auf Lebenszeit und tendiert dazu, den, der sie
benutzt, aufzufressen. »Ich sehne mich«, fährt Gursky, dessen Spielraum
die ganze Welt geworden ist, fort, »nach der Zeit zurück, romantisch
durchs Ruhrgebiet zu fahren und einfach zu fotografieren wie früher. Ich
denke gern daran. Dazu komme ich aber nicht. Fotos liegen angefangen auf
Festplatten und wollen bearbeitet sein. Post production nimmt ungeheuer
viel Platz ein.« Und im Oktober die Ausstellung in Basel. Nein, jetzt
gehe das nicht. »Aber irgendwann werde ich es tun.« Für sein Rhein-Bild
sei er unzählige Male an die Stelle am Ufer gefahren, wo er die Fotos
gemacht habe. »Ich wollte diese kleinen Wellen. Bei Westwind hat der
Rhein eine glatte, ölige Oberfläche, nur bei Ostwind nicht. Aber fast
immer herrscht Westwind.«
Rhein ist ein schönes Beispiel, um über Fotografie und Kunst
nachzudenken. Das Bild ist so abstrakt wie möglich.
Land/Fluss/Land/Himmel, digital aneinandergenäht, eine querstreifige
Fahne: grün/grau/grün/grau. Nein, diesen Rhein gibt es nicht. Und doch
duftet er nach dem Niederrhein, wie er wirklich ist. Alles ist in diesem
Bild vom Rhein, sein silbrig-graues Licht, seine reduzierten Farben,
seine verhangene Stimmung wie am Ende oder am Anfang eines epischen
Films. Wenn es aber so ist, wozu dann noch über Kunst und Fotografie
räsonieren? Es ist doch alles da.
Vor Kurzem ist Bernd Becher gestorben. Mit ihm und seiner Frau Hilla
fing alles an. Die Stars von heute kommen aus ihrer Meisterklasse an der
Düsseldorfer Kunstakademie. Die Bechers und ihre von der Kritik oft
»archäologisch« genannten Fotoserien aufgegebener Industrieanlagen.
Kühltürme. Fördertürme, immer mittig, immer im schattenlosen Streulicht
grauer Himmel aufgenommen, alle expressiv-romantischen
Hell-dunkel-Effekte vermeidend. Stoische, strengstmögliche
Dokumentarfotografie, die dann als Konzeptkunst entdeckt und berühmt wurde.
Wer diese kleinformatigen Serien sieht, kann kaum begreifen, wie eine so
opulente, in Farben und Formaten überwältigende Kunst wie die Gurskys
von einem Becher-Schüler kommen kann, der sich bis heute als solcher sieht.
»Auch meine aktuellen Bilder, auch die am PC entstehenden«, sagt er,
»beinhalten viele Stilmerkmale, die die Bechers gelehrt haben. Keine
perspektivischen Übertreibungen, kein möglichst nah ans Objekt
Ranzoomen. Nie das Objekt im Vordergrund total, während der Hintergrund
sich verliert. Arbeit mit normalen Brennweiten, wie das menschliche Auge
sieht.« Masse oder Detail – das ist es, was man sieht, je nachdem, ob
man nahe herangeht oder weit weg. Es ist dieser kühle, typologische
Stil, der Becher-Ästhetik und Gursky verbindet. Zu Gurskys Großformaten
kann man gut die Musik von Kraftwerk hören.
Cartier-Bresson und die Seinen wollten Fotoreporter und zugleich
nomadische Bildpoeten sein, verwertbar und romantisch. Andreas Gurskys
Eintritt in die Düsseldorfer Kunstakademie 1980 und in die Becher-Klasse
1981 war sein Abschied von dieser Schule. Sein Auszug aus dem
Magnum-Kosmos, auch nach fruchtlosen Vorstellungen als junges Talent bei
Hamburger Reportagemagazinen. Er beschloss, Künstler zu werden. Er wurde es.
Von der Nachkriegs-Bilderphobie zur neuen Lust am Großformat
Eine Gursky-Ausstellung, das ist eine Kategorie eigener Art, Marke und
Ereignis. Als das Münchner Haus der Kunst im Frühjahr seinen gesamten
Ostflügel hergab für die große Gursky-Schau, berichteten Tagesschau und
heute-journal am selben Abend. Eine Fotoausstellung in den
Hauptnachrichten – noch vor Jahren undenkbar. Genau wie der
Publikumsandrang. Die Aussteller hatten mit 30000 gerechnet. Ein Irrtum.
Schon nach zehn Tagen war diese Besucherzahl erreicht.
Das Haus der Kunst nennt, um sein avantgardistisches Programm nicht
selbst unter Druck zu setzen, prinzipiell keine Besucherzahlen, aber
jeder kann überschlagen, was 30000 pro Woche für eine zwölfwöchige
Ausstellung ergeben – Gurskys war die bestbesuchte im Haus der Kunst
seit zwölf Jahren. Hunderttausende wollten ihn sehen, mehr als 2003 den
populären Maler Spitzweg.
Warum strömten die Leute hin? Weil es Fotos sind, trotz allem. Weil
Fotos weniger abschrecken als Malerei. Weil jeder schon mal eines
gemacht hat und vor diesen fachsimpeln kann, darf, mag. Der Herr, der
seiner Frau Details erklärt. Wie das Licht verschieden einfällt. Wie auf
dem Massenbild manche Figuren mehrfach auftauchen. All das.
Und weil es diese unglaublichen Formate sind. Zu Gursky gehen ist im
Tumult der Milliarden Bilder draußen eine geradezu reinigende Tat. Die
teils monumentalen Formate wirken ohne jedes optische Nebengeräusch,
überreal, real-präsent. Die fest installierten Lichtschienen wurden auf
Wunsch Gurskys im gesamten Ostflügel abgebaut. Seine Bilder waren in
geradezu Bechersches Streulicht getaucht – aber hier in diesen Hallen
wirkte es wie ein Auraentwickler.
Gurskys Weg von der strengen Kunst der Bilderbändigung an der Akademie
zur Bildwucht seiner eigenen Kunst, das ist die Fortsetzung des
nachkriegsdeutschen Sühneweges über diesen hinaus: von der Bilderphobie
der Alten, ihrer Kritik am großen Verführer Bild, zum begeisterten
Eintauchen der Jüngeren ins lange entbehrte Element. Ohne Bilder, sagt
diese Ausstellung, ohne große Bilder geht es nicht.
Weil aber die Sehnsucht nach Bildern allgemein ist, ist es nicht mehr
möglich, die Sphären sauber zu trennen: hier Kunst, dort Banalität, hier
Vintage, dort Postertrash. Natürlich existieren diese Pole weiterhin,
aber die No-go-Area dazwischen belebt sich zusehends. Beispielsweise mit
Lumas. Erstaunlich an dieser Berliner Geschäftsidee ist nur, dass nicht
früher jemand darauf kam: Etwas anzubieten für jene, die gern »echte«
Fotos namhafter Fotografen möchten, denen aber das kunsthistorische
Wissen und das Geld fehlen, um teure Vintage-Prints zu sammeln.
Wer Vintage sammelt, also »authentische« Abzüge des Fotografen aus der
Entstehungszeit des Bildes, der sollte davon ausgehen dürfen, dass es
nur wenige davon auf der Welt gibt. Fünf, höchstens zehn. Alles andere
sind Modern Prints, später von der Originalplatte oder vom Negativ
genommene Abzüge – etwas, das für den klassischen, kunsthistorisch
gebildeten Sammler nicht infrage kommt. Dann könnte er ja gleich in den
Postershop gehen. Die Lumas-Idee ist nun: ein Angebot exakt auf der
Mitte dieser Skala zwischen Vintage und Poster. Deutlich höhere Auflagen
als Vintage für deutlich kleinere Preise. Aber doch signiert und
limitiert auf meist 75 bis 150 Abzüge. Ich kaufe für einige hundert Euro
ein Bild von Floris Neusüss und weiß, dass es 200 davon gibt. Wen das
nicht stört, der hat Fotokunst an der Wand hängen.
Einen klassischen Sammler stört es selbstredend. Einen wie wie Wilfried
Wiegand, den Kunsthistoriker, Kritiker und jahrzehntelangen Vorkämpfer
für die Anerkennung von Fotografie als Kunst – und Sammler. Wiegand
kauft Vintage, anderes nähme er nicht in die Hand. »Vintage, das ist
einfach der älteste Abzug. Sie sehen am Fotopapier als Kenner, ob ein
Abzug Art déco ist oder Nachkrieg oder heute.«
Die Geschichte des Fotobooms, sagt er, folge den Gesetzen des
Grafikmarktes. »Von Rembrandt wurden von den über fünfzig Kupferplatten,
die sich erhalten haben, auch in späteren Jahrhunderten noch Abzüge
gemacht, die konnte man bis in die Nachkriegszeit kaufen. Aber nur die
echten Rembrandts, von ihm selbst, waren ›Vintage‹.« Der wahre Impuls
des Sammelns, sagt er, sei, dass etwas rar sei und kostbar. »Meinetwegen
Steine am Strand.« Das unseriöse Sammeln sei hingegen: »Man will am
Zeitgeist partizipieren, man will auch dabei sein.«
Das Gespräch mit ihm findet im Café des Berliner Literaturhauses statt –
mit Blick auf das Lumas-Geschäft genau vis-à-vis. »Einmal war ich da
drin«, sagt Wiegand, »und bin rückwärts wieder raus. Ich kann nicht
verstehen, warum darauf Lobeshymnen geschrieben werden. Die Theorie
lautet ja, dass junge Leute dort preiswerte Fotos kaufen und so
Geschmack am ernsthaften Sammeln finden. Aber ich glaube es nicht.«
Derweil verkauft Lumas pro Monat rund 2500 Prints und eröffnet einen
Laden nach dem andern: in Deutschland schon acht, bald zwei in New York
und bald auch einen in Zürich – dabei gibt es Lumas erst seit Ende 2004.
Der Bluff bei Lumas sei, sagt Wiegand, dass diese Fotos präsentiert
würden, als wären sie rar und kostbar. »Aber das sind sie nicht und
darum auch nicht wiederverkäuflich.« Eine Lumas-Sprecherin hält dagegen,
dass es im Internet schon Tauschbörsen für Lumas-Prints gebe und es ein
solcher der jungen Fotografin Stefanie Schneider – ein Star von Lumas –
auf eine Londoner Auktion geschafft und dort seinen Preis vervierfacht
habe. Ein Einzelfall allerdings.
Das Sammeln alter Fotos gehe zurück, sagt Wiegand, der Markt werde
beherrscht von Gegenwartsfotografie. »Der Geschmack ist plakativer
geworden. Wenn Sie heute in eine Fotobuchhandlung gehen – oft nur noch
nackte Frauen und Grand Canyon.« Es sei der Wunschtraum der Fotohändler
gewesen, dass endlich einmal die großen Kunstsammler anfingen, Fotos zu
kaufen. »Das wurde wahr. Als die Fotografen anfingen, konzeptionell zu
werden, vor etwa 20 Jahren.« Der Name Becher fällt. Gursky. »Den kann
ich mir nicht leisten«, sagt Wiegand, »aber ich kann die hohen Preise
verstehen. Gursky ist wirklich genial. Und im Übrigen war der
Kunstbetrieb zu allen Zeiten verrückt.«
Das Gespräch endet in einem leidenschaftlichen Epilog des 70-jährigen
Sammlers der alten Schule. »Beim Sammeln ist Leidenschaft im Spiel, ohne
sie geht es nicht, und wo Leidenschaft ist, ist der Abgrund nahe.« Sich
zu übernehmen, zu ruinieren, betrogen zu werden, wie es sogar namhaften
Sammlern passiert sei. »Wer sagt, mein Haus ist voll, mehr Kunst passt
nicht rein, ist kein Sammler. Wer sagt, er habe kein Geld dafür, ist
kein Sammler. Wenn meine Frau und ich ein Bild unbedingt wollten und es
nicht bezahlen konnten, dann haben wir es eben abgezahlt, ein Jahr lang
in Raten.«
Das wäre für den 30 Jahre jüngeren Michael Michalsky vermutlich eine
abschreckende Vorstellung. Auch er sammelt Fotografie, seit etwa zehn
Jahren. Als junger Chefdesigner schuf er der alteingesessenen
fränkischen Turnschuhmarke adidas erfolgreich einen modern-globalen
Neuauftritt. Dann ist er nach Berlin gegangen, um dort auf eigene
Rechnung und im eigenen Namen Mode zu entwerfen.
Was er über seine Anfänge als Sammler sagt, trifft sicher auf viele Neue
auf diesem Parkett zu. Es ist nicht so glatt. Bei Malerei ist der
finanzielle und ästhetische Einsatz höher. Bei Fotografie kann nicht so
viel schiefgehen, selbst wenn man unerfahren ist und mal danebengreift.
»Man kann für relativ kleine Summen schon viel Freude haben.« Die weite
und irgendwie rohe Michalsky-Etage liegt in einem erst halb belegten
Büroquartier an der Leipziger Straße in Berlin-Mitte, wo sonst. Ein paar
bunte Schuhe stehen da, ein paar Kleiderstangen. Viel Raum, viel Licht.
Er sei anfangs ein bisschen verschreckt gewesen von den Galerien,
»damals war ich ja noch in Nürnberg«.
»Angefangen habe ich, als artnet ins Netz ging. Dann habe ich die
Auktionshäuser entdeckt. Sotheby’s. Dann, dass es auch noch Grisebach
gibt und Lempertz. Und dann habe ich mein erstes Foto gekauft. Horst P.
Horst.« Er kaufe gern bei Auktionen. »Eine Summe festsetzen und sehen,
ob man’s kriegt. 2000 Euro oder 5000, mehr nicht. Ich kaufe immer aus
dem Bauch heraus. Mode. Skurrile Sachen. Homoerotics. Und nicht für die
Schublade, ich hänge alles auf.«
Das teuerste Foto bei einer deutschen Auktion: Der Marlboro Man
Er nennt Namen aus seiner Sammlung. Yva, die berühmte Modefotografin der
dreißiger Jahre, bei der Helmut Newton lernte. Helmar Lerski mit seinen
expressiven Porträts. Thomas Ruff. F. C. Gundlach. Und Leni Riefenstahl,
ihre Olympiafotos. »Die Ästhetik ist super, aber die Riefenstahl kann
man nicht in einen Raum mit Yva hängen. Das kann man Yva nicht antun.«
Die jüdische Fotografin blieb in Berlin und kam – wann, weiß man nicht
sicher – im KZ um.
Nicht ein Bild habe er je als Investition gekauft, sagt Michalsky. Das
schließt Wertsteigerungen nicht aus. Die Riefenstahl-Fotos habe er für
8000 Mark gekauft, derzeit seien sie 26000 Euro wert. »Ich bin ein
Popkultur-Kind«, schließt er, »ein Videokonsum-Kind der achtziger Jahre.
Was zu konzeptionell ist, zu intellektuell, was man nur begreift mit
einem Kunstprofessor an seiner Seite, das interessiert mich nicht.« Sein
Traum, das wäre eine Ausstellung »Mode und Fotografie«. »Da würden viele
aus dem Hardcore-Kunstbetrieb sagen: eine Kirmesveranstaltung!«
Er lächelt. Das würde ihm gefallen.
So wie es dem siegreichen Bieter bei der Maiauktion der Berliner Villa
Grisebach gefallen hat, in einem Zweikampf den Preis eines Fotos, mit
dem niemand ernsthaft gerechnet hatte, so lange hochzutreiben, bis ein
neuer Rekord erreicht war: 81000 Euro, mit Aufgeld et cetera über 100000
Euro – das teuerste bei einer deutschen Auktion verkaufte Foto. Es ist
von Dieter Blum und heißt Rauchender Mann. Zyklus Tasting Freedom. Es
war eine Ikone eigener Art: der Marlboro Man. Der Sieger, ein Mann aus
dem Hessischen, ging in den Tag hinaus, als habe er sich einen Traum
erfüllt. Und still gelächelt hat er auch.
Vielleicht geht es der Fotografie ein bisschen wie Berlin, vielleicht
finden die zwei darum aneinander solchen Gefallen. Was lange abseits
lag, was unbelebt war, schwarz-weiß, alt und etwas verstaubt, das wird
nun lebendig, laut, neureich und etwas grell.
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