[echo] Falsch gezählt: In Deutschland gibt's doch mehr Kinder
cornelia sollfrank
cornelia at snafu.de
Thu Aug 9 13:01:14 CEST 2007
Kinderlos? Nein, falsch gezählt
Von Regina Mönch
Nochmal nachgezählt: In Deutschland gibt's doch mehr Kinder
09. August 2007
Den Deutschen steht unerwartet Kindersegen ins Haus: Endlich sind
zwei seltsame Gesetze renoviert worden, die bisher verhinderten, dass
wir uns ein Bild von unserer Zukunft machen können, dem auch zu
trauen wäre. Denn trotz hitziger Debatten über demographischen Wandel
und zu viele Kinderlose sind doch viele Daten, auf denen alle
Befürchtungen basierten, gelinde gesagt, unvollständig.
Soll heißen, dass die Standesämter zum Beispiel nie jene Kinder
mitzählten, die eine Frau, die zum zweiten Mal heiratete, mitbrachte
oder beim Vater ließ. Soll auch heißen, dass viele Frauen, die bisher
zu den Kinderlosen sortiert wurden, in der Statistik nun als Mütter
auftauchen werden, weil der sehr alte, ideologisch geflochtene Zopf
abgeschnitten ist, wonach ihre Kinder nicht erfasst werden, wenn sie
vor ihrer Ehe geboren wurden - was bekanntlich immer häufiger geschieht.
Grobe Fehleinschätzungen
Bisher galt ein deutscher Sonderunsinn, der zu groben
Fehleinschätzungen über das Ausmaß der Kinderlosigkeit geführt hat;
ganz zu schweigen von der damit legitimierten Unterstellung, Frauen
verzichteten aus hedonistischen Gründen auf ein Kind. Dass die Reform
die falsche Zahl von mehr als vierzig Prozent kinderlosen
Akademikerinnen, die sich dem Familienleben verweigern sollen, aus
den Archiven und dem Internet tilgt, darf allerdings nur gehofft
werden. Unbemerkt von der Öffentlichkeit, akzeptierte jetzt der
Bundestag die Änderungen des Mikrozensusgesetzes und jenes zur
Bevölkerungsstatistik, und sie treten bereits zum Jahreswechsel in
Kraft. Alle vier Jahre dürfen nun Frauen im Alter von fünfzehn bis zu
fünfundsiebzig Jahren nach der tatsächlichen Zahl ihrer Kinder und
den Jahren, in denen diese geboren wurden, befragt werden. Der
Mikrozensus, wichtige Datenbasis für die Wissenschaft, wird nun nicht
mehr nur die im Haushalt lebenden Kinder erfassen. Das klingt banal,
kommt aber einem Paradigmenwechsel gleich.
Es galt als unschicklich, ja unzumutbar, eine Frau nach der
tatsächlichen Zahl der von ihr geborenen Kinder zu fragen. Verstehe
das, wer will. Und so dürfen nun auch Frauen, deren Kinder früh
ausgezogen sind, Mütter bleiben, statt wie bisher die Zahl der
Kinderlosen zu erhöhen. Und es werden nicht mehr nur Frauen, die
jünger als 39 Jahre sind, nach Kinderglück und Familiengröße befragt.
Wer sein erstes Kind später bekam, bekanntlich gerade
Akademikerinnen, wurde bisher ignoriert.
Am Starrsinn gescheitert
Familienforscher und Demographen hatten mit dieser Revolution fast
nicht mehr gerechnet. Im Statistischen Jahrbuch, schrieb Rainer
Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und
Entwicklung, in dieser Zeitung, fänden sich zur Anbaumenge von
Topfchrysanthemen und dem Gänsebestand präzisere Angaben als zur Zahl
der Kinderlosen und der Mütter mit außerehelich geborenen Kindern.
Doch trotz deutlicher Warnungen angesichts derart unsicherer
Bevölkerungsdaten ist die von Wissenschaftlern geforderte Korrektur
immer wieder am Starrsinn oder der Unkenntnis vieler Politiker
gescheitert. Widerstand kam von den Grünen und der Linkspartei, die
von „sensiblen Daten“, „Sammelwut“ und „Überwachungsstaat“ raunen.
Eine Christdemokratin, die dreißigjährige Soziologin und
Bundestagsabgeordnete Kristina Köhler, aber hat es nun geschafft, die
Gesetzesnovelle zum Erfolg zu führen.
Zu den engagierten Pionieren dieser Wende gehört zweifellos das
Rostocker Max-Planck-Institut für demographische Forschung. Unbeirrt
lud es immer wieder Wissenschaftler und Statistiker zu Tagungen und
Workshops und zeigte dort all die statistischen Unschärfen und
Irrtümer auf. Das jüngst von Michaela Kreyenfeld und Dirk Konietzka
dazu herausgegebene Buch sei jedem empfohlen, der es genauer wissen
will und sich für die viel weiter gefassten, weil auf zuverlässigeren
Daten beruhenden Denkansätze anderer europäischer Länder interessiert
(„Ein Leben ohne Kinder - Kinderlosigkeit in Deutschland“. VS Verlag
für Sozialwissenschaften). Die beiden Herausgeber haben vor allem mit
ihren Ost-West-Studien belegt, wie absurd hierzulande teilweise die
Diskussion um Geburtentief und Kinderlosigkeit verlief. Irreführende
Vorstellungen durch unsachgemäßen Umgang mit statistischen Daten
hätten leider Auswirkungen auf politische Entscheidungen, schreiben sie.
„Zusammengefasste Geburtenrate“
So wurde, was besonders im Ost-West-Vergleich eine fatale Rolle
spielte, immer wieder in den Medien und der Politik eine
„zusammengefasste Geburtenrate“ benannt, die aber keinesfalls
geeignet ist, exakt zu beschreiben, wie sich das Geburtenniveau
entwickelte. Doch weil diese Zahlen im Internet abrufbar sind,
avancierten sie zum scheinbar gesicherten Tatbestand. Im Osten wurden
immerhin bis 1990 alle Kinder, die eine Frau geboren hatte, erfasst.
Darum ist Kinderlosigkeit dort seriöser zu schätzen.
Kreyenfeld und Konietzka bestehen auf Kohortenzahlen statt der
Geburten in einem Kalenderjahr, vergleichen also die Frauen eines
Jahrgangs. Und in diesen Statistiken zeigt sich, dass sie im Osten
bis auf den heutigen Tag mehr Kinder haben als die im Westen der
Republik (obwohl dort die großen Familien der Migranten zu Buche
schlagen, die es im Osten kaum gibt). Sie sind immer noch fast alle
berufstätig und orientieren sich bei ihrer Familienplanung weniger an
staatlichen Vorgaben und wirtschaftlicher Sicherheit, sondern an
einem Familienbild, das seit Generationen Tradition ist: Kinder hat
man eben.
Text: F.A.Z., 09.08.2007, Nr. 183 / Seite 31
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