[echo] Aktivisten wider Willen
cornelia sollfrank
cornelia at snafu.de
Sat Aug 11 10:54:18 CEST 2007
taz, 11.08.2007
Chaos Computer Club
Aktivisten wider Willen
Bei ihrem Treffen machen die Cracks vom Chaos Computer Club gegen den
Überwachungsstaat mobil. Dabei haben sie eigentlich keine Lust auf
Lobbyarbeit. VON DANIEL SCHULZ
Ameisensäure soll helfen. Wenn man sich die auf die Fingerkuppen
schmiere, dann sähe es aus, als habe man eine fiese Hautkrankheit,
erzählt ein drahtiger sonnengebräunter Mann seinen etwa 300
verdutzten Zuhörern. "Und wenn dann das Amt die Fingerabdrücke für
den neuen Reisepass nehmen will, dann wird das wohl nicht
funktionieren." Es ist kurz still, dann johlt das Publikum. Der
Vortragende lacht und sagt in den Lärm: "Man hat mir versprochen,
dass das alles schmerzfrei ist."
Chaos Computer Club
Der "Club" ist Deutschlands älteste und größte Hackerorganisation,
gegründet vor 21 Jahren in den Räumen der taz. Alle vier Jahre ruft
der CCC in Deutschland zu einem Camp. Auf dem diesjährigen bei
Eberswalde treffen sich etwa 2.000 Technikexperten aus aller Welt.
Das Treffen dient auch der Vorbereitung neuer Proteste gegen
Sicherheitsgesetze der großen Koalition (im Jargon auch gern: Stasi
2.0). Dagegen rufen CCC und andere Organisationen wie der "AK
Vorratsdatenspeicherung" für den 22. September zu einer Demonstration
in Berlin auf.
Ein paar seltsame Ideen müssen wohl abfallen wenn der Chaos Computer
Club zum internationalen Treffen der Hacker ruft - um klar zu machen,
wie bedrohlich die angereisten Technikexperten die staatlichen
Überwachungsmaßnahmen inzwischen finden. "Bei der Volkszählung 1983
haben sich die Leute noch gewehrt aber heute halten sie einfach
still", sagt Starbug einer der bekanntesten Hacker des Chaos Computer
Club - kurz CCC. Er hat die Säure-Anekdote erzählt. Den Namen hinter
seinem Pseudonym will er nicht verraten. Er redet lieber darüber,
warum es bei den Vorschlägen von Innenminister Wolfgang Schäuble
nicht den gleichen vehementen Protest gibt wie 1983: "Bei der
Volkszählung konnte man die Überwachung quasi anfassen, die Zähler
sollten schließlich vor die Haustür kommen. Aber heute läuft das über
komplexe Technik und das können sich viele Menschen nicht
vorstellen." Genau das will er ändern. Naja, eigentlich will er das
nicht.
Lieber würde Starbug an Computern basteln, experimentieren. Der 30-
jährige Wissenschaftler, der für das Fraunhofer Institut zu optischer
Datenübertragung forscht, steht exemplarisch für die Wandlung, die
ein Teil der Hackerszene derzeit durchmacht: Sie sehen eine wachsende
staatliche Überwachung, die vor allem unter der Großen Koalition
bisher ungekannte Ausmaße angenommen hat: Fingerabdruck im neuen
Reisepass, die von der Union gewünschte heimliche Durchsuchung des
privaten Computers, die schon von SPD und CDU beschlossene
sechsmonatige Speicherung der Verbindungsdaten von Handy, Festnetz
und Internet durch die Anbieter. Deshalb mühen sich die Techniker,
Erklärer zu werden.
Diese Veränderung ist auch auf dem alten Flugplatz bei Eberswalde zu
beobachten, den der Club für das diesjährige Camp angemeldet hat. Wie
immer gibt es Vorträge und Seminare, diesmal aber so viele mit
politischem Inhalt wie nie zuvor. Und die sind gut besucht.
In einem alten Flugzeughangar redet ein Universitätsdozent aus
Bielefeld über die gesellschaftlichen Veränderungen die durch
Überwachung entstehen. Seine Stimme hallt unter der massiven
Betondecke, die sich wie eine romanische Kirchenkuppel über den
Köpfen wölbt: "Wer weiß, dass er überwacht wird, passt sein Verhalten
an. Er denkt den Überwacher in seinen Handlungen immer mit."
Oft sind die Seminare noch sehr theoretisch, zu wenig konkret für
eine breite Öffentlichkeit. Der Widerstand, der eine neue
Bürgerrechtsbewegung werden könnte, ist noch auf der Suche. Nach
konkreten Zielen und nach einer Struktur. Es gibt wenige
Organisationen und deren Schlagkraft lässt sich nicht mit denen der
Anti-Globalisierungsbewegung oder gar der Umweltschützer vergleichen.
Selbst der bekanntere CCC wäre nicht in der Lage, eine wirkungsvolle
Kampagne gegen die Überwachungsmaßnahmen zu führen. "Ehrlich gesagt
sind wir oft schon damit überfordert, zu allem, was passiert, eine
Pressemitteilung zu schreiben", sagt Starbug. Dass bei einer
bundesweiten Demonstration Mitte April 2000 Menschen in Frankfurt/
Main gegen Überwachungsmaßnahmen protestierten, war für die
entsprechenden Aktivisten schon ein "Riesenerfolg."
Das liegt auch an der Szene selbst. Zwischen den alten russische
Bombern und Jägern, die auf dem Gelände stehen, weil der Flugplatz
heute ein Museum ist, sind die "Löter und Schrauber" (Starbug) in der
Mehrzahl. Die Leute, die ihre Hängematten zwischen Bäume und bauchige
Transportflugzeuge gehängt haben, sind zumeist gekommen, um sich
auszutauschen, gemeinsam Programme zu schreiben oder ihre Rechner zu
tunen: "Ich glaub schon, dass Dein System besser läuft, aber wenn ich
mal hier..."
Aber es tut sich etwas, Netzwerke entstehen und es gibt einige
Aktive, die auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt sind. Es sind
die Vermittler zwsichen der Welt der Bastler und den Menschen, für
die RFID-Chip nur ein unverständlicher Fachterminus ist. Starbug ist
einer von ihnen, Markus Beckedahl und Constanze Kurz sind zwei andere.
Die drei verbindet, dass sie in frühester Kindheit mit Computern zu
tun hatten. Starbugs saß mit sechs Jahren das erste Mal an einem
Computer als sein technikbegeisterter Vater, ein DDR-
Staatsbediensteter, für 6.000 Ostmark einen Rechner Marke Robotron
kaufte.
An einem ähnlichen Modell machte Constanze Kurz mit 13 Jahren erste
Tippversuche in einem Zentrum der Thälmann-Pioniere, der DDR-
Jugendorganisation. Beckedahl kommt dagegen aus Westdeutschland, sein
Vater arbeitete in der EDV-Branche. "Ich habe am Computer schreiben
gelernt", sagt Beckedahl, "ich wollte spielen, also musste ich die
entsprechenden Befehle eingeben können."
Alle drei sind etwa 30 Jahre alt, und keiner entspricht dem Bild des
schluffigen Hängers, das die Öffentlichkeit von Hackern oftmals noch
hat: Constanze Kurz arbeitet wie starbug als Wissenschaftlerin, sie
lehrt Informatik an der Humbold-Universität Berlin. Beide sind
Mitglieder des CCC. Markus Beckedahl hingegen leitet seine eigene
Agentur, die unter anderem Politikberatung für die
Bundestagsverwaltung oder Stiftungen macht. Daneben betreibt er den
Blog Netzpolitik.org, derzeit wohl das einflussreichste deutsche
Internetforum zum Thema Bürgerrechte. Beckedahl glaubt: "Wir sind
heute auf dem Stand der Umweltbewegung in den 70er Jahren, damals
hielten die auch alle noch für Spinner aber das hat sich dann rasant
geändert."
Er glaubt auch, dass die digitalen Bürgerrechtler eigentlich die
"Ochsentour durch die Ortsvereine" der Parteien machen müssten, um
dann langsam einen "Gesinnungswandel von der Basis nach oben in Gang
zu setzen." Das könne man allerdings keinem Hacker zumuten, denen der
hierarchische Aufbau von Parteien meist fremd ist. Daher versuche man
es mit Lobbyarbeit bei Parlamentariern und damit, in die etablierten
Medien zu kommen.
Das zumindest klappt derzeit ganz gut. Constanze Kurz war als eine
der SprecherInnen des CCC bereits in allen wichtigen Zeitungen und
Fernsehsendern. Sie weiß, dass viele dieser Anfragen auch deshalb
kommen, weil sie eine der wenigen Frauen unter den Technikbastlern
und nicht unattraktiv ist: "Manchmal nervt diese Rolle, aber solange
Herr Schäuble noch öfter im Fernsehen zu sehen ist, mach ich weiter",
sagt sie.
Und das offenbar so erfolgreich, dass auch Grüne und Linke mit der
populär werdenden Hackerszene anzubandeln versuchen. Die Linke
schickte ihren jungen Abgeordneten Jan Korte ins Feld, der auf einem
50-seitigen Positionspapier nach einer neuen Bürgerrechtsbewegung
verlangt.
Die Grünen ließen von der Werbeagentur M&C und Saatchi einen
"Schnüffelschäuble" programmieren. Wenn man sich eine Datei auf den
eigenen Rechner lud, konnte man einen Nase rümpfenden Pixel-Minister
über den Bildschirm ruckeln lassen - als Protest gegen den
"Bundestrojaner", ein Programm, mit dem der Innenminister gerne
Computer ausspähen würde. Das Grünen-Gimmick fiel bei der anvisierten
Klientel allerdings gnadenlos durch: Dass die Idee in vielen Blogs
als albern verhöhnt wurde, war noch das geringere Übel. Viel lauter
lachte die Netzwelt darüber, dass die Grünen ausgerechnet eine exe-
Datei gegen den Bundestrojaner ins Feld schickte - ein Dateiformat,
in dem sich Trojaner besonders gut verstecken lassen.
Zudem sind die Grünen für viele Hacker unglaubwürdig geworden, weil
sie in ihrer Regierungszeit viele Gesetzesverschärfungen des
damaligen SPD-Innenministers Otto Schily mitgetragen haben. "Die
erzählen immer, was sie für tolle Hechte waren aber das liegt leider
alles schon lange zurück", sagt Starbug. Aber auch den Linken schlägt
Misstrauen entgegen: "Bei den Grünen mögen ja ein paar Langweiler
dabei sein", sagt Markus Beckedahl, "aber bei denen weiß ich
zumindestens, dass, sie in meinem Alter vor einem AKW gesessen haben
und nicht in der SED-Kreisleitung."
Das größte Problem der Bürgerrechtsarbeit ist aber die Unkenntnis der
entscheidenden Politiker. "Da bestimmen Leute über unseren
Kulturraum, die sich darin überhaupt nicht bewegen können", sagt
Beckedahl. Das er nicht ganz unrecht hat, illustriert ein Beitrag des
ARD-Morgenmagazins von Ende Juli. Kinderreporter fragten Politiker
nach ihrem Umgang mit dem Internet. Justizministerin Brigitte Zypries
(SPD) wußte nicht einmal, dass ein Browser ein Programm zum
Betrachten einer Webseite ist.
Dass die digitalen Bürgerrechtler auch sang- und klanglos scheitern
können ist ihnen klar. Gesetze wie die zur Speicherung von
Verbindungsdaten werden sich kaum noch verhindern lassen. Für diesen
Fall ziehen sie sich wahrscheinlich wieder auf ihre Kernkompetenz
zurück: Technik.
Starbug zeigt einen umgebauten Fotoapparat, der mit einem Knipps die
Chips, auf denen künftig in den Reisepässen die Fingerabdrücke
gespeichert werden sollen, röstet - ohne dass es nachzuweisen ist.
"Wenn das viele machen würden, ließe sich auch mit zivilem Ungehorsam
was bewegen", sagt er. Und grinst.
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