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Sun Aug 12 17:59:36 CEST 2007
Biografie als Idiotie
Von Maximilian Probst
Das Kino sucht echte Helden. Ein Dokumentarfilm-Boom bedient unsere
kollektive Sehnsucht nach Autoritäten.
Man kann von einer großen Zeit des Westerns sprechen, vielleicht auch
des Horrorfilms oder der Komödie. Aber wie sieht es mit der Blüte des
biografischen Dokumentarfilms aus? Mag sein, dass der eine oder andere
sich an Clouzots Picasso-Film erinnert; viele aber haben womöglich noch
nie die Kinoleinwand im Lichte eines dokumentarisch verbürgten Lebens
leuchten gesehen. Heute dagegen muss man nur aufs Geratewohl in ein
kleines Programmkino laufen, um mit einiger Wahrscheinlichkeit in einem
Dokumentarfilm über Alberto Giacometti, Francis Bacon, Frank Gehry,
Frank Lloyd Wright, Hilde Domin oder Slavoj Žižek zu landen, kurz: in
einem Dokumentarfilm über Künstler, Architekten oder Schriftsteller.
Warum dieser Biografien-Boom in den Kinos? Was wollen wir von diesen Leuten?
Unvermeidlich bewegt sich jede Biografie im Spannungsfeld zwischen der
Person und dem Werk eines Künstlers. So scheint auf den ersten Blick
eigentlich alles klar zu sein: Wir wollen Einblick gewinnen in das
Leben, um dem Werk näherzukommen, um es im Idealfall besser zu
verstehen. Aber verdeckt, überlagert, verzerrt nicht womöglich die
biografische Kenntnis das Werk? Und macht es nicht das Kunstwerk aus,
dass es allgemein verständlich ist, nicht bloß für die Nächsten, die
Freunde, sondern auch für gänzlich Fremde?
Ein mustergültiges Beispiel für die Verkehrung von Biografie in Idiotie
ist Ken Burns’ und Lynn Novicks Film über den Architekten Frank Lloyd
Wright. Schon in den ersten zehn Minuten fällt zwanzig Mal das Wort
Genie. Programmatisch heißt es: »Frank Lloyd Wright brach alle Regeln –
in der Kunst wie in seinem Leben!« Der Rest des Films wird zur
Zurschaustellung dieser eingangs eingehämmerten Banalität, ein Wechsel
von heftigen Beziehungskrisen, unvorstellbaren Familiendramen und
intensiven Schaffensperioden (musikalisch immer untermalt mit einem
Motiv aus Beethovens Sturmsonate). Wie sollte einem da vor lauter
Außergewöhnlichkeit Hören und Sehen nicht schnell vergehen?
Dass der Film seine Hauptfigur mit aller Gewalt überhöhen, als Mythos
feiern will, erweist sich etwa an Wrights Präriehäusern, die als erste
Form einer eigenständigen amerikanischen Architektur gelten. Zwar wird
kurz erwähnt, dass Wright sich für die japanische Kultur interessiert
habe. Beispiele werden allerdings nicht gezeigt. Wer nicht mit
japanischen Tempelanlagen oder den Interieurs von Bauernhäusern vertraut
ist, wird kaum bemerken, wie sehr sich Wright dort bedient hat. So
verdichtet sich, während die Kamera majestätisch die Räume abschreitet,
die Vorstellung einer creatio ex nihilo, der Schöpfung aus dem Nichts.
Auch Sydney Pollacks Film Sketches of Frank Gehry folgt diesem
Schöpfermythos. Der Bezug zum Werk anderer Architekten wird übergangen,
die Dekonstruktion als Kontext von Gehrys Werk nicht erwähnt. Lieber
verweilt Pollack bei der langen Liste illustrer Figuren der Kunstwelt,
die Gehry und sein Werk mit weihevollen Worten würdigen. »It drops you
to your knees«, bekennt der Architekt Phillip Johnson, und während die
Kamera sich an die Fassade des Guggenheim-Museums in Bilbao heftet,
erklärt er uns, wie dort Licht und Form zusammenspielen.
So wird nicht nur der Zuschauer übertölpelt; auch die Bilder, die er zu
sehen bekommt, werden durch den Kommentar buchstäblich bevormundet. Wir
entdecken in ihnen bloß, was man uns vorher verraten hat. Wir verfallen
einem platten Staunen, das uns genauso erschlägt wie die
Ehrfurchtsbezeugungen der Kommentatoren die Bilder im Film begrifflich
erschlagen. Auch in Heinz Bütlers Film Das Herz ist mein Auge über den
Schweizer Nationalmaler Ferdinand Hodler klafft diese Lücke zwischen dem
Werk und der Art, wie wir es vorgestellt bekommen. »Hodlers Filme sind
stumm«, sagt der Schriftsteller Peter Bichsel. »Sie lösen kaum Sprache
aus.« Ernst genommen wird diese Erkenntnis aber weder vom Film noch von
Bichsel selbst, der sich immer wieder in lange literarische
Erklärungsversuche der Bilder stürzt. Ähnlich ist in den Filmen über
Henri Cartier-Bresson, Alberto Giacometti und Ettore Sottsass viel vom
Unerklärlichen die Rede. Für den Zuschauer sieht die Sache allerdings
anders aus: Für ihn gibt es hier nichts zu deuten. Man hat ihn der
Arbeit enthoben, und es reicht, dass er zuweilen geflissentlich nickt.
Fast alle Filme betonen die große Entfernung, die uns Zuschauer von den
Künstlern, den Außergewöhnlichen trennt: unüberbrückbar die Kluft
zwischen ihnen und uns. Um diese Auslegung besser zu verstehen, mag ein
kurzer Blick in die Geschichte der Biografie helfen. Einer neuen Studie
zufolge entstand sie im 4. Jahrhundert vor Christus mit dem Zerfall der
auf Partizipation beruhenden griechischen Polis-Gesellschaften und dem
sich mit Phillip II. und Alexander vollziehenden Übergang zum
monarchisch und individualistisch geprägten Hellenismus. Drei
Jahrhunderte später wiederholt sich die Geschichte am Beispiel Roms: Bis
zum 1. Jahrhundert vor Christus stehen der Heraushebung der
Einzelleistung eines Dichters oder Staatsmanns die auf Gleichheit und
Homogenität gerichteten Standesinteressen der Aristokratie entgegen.
Erst mit der Krise der Republik entwickelt sich die Biografie und
gelangt im Kaiserreich zur vollen Blüte. Biografien, ließe sich daraus
schließen, bieten Anhalts- und Orientierungspunkte in einer Welt, deren
Zusammenhalt verlustig geht.
Es nimmt deshalb nicht wunder, dass mit dem Ende der nivellierten
Mittelstandsgesellschaft und der Zunahme gesellschaftlicher
Ungleichheiten das Interesse an der Biografie hierzulande gewachsen ist.
Die vielen biografischen Dokumentarfilme sind in dieser Hinsicht nur
Teil eines allgemeinen Trends, der sich etwa auf dem Buchmarkt und im
Fernsehen viel früher gezeigt hat. Je weniger man in die Gesellschaft
eingebunden ist und je weniger Halt sie verspricht, desto dringender
wird das Bedürfnis nach der starken, leitenden Hand.
In welcher Hinsicht aber werden uns Gehry und Wright, Giacometti und
Hodler als Vorbilder präsentiert, wo doch die Filme sie zusammen mit
ihrer Kunst in weite Fernen entrücken? Gehry sagt von sich, er sei
»competitive as hell«, Hodler malt in allen Lebenslagen, auf unzähligen
Blättern hält er die lange Agonie seiner Frau fest, Stift und Pinsel
lässt er erst am Tag ihres Todes ruhen. Giacometti wiederum formt und
zeichnet wie ein Irrer, ist einmal kein Papier in Reichweite, gleiten
seine Finger rastlos über die Tischplatte. Indem nun die Filme den
Zugang zur Kunst verwehren, verkaufen sie die andere Seite der Kunst als
Ausweg: hart arbeiten. Es ist ein plattes Leistungskonzept, das die
Filme von den Künstlern unterzeichnen lassen. Gleichzeitig liefern sie
auch das Trostpflästerchen für all den Fleiß und Schweiß. Der Künstler
soll für uns den Nachweis erbringen, dass der Alltag nicht alles ist,
dass die Welt noch voller Wunder steckt. Und dieser Nachweis gerät umso
überzeugender, je mehr er sich auf die Wirklichkeit stützt: »Ich
schaue«, sagt Alberto Giacometti, »und alles ist mir unbegreiflich –
selbst ein Stuhlbein.« In diesem Sinne sind die Filme Werbung. Werbung
für Wunder in einer entzauberten Welt.
Ein Film, der sich dieser Logik entzieht, ist Astra Taylors
Dokumentation über den slowenischen Philosophen Slavoj Žižek. »Things
exist by mistake«, heißt es da, was keine versöhnliche Aussicht ist.
Žižek zieht damit aber auch die Prämissen in Zweifel, auf denen der
biografische Dokumentarfilm beruht. Entschieden votiert er dafür, die
Philosophie als ein namenloses Geschäft zu begreifen. Seine Popularität
(und damit auch den Film über ihn) erklärt er sich mit einer
Vermeidungsstrategie: Man klatscht ihm Beifall, um ihn nicht ernst
nehmen zu müssen.
Quer zur herrschenden Biografien-Ideologie auf der Leinwand steht auch
die soeben angelaufene Dokumentation Der Rote Elvis über den in die DDR
emigrierten Amerikaner Dean Reed. 1987 wurde er nach einem turbulenten
Leben als Rockstar, Friedensaktivist, Terrorkomplize und Schauspieler
tot aus einem See nahe Berlin gezogen. Der Film von Leopold Grün stellt
nur eine Frage: Wer war Dean Read? Er spürt einem fragwürdigen Leben
nach – ohne seiner jemals habhaft zu werden. Hier wird kein Werk
verrätselt oder die Welt verzaubert, ein rätselhaftes Leben darf so wirr
bleiben, wie es offenbar wirklich war. Und doch lernen wir dabei mehr
über das Leben als in all den Künstlerbiografie-Sitzungen, bei denen
sich der weiche Kinosessel immerzu in eine harte Schulbank zu verwandeln
drohte.
© DIE ZEIT, 09.08.2007 Nr. 33
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