[echo] Ausstellung im Pekinger Militärmuseum

cornelia sollfrank cornelia at snafu.de
Mon Aug 13 11:48:23 CEST 2007


taz, 13.08.2007

Alle Reaktionäre sind Papiertiger

Chinas Volksbefreiungsarmee feiert ihren 80. Geburtstag mit einer  
großen Ausstellung im Pekinger Militärmuseum. Sie ist immer noch ein  
mächtiger Staat im Staate. VON ANDREAS SCHLIEKER


"Unsere Truppen marschieren zur Sonne" prangt es in meterhohen  
Schriftzeichen Gelb auf Rot vor Pekings Militärmuseum. Zackig grüßen  
Vertreter aller Waffengattungen vom Plakat herunter und die Bürger  
der Hauptstadt stehen Schlange. Die chinesische Volksbefreiungsarmee  
(VBA) ist am 1. August 2007 achtzig Jahre alt geworden und feiert  
sich mit einer Ausstellung.

Das Publikum setzt sich größtenteils aus den typischen Ein-Kind- 
Familien zusammen. Auch Soldaten sind zahlreich. Der Eintritt ist  
kostenlos, außerdem sind Ferien. Der Ort des Geschehens, das  
Militärmuseum, ist ein kolossales Gebäude aus den Fünfzigerjahren,  
als der große Vorsitzende Mao den Chinesen eine kommunistische  
Zukunft versprach. Bis heute grüßt er in der Eingangshalle  
überlebensgroß das Volk.

Über die Straße, an der das Museum liegt, rollten am 4. Juni 1989 die  
Panzer eben jener Volksbefreiungsarmee in die Stadt, um den  
friedlichen Protest der Studierenden auf dem Platz des Himmlischen  
Friedens mit einem Blutbad niederzuschlagen. Darüber kann man bis  
heute in China nicht öffentlich reden. Trotzdem hat die VBA durch  
diesen Einsatz mehr als nur ein paar Kratzer an ihrem Image hinnehmen  
müssen. In den Achtzigern gehörten in China kleine Kinder in VBA- 
Uniformen noch zum alltäglichen Anblick auf Chinas Straßen, schon  
lange sieht man sie nicht mehr.

In der Ausstellung nun: Militärgerät zum Anfassen. Begeisterte  
Großeltern helfen ihren Sprösslingen auf die Sitze der  
Flugabwehrkanonen. Der alte Herr Liu fotografiert stolz seinen  
achtjährigen Enkel: "Als ich im Alter meines Enkels war, wollten wir  
alle Soldaten sein. Die Soldaten der Volksbefreiungsarmee waren  
unsere Helden, sie haben Chinas Unabhängigkeit erkämpft."

Die Ausstellung will aus durchaus aktuellem Anlass alte Mythen  
beschwören und neue Mythen erschaffen. Daher zeigt sie, wie aus dem  
kleinen Haufen von Guerilleros 1927 eine hochgerüstete und  
hochmoderne Armee des 21. Jahrhunderts geworden ist. Besonders bei  
der Darstellung der Modernisierungserfolge kommen neben über 2.000  
Exponaten und einer unüberschaubaren Menge an Fotos auch modernes  
Multimedia und interaktive Installationen zum Einsatz. Unlängst  
geschossene Fotografien zeigen die Truppe dem Volke dienend: bei der  
Landesverteidigung und beim Hochwassereinsatz. Auch in diesem Jahr  
stehen wieder Teile Südchinas unter Wasser.

Anlässlich der Geburtstagsfeier der VBA in Pekings großer "Halle des  
Volkes" betonte Staats- und Parteichef Hu Jintao erneut die besondere  
Bedeutung der Armee in China: "Auf der Grundlage, dass unsere  
Wirtschaftskraft ununterbrochen wächst, werden die Investitionen in  
die Landesverteidigung stufenweise erhöht und wird die Modernisierung  
der Landesverteidigung und der Truppen ständig erweitert", sagte Hu.  
Und er betonte wie alle KP-Führer vor ihm die bedingungslose  
Unterordnung unter das Oberkommando der Partei.

Das Säbelrasseln hatte er einen Tag zuvor Verteidigungsminister Cao  
Gangchuan überlassen. "Wir werden auf keinen Fall zulassen, dass sich  
Taiwan von China unter irgendeinem Vorwand oder auf irgendeine Weise  
abspaltet", sagte er. Das Antiabspaltungsgesetz von 2005 droht Taiwan  
für den Fall einer Unabhängigkeitserklärung mit Krieg.

Die chinesische Armee war nie nur eine gewöhnliche Armee. Eher  
gleicht sie einem Staat im Staate. Sie betreibt Schweinezucht und in  
ihren Fabriken wird die Kleidung für die Armee hergestellt. Zu ihren  
Aufgaben gehören der Bau von Brücken und Eisenbahnen, die  
Erschließung landwirtschaftlicher Anbauflächen und andere nationale  
Projekte. Die größten Wirtschaftsabteilungen der Armee wurden in den  
Neunzigern zu Konzernen umgebaut, die gemäß der marktwirtschaftlichen  
Veränderungen im Land Milliardengeschäfte mit Waffen, Medikamenten  
und Immobilien machten. Ihnen gehörten Hotels und Transportfirmen,  
die Armee war immer wieder in Schmuggelskandale und Korruptionsfälle  
verwickelt.

Diese große Machtfülle und wachsende Unabhängigkeit war der  
chinesischen Führung bereits seit längerem ein Dorn im Auge. Daher  
wurde gegen Widerstände aus der Armee 1998 das Wirtschaftsimperium  
der VBA beschnitten. Man entzog der Armee die direkte Kontrolle über  
einen großen Teil der 20.000 Firmen, die sie bis dahin verwaltet  
hatte. Eine Tätigkeit, die ihr jährlich rund vier Milliarden Euro  
einbrachte und eine gewisse Unabhängigkeit von der staatlichen  
Budgetierung sicherte.

Zur Armee gehört ebenfalls eine große "Kulturabteilung" mit tausenden  
Schauspielern, Sängern und Tänzern. So kann man sich von der  
vermeintlichen Friedensliebe des Militärs täglich im Fernsehen  
überzeugen: In eigenen Unterhaltungsshows knödeln uniformierte Tenöre  
Heimatlieder, das Publikum klatscht im Takt, und das Armeeballett  
tanzt dazu. Jeden Augenblick könnte ein chinesischer Karl Moik in  
Uniform aus den Kulissen springen. In den Kinos laufen von der Armee  
produzierte Filme, selbst Armeeschriftsteller gibt es.

Dass in der Ausstellung diese Machtkämpfe genauso fehlen wie die  
Toten, die Kämpfe und die Kriege der VBA nach der "Befreiung", wie in  
China offiziell die Machtübernahme 1949 heißt, fast völlig fehlen,  
ist Teil einer alltäglichen Propaganda. Zu dieser gehört allerdings  
auch, dass der Koreakrieg von 1950 bis 1953, der erste militärische  
Ernstfall des jungen Staates, in der Ausstellung als Heldentat  
gefeiert wird. Eine Million chinesische Soldaten, angeblich  
größtenteils Freiwillige, waren damals von Mao zur Bruderhilfe ins  
benachbarte Nord-Korea geschickt worden. Dieses hatte den Süden  
überfallen und sah sich nun einer Übermacht aus südkoreanischen und  
multinationalen UN-Truppen unter amerikanischer Führung gegenüber.  
Waffentechnisch unterlegen, aber erfahren im Guerillakrieg, nutzten  
die Chinesen ihre zahlenmäßige Überlegenheit: Es gelang ihnen, die  
Amerikaner aus Nordkorea hinauszudrängen. 673.500 Chinesen sind dabei  
gefallen, eine Zahl, die Hu gerade zum ersten Mal öffentlich  
bestätigt hat. Unter den Gefallenen war auch Maos Sohn Mao Anying.  
Ganz selbstlos war der Einsatz aber nicht, Äußerungen amerikanischer  
Generäle ließen die Chinesen fürchten, dass ihr gerade "befreites"  
Land selbst zum Kriegsschauplatz werden könnte.

Dagegen bleiben die militärischen Auseinandersetzungen mit Indien  
1962 und der Sowjetunion 1969 um den richtigen Grenzverlauf und der  
Einfall in Vietnam im Januar 1979 unerwähnt. Die blutige Unterwerfung  
Tibets seit 1951 wird mit zwei Fotos abgehakt, von denen eins einen  
hilfsbereiten Soldaten in Lhasa zeigt. Ganz so, als sei er Teilnehmer  
einer der vielen Benimmkurse, die derzeit allenthalben in Peking zur  
Vorbereitung auf Olympia im nächsten Jahr stattfinden, und nicht etwa  
Teil einer Besatzungsarmee, die den Tod von etwa einer Million  
Tibeter mit zu verantworten hat. Unerwähnt bleiben auch die Einsätze  
der VBA im Innern: als letztes Mittel zur Kontrolle der entfesselten  
Rotgardisten während de Kulturrevolution und im oben erwähnten und  
von der Bevölkerung unvergessenen Juni 89.

Trotzdem ist die Ausstellung kein Produkt ewiggestriger  
Propagandisten. Sie hat die recht gegenwärtige Aufgabe, die weiterhin  
wichtige Rolle des Militärs in der Landesverteidigung, aber auch ihre  
Funktion als verlängerter Arm der Partei zu legitimieren. Jeder  
chinesische Führer, von Mao bis zu Hu Jintao heute, hatte neben dem  
Vorsitz der Partei und den wichtigsten Staatsämtern immer auch den  
Vorsitz der "Zentralen Militärkommission" inne. Mit diesem Staats-  
und Parteiorgan (und nicht etwa im Verteidigungsministerium) setzt  
die Kommunistische Partei ihren Anspruch auf Führung des Militärs durch.

Die chinesische Armee ist die größte der Welt. 2,4 Millionen Soldaten  
verfügen mittlerweile über eine moderne Ausrüstung. Seit den  
Sechzigern ist China Atommacht. Aktuell wachsen die Militärausgaben  
mit der Wirtschaftskraft Jahr für Jahr in zweistelligen Raten, 2007  
sogar um fast 18 Prozent. Zwar ist die Truppe zwischen 1997 und 2000  
um 500.000 Mann reduziert worden, aber gleichzeitig ist China zum  
größten Waffenimporteur der Welt aufgestiegen und hat seine  
militärische Schlagkraft enorm gesteigert.

Die Ausstellung schwelgt daher auch in der Zurschaustellung  
militärischer Potenz, in Heldeninszenierungen, Pathos und  
Ballerspielatmosphäre. Nahe dem Ausgang kommt es zum Crescendo. Hier  
rummst und knallt es gewaltig und auf einem großen Bildschirm ist  
Action zu sehen: Panzer jagen durch Sanddünen, Schlachtschiffe feuern  
Rakete ab. Nach dem ohrenbetäubenden Lärm tritt der Besucher ins  
Freie und sein Blick fällt wiederum auf meterhohe Schriftzeichen,  
welche die Führungsrolle der Partei erneut beschwören: "Auf die  
Partei hören, dem Volke dienen, tapfer kämpfen." 


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