[echo] documenta12: Verpasste Chancen
cornelia sollfrank
cornelia at snafu.de
Tue Aug 14 12:51:13 CEST 2007
taz, 14.08.2007
Verpasste Chancen
Wie die documenta 12 die Kunst um ihren politaktivistischen Schneid
gebracht hat, lässt sich an Zoe Leonhard zeigen.
VON LUTZ HIEBER
Die documenta 12 stellt die Inszenierung der Kunst in den
Vordergrund. Ihre Präsentationsweise müht sich darum, die einzelnen
Werke um jeden Preis mit Aura aufzupolstern. Gemälde werden
dramatisiert, indem sie isoliert vor monumentaler einfarbiger Wand
inszeniert werden, kleinere Skulpturen, indem sie auf Sockeln
platziert werden. Diese Veredelungsstrategie, die das rein Formale
betont, dient dem Aufladen der Werke mit musealer Würde - allerdings
geschieht dies auf Kosten der Gehalte.
Im Falle von Fotografien besteht das beliebte Verfahren, die Gehalte
zurückzudrängen und das rein Formale in den Vordergrund zu spielen,
darin, auf Beschriftung zu verzichten. Denn dann bleiben, wie bereits
Walter Benjamin feststellte, ihre Aussagen im Ungefähren stecken.
Beispielhaft lässt dich dieser Ansatz auf der documenta 12 in
mehrfacher Hinsicht an Zoe Leonard erläutern. Ihre Arbeit "Analogue",
die im Aue-Pavillon untergebracht ist, besteht aus mehr als 400
Fotografien. Die Bilder berichten von städtischen
Veränderungsprozessen und zeichnen das langsame Verschwinden kleiner
Läden und ihren Überlebenskampf in New Yorker Vierteln nach. Den
Gegenpol dazu bilden Aufnahmen von Marken-Logos aus der
globalisierten Welt, so beispielsweise aus Uganda oder Kuba. Die
Kasseler Inszenierung neutralisiert die Bilder, indem sie auf genaue
Beschilderung verzichtet. So kann das Ensemble ganz allgemein im
Sinne einer Migration der Form aufgefasst werden. Dass solches
Entschärfen nicht geboten ist, wird anderswo gezeigt: Auf der
"Analogue"-Ausstellung im Wexner Center for the Arts in Columbus,
Ohio, sind die Fotos mit Orts- und Jahresangaben versehen, damit die
weltpolitischen Bezüge deutlich werden können.
Im Zusammenhang mit der Tendenz, die Gehalte der Werke in den
Hintergrund zu drängen, wird auch auf der gegenwärtigen documenta
wieder das weite Feld des künstlerischen Aktivismus ausgeblendet.
Dieses bewusste Ausgrenzen zeigt sich deutlich daran, dass Roger
Buergel und Ruth Noack, das Kuratorenpaar, zwar bei einigen
KünstlerInnen einige Jahrzehnte in die Vergangenheit gegangen sind
und das Umfeld ausgelotet haben - bei anderen aber nicht. So reicht
die Spanne bei John McCracken von frühen Arbeiten aus den 1960er-
Jahren bis in die Gegenwart, ebenso verhält es sich bei Martha Rosler
oder auch bei Trisha Brown. Auffällig ist nun, dass das Kuratorenpaar
bei Zoe Leonard, die eine der Stars der documenta IX von 1992 war,
von dieser an sich sinnvollen Strategie abweicht.
Bei ihr beschränkt sich die gegenwärtige documenta 12 auf die
Präsentation von "Analogue". Ihre früheren Jahre und vor allem ihre
weitreichenden künstlerischen Betätigungsfelder sind gänzlich
ausgespart. Schon 1992 hatte Stefan Germer dem künstlerischen Leiter
der damaligen documenta, Jan Hoet, vorgeworfen, Zoe Leonard als
Einzelkünstlerin eingeladen zu haben, statt das Verhältnis von
politischem Aktivismus und Kunstproduktion zu thematisieren. Und das
hält sich bis heute durch.
Worauf sich Germers Kritik richtet, möchte ich kurz an den Ursprüngen
und den gegenwärtigen Praktiken des künstlerischen Aktivismus in den
USA beleuchten. Nicht zuletzt durch den kunstpolitischen Aderlass
durch Diktatur und Krieg entwickelten sich die Kunstwelten in
Deutschland und in den USA unterschiedlich. Damals waren die meisten
Bauhaus-Lehrer und Dadaisten in die USA emigriert. Dadurch trocknete
der avantgardistische Zweig in Deutschland aus, während diese
Infusion in der Neuen Welt Früchte trug. Seit den 1960er-Jahren
finden auch deshalb ästhetische Reaktionen auf politische
Problemlagen in den kulturellen Zentren der USA in hauptsächlich zwei
unterschiedlichen Formen statt.
Im einen Fall handelt es sich um einen Kunsttypus, der
gesellschaftliche Probleme zum Inhalt eines individuellen Werks
macht. Es handelt sich dann um traditionelle Kunstwerke, die Themen
kritisch aufgreifen, also um Gemälde, Fotografien, Schauspiele,
Romane oder Gedichte über politische Probleme. Dieser Typ politischer
Kunst bleibt, was nach Peter Bürger für alle Werke der "Hochkultur"
charakteristisch ist, von der Alltagswelt abgehoben.
Im anderen Fall geht es dagegen um einen Kunsttypus, der durch eine
Veränderung der Funktion der Kunst in der Gesellschaft bestimmt ist.
Dieser künstlerische Aktivismus greift die Errungenschaften der
Avantgardisten des frühen 20. Jahrhunderts auf, er ist der
kulturellen Beteiligung an politischen Aktionen verpflichtet. Meist
entsteht er in Kollektivbewegungen, um die Ziele der Bewegungen zu
artikulieren - und dadurch auch zu produzieren. Weil sich diese
künstlerischen Praktiken meist in Formen von pragmatisch nutzbaren
Gebrauchsgrafiken und -filmen ausdrücken, verharren sie nicht in der
Abgeschiedenheit von Galerien, sondern zielen vielmehr auf eine
wirksame Verbindung von Alltagsleben und ästhetischer Produktion.
Die jüngste Welle dieses künstlerischen Aktivismus entwickelt sich
seit den frühen 1990er-Jahren in New York in Form von
Künstlerkollektiven. Die meisten ihrer Mitglieder bespielen heute das
internationale Parkett der Kunstwelt, ihre Werke waren bahnbrechend.
Zoe Leonard arbeitete unter anderem in den Gruppen "Fierce Pussy" und
"Gang", die jeweils etwa zehn Mitglieder umfassten.
"Fierce Pussy" kämpfte gegen Homophobie, die damals, auf dem
Höhepunkt der Aids-Krise, bedrohliche Ausmaße angenommen hatte.
"Gang" ging es um das Recht der Selbstbestimmung des eigenen Körpers,
sowohl HIV-Infektion wie Geburtenkontrolle betreffend. Eines ihrer
Plakate, mit George Bush sen. vor Marlboro-Rot, attackierte die
schlechte Gesundheitsversorgung während des Golfkrieges 1991. Der für
Zigarettenwerbung vorgeschriebene Warnhinweis war umformuliert:
"Während Bush Milliarden ausgibt, um Cowboy zu spielen, haben 37
Millionen Amerikaner keine Gesundheitsversicherung. Alle acht Minuten
stirbt ein Amerikaner an Aids." In einem anderen Plakat bezog Gang
eine Gegenposition zum konservativen Versuch, ein Gesetz ("Title X")
zu verabschieden, das Eheberatungsstellen und Ärzten verbieten
sollte, das Wort "Abtreibung" in ihrer Beratung auch nur zu benutzen.
Über einer Vagina steht der idiomatische Ausdruck "read my lips", der
sinngemäß übersetzt wird als "pass mal genau auf!", wörtlich jedoch
auch als "lies meine Lippen" aufgefasst werden kann. Darunter die
Zeile "bevor sie versiegelt sind". Gang schlug damit zwei Fliegen mit
einer Klappe. Zum einen zeigt das provozierende Plakat Flagge gegen
die Anti-Porno-Fraktion des Feminismus (die in den USA stets starke
Gegnerinnen hatte), zum andern heizte es die kritische Diskussion des
angestrebten Maulkorbgesetzes an - das schließlich abgewehrt werden
konnte. Zoe Leonard machte übrigens das "Lips"-Motiv zum Kern ihrer
Installation auf der documenta IX.
Aus dem Netzwerk dieses künstlerischen Aktivismus bildete sich später
- im Herbst 2004 - im East Village Manhattans, als der
Präsidentschaftswahlkampf tobte, eine neue Gruppe, die ebenfalls
politisch und künstlerisch Partei ergriff. Ihr Ziel war es, den
amtierenden Präsidenten George W. Bush loszuwerden, der die
Bevölkerung belogen hatte, um einen unseligen Krieg anzuzetteln. Die
Gruppe entwarf das Motiv "Im voting Bush out", das von einer
Internetseite für den persönlichen Gebrauch heruntergeladen werden
konnte. Nach der beigegebenen Gebrauchsanleitung konnten die
Druckvorlagen verschiedener Größen benutzt werden, um Plakate,
Aufkleber, T-Shirts oder Transparente herzustellen. Die funktionale
Gestaltung ist auf einem Kleinlastwagen selbst im Verkehrsfluss gut
lesbar.
Die US-Kunstwelt trägt dem künstlerischen Aktivismus Rechnung. So
waren auf der Barbara-Kruger-Retrospektive des Whitney Museums in New
York, die vor einigen Jahren stattfand, selbstverständlich die
Demonstrationsaufrufe und politischen Plakate der Künstlerin neben
jenen Werken ausgestellt, die für Galerien bestimmt waren. Dazu zählt
das berühmte "Your Body Is A Battleground" (Dein Körper ist ein
Schlachtfeld), das zu einer großen Demonstration in Washington
aufrief. Zu sehen war auch das Plakat mit dem Bild des New Yorker
Kardinals OConnor, dem die Künstlerin den Spitznamen "Pope Fetus
I" (Papst Fötus I.) verpasst hatte, weil er als einer der Hardliner
der katholischen Kirche beharrlich daran arbeitete, die errungenen
Selbstbestimmungsrechte wieder rückgängig zu machen.
In den USA sind, wie diese Beispiele zeigen, die aktivistischen
Kunstpraktiken durchaus lebendig. Indem sie jedoch den ästhetischen
Aktivismus verschweigt, schwingt sich die Documenta-Leitung auch 2007
noch auf, selbstherrlich genau den Strang der künstlerischen
Aktivität wegzubügeln, der die Errungenschaften des ehedem durch
Diktatur und Krieg aus Europa vertriebenen Avantgardismus fortführt.
Gleichwohl kann auch diese Kunstshow, obwohl dem Kunstgefühl des
konservativen Bildungsbürgertums verpflichtet, die wachsende
Bedeutung des internationalen Austauschs nicht ignorieren. Die
Chinesin Hu Xiaoyuan stickte - auch das ist in Kassel zu sehen -
subtile Zeichnungen mit eigenem Haar auf Seide. Der Südafrikaner Guy
Tillim schildert - als Fotoreporter - den Wahlkampf des Jahres 2006
im Kongo. Tatsächlich kann die Kunstwelt heute nur noch
weltumspannend gedacht werden. Dadurch wird die Hoffnung genährt,
dass die segensreichen Wirkungen der kulturellen Globalisierung
schließlich doch eine der künftigen documentas aus dem
Dornröschenschlaf der Nachkriegszeit wach rütteln wird.
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