[echo] "Kultur ist unsere Zukunft"

cornelia sollfrank cornelia at snafu.de
Thu Aug 23 12:05:01 CEST 2007


Frankfurter Rundschau, 23.08.2007

SPD-Papier: "Kultur ist unsere Zukunft"

von CHRISTIAN SCHLÜTER

Mit dem jetzt veröffentlichten Leitantrag "Kultur ist unsere Zukunft"  
will die SPD "unterstreichen, dass für sie Kulturpolitik ein  
zentrales Politikfeld ist". Bereits dieser erste Satz ist  
bemerkenswert und man darf gespannt sein, was die Genossen auf ihrem  
Ende Oktober in Hamburg stattfindenden Bundesparteitag dazu sagen  
werden: Wird ihnen etwas auffallen? Werden sie gar Einwände  
formulieren? Noch haben sie die Gelegenheit. Wie jeder andere Antrag,  
könnte auch dieser abgelehnt, wenigstens aber geändert werden.

Der erste Satz also. Dass Kulturpolitik ein Politikfeld ist, versteht  
sich von selbst, in beiden Worten kommt der Begriff "Politik" vor.  
Die entscheidende Weiterung besteht deswegen auch in dem Adjektiv  
"zentral" - Kulturpolitik ist nicht irgendein Politikfeld, sondern,  
ja, was eigentlich? Wichtiger als Sozialpolitik? Wenn aber auch die  
Sozialpolitik zentral ist, vielleicht noch die Verkehrs-, Agrar- und  
Energiepolitik: Kann es denn innerhalb ein und der selben Partei oder  
ein und desselben Territoriums verschiedene Zentren geben? Gibt es zu  
"zentral" eine Steigerung, vielleicht sogar einen Superlativ?

Das Ganze ist das Wahre

Diese Frage ist keine bloße Spielerei. Selbstverständlich können  
verschiedene "Zentren" nebeneinander bestehen. Das widerspricht zwar  
dem exakten Wortsinn, wonach es nur ein Zentrum und ansonsten  
verschiedene Peripherien geben kann, betont aber, dass es viele  
herausragende Themen gibt. In etwa so, als würde man beim Lesen eines  
Zeitungsartikels erst eine prägnante Formulierung unterstreichen, um  
dann immer mehr solcher Formulierungen zu finden, bis schließlich  
jede Zeile des Artikels unterstrichen ist: Das Ganze ist das Wahre.

Genau so versteht die SPD die Kultur. Denn um sie geht es, wenn von  
Kulturpolitik die Rede ist, erst sie macht die Politik, die sich  
ihrer bemächtigt, zu etwas ganz Besonderen: Die Verbindung aus Kultur  
und Politik verspricht somit die große Lösung für alle Probleme.  
"Kultur ist die elementare Basis von Demokratie", heißt es im Antrag  
entsprechend, "Kultur ist die Grundlage von Dialog und  
internationaler Verständigung." Vor allem aber sind "in der  
globalisierten Wissensgesellschaft politische Zukunftsaufgaben ohne  
den Beitrag der Kultur nicht zu lösen". Herrgott, die Kultur muss  
eine große Macht sein!

Etwas bange wird wohl auch dem Parteivorstand gewesen sein, als er  
diesen wuchtigen Text verfasste. Als ob er befürchten würde, man  
könnte ihm auf die Schliche kommen, versichert er treuherzig, dass  
"Ausgangspunkt jeder sozialdemokratischen Kulturpolitik der Eigenwert  
und besondere Stellenwert der Künstlerinnen und Künstler ist". Genau  
diese Eigenständigkeit aber wird mit jeder weiteren Zeile des  
Antragspapiers bestritten, implizit zwar, aber deswegen nicht weniger  
deutlich: Kultur ist nur dann politisch groß und mächtig, wenn es die  
"Künstlerinnen und Künstler" nicht sind.

Kultur als großer Zauber

Die SPD hat traditionell wenig Bedenken, die Kultur in den Dienst für  
ihre gute Sache zu nehmen. Der Leitantrag lässt da keine Zweifel und  
formuliert bündig drei Aufgaben: 1. "Kultur und Bildung" seien  
"integraler Bestandteil des sozialdemokratischen Konzeptes des  
Vorsorgenden Sozialstaates, der neuen gesellschaftlichen Spaltungen  
und Ausgrenzungen entgegenwirkt". 2. Die "Erinnerungskultur" müsse  
sich "auf das widersprüchliche Ganze deutscher und europäischer  
Geschichte beziehen und die demokratischen Werte vermitteln helfen".  
Und drittens sei Kultur "immer wichtiger geworden für Innovation und  
Fortschritt, für wirtschaftliche Dynamik und neue Arbeitsplätze".

Für die Genossen ist die Sache klar: Kultur soll ein Mittel für hehre  
gesellschaftspolitische Zwecke sein. Sie avanciert dabei zu einem  
universellen Hoffnungsträger, wie früher einmal die Religionen, zu  
einem verheißungsvollen und, in Ermangelung einer triftigen Antwort  
auf die Finanzierungsfrage, wohl auch billigen Zauber, der doch  
bitte, bitte den maroden Sozialstaats-Laden zusammen- und am Laufen  
hält.

Das Wort "Kultur" kann dann alles Mögliche bedeuten, seine Reichweite  
erstreckt sich von der Bakterien- über die Koch- und Tisch- bis zur  
Lese- oder Nischenkultur. Fast alles, was Menschen nicht Natur sein  
lässt, heiß Kultur.

Die SPD hat schon verloren

Die Kunst spielt da nur noch eine untergeordnete Rolle; sie ist eine  
Sonderform der Kultur. Weil die SPD aber offenkundig über keinen  
präzisen Kulturbegriff verfügt, bringt sie Kunst und Kultur immerzu  
durcheinander, ein Durcheinander allerdings, das Methode haben  
könnte, erlaubt es doch überall dort, wo Innovation und Kreativität  
gesellschaftlich gefordert scheint, die Künstler an die Kandare zu  
nehmen. Denn Kultur, in ihrer allgemeinsten Bedeutung, heißt nur  
dieses: Gewohnheit und Wiederholung. Die Kunst aber vermag das Neue  
in die Welt setzen - etwas, von dem sich für den  
globalisierungsgeplagten Wirtschaftsstandort viel, sehr viel erhoffen  
lässt.

Sollte der Hamburger Parteitag dem Kultur-Leitantrag zustimmen, wäre,  
jedenfalls der Idee nach, mit einer von "Künstlerinnen und Künstlern"  
angeleiteten pädagogische Großoffensive zu rechnen, einzig zu dem  
Zweck, den müd-maladen Volkskörper wieder auf Trab zu bringen. Eine  
Überforderung und Zumutung, die wohl der Zerstörung der Kunst gleich  
käme. Anders gesagt, wer seine politischen Hoffnungen auf die ihrem  
ganzen Wesen nach politisch unzuverlässige Kunst setzt, hat schon  
verloren.


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