[echo] kunstkritik von adrienne goehler
cornelia sollfrank
cornelia at snafu.de
Wed Dec 12 22:31:08 CET 2007
taz, 4.12.2007
Das Grauen des Alltags
Mit "The Dining Hall" zeigen die Berliner Kunst-Werke die erste große
Einzelausstellung der israelischen Künstlerin Sigalit Landau in
Deutschland.
VON ADRIENNE GOEHLER
Die israelische Künstlerin Sigalit Landau zoomt sich direkt hinein in
das Grauen des Alltags, versteht sich als Archäologin verdeckter,
verschütteter Gefühle. Zwei Jahre lang formte sie aus jedem
Titelblatt der Tageszeitung Haaretz (Das Land) eine Kugel, damit sie
so zu bleibenden Zeugnissen der ersten beiden Jahre der zweiten
Intifada 2000 werden. Ein in Rot getränktes Archiv, Kriegstagebücher.
Schmerz vermittelt sich dem Betrachter ganz direkt, ob die Künstlerin
mit einem Hula-Hoop-Reifen aus Stacheldraht ihre verletzliche
Körpermitte umkreist oder beim Anblick der gehäuteten, gepeinigten
Gestalten, die ihr Werk durchziehen.
Sigalit Landau ist Bildhauerin, Installations- und Videokünstlerin,
die ihre künstlerischen Wurzeln im Tanz hat. Sie sammelt Indizien -
in der Arbeitsweise ihrem Vater, einem Kriminologen, nicht unverwandt
- für eine soziale, kosmopolitische, von Terror und Erniedrigung
befreite Gesellschaft. Sie nimmt dafür Anleihen in Literatur,
Philosophie, feministischen Theorien, in der Body- und in der Land-
Art. Ikonografisch greift sie zurück bis auf Ikarus und St.
Sebastian. Auch ihre Sätze sind skulpturale Setzungen: "A figure is
like a frozen performance", und: "Kunst ist die Möglichkeit, die
Tragödie meines Landes zu überleben."
In der Ausstellung der Kunst-Werke, dem Berliner "Institute for
Contemporary Art", folgen wir mit Sigalit Landaus Installationen und
Skulpturen verschiedenen Stationen des uneingelösten Verlangens. Die
Räume sind angeordnet wie die Kapitel einer Erzählung.
The Dining Hall
Der Speisesaal als der zentrale Lebensraum jedes Kibbuz ist der
räumliche Ausdruck der Idee von Gemeinschaft, Gleichheit und des Für-
und Miteinanders, das die PionierInnen der Kibbuzbewegung verband. In
ihm manifestierte sich das ersehnte Ende von Vereinzelung in der
Diaspora, wurde die gemeinsamen Belange einer gemeinsamen Zukunft
verhandelt. Die Mahlzeiten und der Gang danach zum Geschirrband
rhythmisierten den Tag aller. Gabeln wurden zu Gabeln, Messer zu
Messern, Teller zu Tellern gelegt, die gemächlich durch die
Waschstraße bewegt wurden, mit dem immer gleichen tröstlichen
Geräusch. Kontrapunkt zum Stimmengewirr im Speisesaal.
Diese Geschichte erzählt Landaus Installation, ein Geschirrband aus
einer der verwaisten Küchen der Kibbuzim. An deren Stelle die
Reprivatisierung des Lebens trat, vor allem für die Frauen. Die
Utopie der Intimität hat sich an die Stelle des kollektiven Wissens
der Frauen gesetzt, das, in den Augen Sigalit Landaus, die Kraft
gewesen war, die die Kibbuz-Bewegung stark gemacht hat.
Mit der Regierungsübernahme durch den Likudblock wurde die staatliche
Unterstützung der Kibbuzim drastisch reduziert und in die Landnahme
für die Siedlungsbewegung gesteckt, was das Ende der Idee des Teilens
bedeutete. Rund 30 von 150 Kibbuzim überlebten, einige wenige
ökonomisch erfolgreich. "Die Kämpfer aus dem Ghetto, die Überlebenden
von Warschau verwandelten sich in Aktionäre des
Nahrungsmittelmarkts", bemerkt Sigalit Landau lakonisch.
Vorbei die Hoffnung auf einen sozialistischen Aufbau des Landes, auf
unhierarchische Geschlechterverhältnisse und friedliche Koexistenz.
Verblasst die Idee der Lebensreformbewegung, das Projekt Israel
gemeinschaftlich zu entwerfen und zu tragen. Die Klangskulptur "The
Dining Hall" singt ihre Weise klagend und leise durch das Tal.
Im nächsten Raum hängen oder liegen dann Dutzende Lüster aus
perlendem Weiß. Trotz ihrer Schwere schweben sie. Zunächst. Erst der
zweite Blick legt den Stacheldraht unter der Salzkruste der Lüster
frei und das Erschrecken darüber.
To cook words and sounds
Wie die Spülmaschine im Kibbuz hat der Herd im privaten Heim der
Einwanderergeneration seine Funktion verloren. Er wärmt und ernährt
nur noch Erinnerungen, die nicht satt machen. Die Herdplatten sind
Lautsprecher, aus denen die Stimmen von vier Frauen dringen, die von
vergangenen Leben und Hoffnungen berichten.
Verlassen auch das Wohnzimmer, in dem einem Bilder und Objekte
entgegentreten, die sich auch mit der deutschen Gemütlichkeit der
50er-Jahre verbinden, als Versprechen auf die Unversehrtheit eines
Zuhauses. Dort, wo in jüdischen Wohnzimmern eine Hanukkia steht,
fängt eine kleine Bronzeskulptur en miniature eine Situation ein, wie
man sie zurzeit oft im Stadtbild von Tel Aviv sieht: Durch Fallrohre
an den Außenwänden der Häuser werden Haushalte entsorgt und damit die
Erinnerungen an das Leben darin. Dazu läuft ein Fernseher mit dem
Text eines Interviews, das in Israel für Furore und Furor gesorgt hat.
Es handelt sich um Interview mit dem Schriftsteller Avraham Burg, das
sich über mehrere Ausgaben der Zeitung Haaretz hinzog. Bis er 2004
alle Ämter niederlegte, war Burg Berater von Schimon Peres,
Vorsitzender der Jewish Agency, stellvertretender Vorsitzender des
jüdischen Weltkongresses, Sprecher der Knesset und für 20 Tage
Präsident Israels. Avraham Burg verteidigt im Gespräch sein Buch, in
dem er aufruft, "das zionistische Ghetto" zu verlassen und die Vision
eines kosmopolitischen jüdischen Seins zu entwickeln. Wie Landau
arbeitet der Schriftsteller gegen die Erstarrung an, blickt
schonungslos auf die alten, vergangenen Hoffnungen. Für sie gibt es
schon lange keinen gesellschaftlichen Resonanzraum mehr und keine
Schlüssel, die zu Türen und Häusern passen würden. Verlorene Utopien
haben kein Rückkehrrecht.
Döner
"Berlin" steht in blauem Neon am Ende eines schwarzen Tunnels, den
man hinabsteigen muss, um mitten in einer Landschaft von monströsen
Dönerspießen zu stehen. Die geschichteten und gepressten
Fleischlappen des Döner Kebab will Landau bei ihren Streifzügen durch
Berlin als sichtbarsten Ausdruck von "East meets West" bemerkt haben,
über ihn dringe die türkische in die westliche Zivilisation ein wie
die Schawama, die arabische Variante des Döner, in die israelische
Imbissküche.
An Drastik wird in diesem Raum, der für Globalisierung, Nivellierung,
Mangel und Überfluss stehen soll, nicht gespart. Man steht in einem
surrealistischen Bühnenbild aus Tonnen von Pappmachéfleisch; in
Ruinen, wie sie von Krieg, Dürre und Hungersnot, Seuche, atomarem
Fallout, Inferno oder dem Schlachtfeld/fest des Kapitalismus rühren,
Gammelfleisch inbegriffen. Sigalit Landau spart nicht an Hinweisen;
durch ein Backsteinhaus etwa mit einer nachgebauten Tür eines
Verbrennungsofens.
Lebensgroße anorektische Körper, hautlos alle, bearbeiten die
Dönerkolosse, sind kaum unterscheidbarer Teil von ihnen oder stecken
in riesigen Pfannen und Töpfen aus Kibbuzküchen, die weder Nahrung
noch Schutz bieten. Die Körper sind im Aufbäumen erstarrt. Ein
schockgefrorenes Szenario, das den apokalyptischen Fantasien und
kunsthistorischen Referenzen keine Grenzen setzt. Da flieht das Auge
zur ruhigen Fläche zweier leerer Kühlschränke, die zwar auch ihre
Funktion verloren haben, aber in ihrer Umklammerung etwas Tröstliches
haben.
Sigalit Landau ist ihren Materialien treu. Immer wieder ist es das
Salz, unter dem sie Objekte erstarren lässt, das Zeitungspapier, das
sie mit Betonmischmaschinen bearbeitet, das sie rot tränkt und zu
Kugeln, Köpfen, Dönern und Körpern formt, deren Gedärme und Muskeln
obenauf liegen wie Nabelschnüre. Und schließlich die Wassermelonen,
die in einigen früheren Arbeiten ("Dead Sea" and "Standing on a
Watermelon in the Dead Sea") auftauchen und in dieser Installation
radikalisiert werden. Die Wassermelone ist das Gegenbild zur Frucht
der Sabra, mit der die nach 1948 in Israel Geborenen bezeichnet
werden. Die Sabres, Feigenkakteen, überleben unter schwierigsten
Bedingungen, brauchen kaum Wasser, mit süßem Fleisch unter harter
Schale und feinen Stacheln, die sich bei geringster Berührung unter
die Haut graben.
Open it and it is a wound
Ein paar Barhocker stehen um einen Tisch, der halb Zen-Garten, halb
Labor ist, auf einem weißen Salzkieselbett liegt das nackte, pralle,
rote Fleisch der Wassermelonen, das immer wieder aufs Neue mit Salz
bestrichen wird. Je nach Stadium der Austrocknung sieht es aus wie
Innereien, weibliche Genitalien und herausgerissene Zungen. Ein
letztes Mahl für die Kollektividee des Kibbuz. Die Stationen des
unerfüllten Verlangens enden bei der Skulptur eines sich
übergebenden, äußerlich unversehrten Mädchens.
Angesichts des Monströsen dieser Halle ist eine Videoarbeit im
Keller, die die tägliche Feindseligkeit zwischen Palästinensern und
Israelis paraphrasiert, geradezu Erholung für Auge und Gemüt.
Bis 13. Januar, Kunst-Werke Berlin. Der Katalog erscheint im Januar
bei Hatje Cantz und kostet 30 ¤
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