[echo] Der Kritiker als Opportunist
cornelia sollfrank
cornelia at snafu.de
Sat Dec 15 13:28:07 CET 2007
taz, 27.11.2007
Der Kritiker als Opportunist
Hat die Kunstkritik ausgedient, wenn Künstler wie Popstars gehandelt
werden? Ein Wiener Symposium fragte nach, welche Rolle
Kommerzialisierung für die Kunstkritik spielt.
VON SASKIA DRAXLER
Erfolgreiche Künstler werden zunehmend wie Celebrities gehandelt,
Kunstkritiker leben dagegen oftmals in prekären Verhältnissen. Führt
die Kommerzialisierung des gesamten Feldes der Kunst zu einem Verfall
der Kunstkritik als reflexiver Praxis? Und inwiefern entsprechen und
stimulieren sich die verschiedenen Erscheinungsformen von Kunst,
Vermittlung und Kritik gegenseitig? Das waren die zentralen
Fragestellungen eines Symposiums am Wiener Museum für Moderne Kunst
am vergangenen Wochenende.
"Durch die Formate - Wie die Gegenwartskunst in den Medien erscheint"
wurde von Maribel König, Leiterin der österreichischen Sektion des
Internationalen Kunstkritikerverbandes, und dem Kulturwissenschaftler
Tom Holert organisiert. In seiner Einführung zitierte Holert den
Kritiker James Elkins, der in einem polemischen Essay 2003 eine Krise
der Kritik konstatiert hatte. Sie rühre daher, dass Kritiker sich
zunehmend wie bloße Vermittler, im Extremfall gar wie "Makler" der
Ware Kunst verhielten und nicht wie risikobereite Vorreiter
unabhängigen kritischen Urteilens. Tatsächlich finden
Veranstaltungen, die die Position der Kunstkritik kritisch
beleuchten, mit auffallender Regelmäßigkeit statt. Das scheint
allerdings weniger Ausdruck einer sich zuspitzenden Krise zu sein als
vielmehr einer konstitutionellen und institutionellen Unsicherheit,
die Kunstkritik auszeichnet und von der auch die Vorträge auf dem
Wiener Symposium durchdrungen waren.
Ist die Kunstkritik überhaupt eine unabhängige Disziplin und folglich
Kunstkritiker ein Beruf, von dem man, so banal das klingen mag, auch
leben können sollte? Oder sind es gerade die Hybridität und die
Prekarität, die Kritik und Kritiker in Bewegung halten?
Freischaffende KunstkritikerInnen sind in der Regel gezwungen, in
einem interdisziplinären Raum zwischen philosophischer Ästhetik,
Kunstgeschichte und Soziologie und im Nebeneinander verschiedener
wissenschaftlicher, journalistischer, kuratorischer Tätigkeiten zu
agieren. Zwingt diese Situation sie dazu, ihre Kriterien immer wieder
neu zu gewinnen und zu überprüfen? Der Frankfurter Philosoph Martin
Seel eröffnete die Runde mit einem Plädoyer für einen Typus des
Kritikers, den er den "Opportunisten" nennt. Diesem gelingt es, sein
in erster Linie persönliches Erlebnis zu analysieren und sprachlich
mitzuteilen. Kunst sei Präsentation, die auf Präsentation angewiesen
ist, das "Wort" stünde somit automatisch über dem "Bild". Der
Opportunist sei ein "Gelegenheitsarbeiter", der bei gegebenem Anlass
die Lust entwickle, sich "vom Werk bestimmen zu lassen", und dennoch
so viel Distanz bewahre, um darin "das Neue zu sehen und zu
beschreiben, wie es funktioniert". Eine echte Begegnung zwischen
Kritikersubjekt und Kunst finde statt, wenn "die Wahrnehmung ein
Verstehen und das Verstehen eine Wahrnehmung" sei.
Auch wenn die Grundfigur ästhetischer Erfahrung, die man als
Gleichzeitigkeit von Erfahrung und ihrer Reflexion beschreiben
könnte, hier einigermaßen getroffen sein mag, erscheint Seels
"Opportunist als idealer Kritiker" in keiner irgendwie
weiterführenden Weise in einem gesellschaftlichen Kontext von
kritischer Praxis. Vielmehr bleibt er der privatisierende Gelehrte,
der geniale Interpret, der sich narzisstisch mit seinem Objekt
identifiziert. Anders im folgenden Vortrag der Philosophieprofessorin
Ruth Sonderegger, die das "Undisziplinäre" der Kunstkritik als ihr
emanzipatorisches Potenzial beschreibt. Im Suchen immer neuer
Verortungen zwischen den Disziplinen liege die Möglichkeit, "sich
nicht dermaßen regieren zu lassen", die Michel Foucault einst in zwei
kleinen Essays "Was ist Kritik?" (1978) und "Was ist
Aufklärung?" (1984) mit Bezug auf Kant als Möglichkeit wahren
kritischen Bewusstseins postulierte.
"Kunst" ist keine feststehende Kategorie, denn ihre Bedeutung und
ihre Präsentationsformen verändern sich im Wirken gesellschaftlicher
Kräftefelder. Die Frage "Was ist Kunst?" ist mit der Frage "Was ist
Kritik?" eng verbunden. Beide wurzeln historisch im 18. Jahrhundert.
Damals wollte das aufgeklärte Bürgertum anhand der Kunstkritik einen
neuen Politikbegriff etablieren, der sich Politik als "diskutierende
Öffentlichkeit von politischen und ästhetischen Laien" vorstellte,
beschreibt Sonderegger in Anlehnung an den Geschichtswissenschaftler
Reinhart Koselleck.
Die Kunstwissenschaftlerin Susanne Leeb ging einen Schritt weiter und
schlug vor, die gegenseitige Bedingtheit von "undisziplinärer"
kritischer Praxis und Kunstpraxis tatsächlich einmal ins Auge zu
fassen. Gerade in den Arbeiten von KünstlerInnen, die der sogenannten
Institutionskritik zugerechnet werden, wie Andrea Fraser oder Fareed
Armaly, durchmischen sich nämlich kuratorische, kritische und
künstlerische Praxis. Die Hybridisierung der Kunst, die sich in
solcher Praxis zeigt, entspricht der hybriden "Un"-Disziplin der
Kunstkritik. Wenn Sonderegger mit Foucault schließlich sogar von der
"Kunst" des "Nicht-dermaßen-regiert-Werdens" spricht, könnte man
darin eine Art historischen Rollentauschs zwischen Kunst und Kritik
angedeutet sehen. Sie sind in der Arbeit der genannten Künstler
strukturell nämlich nicht auseinanderzuhalten. Ein Format, vielleicht
sogar "das Format" der Kritik, nach dem die Veranstaltung gefragt
hat, wäre somit die Kunst selbst.
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