[echo] Nahost-Dialog im Haus der Kulturen der Welt

cornelia sollfrank cornelia at snafu.de
Mon Dec 17 11:59:47 CET 2007


taz,  12.12.07

Nahost-Dialog im Haus der Kulturen der Welt

Religion im Pass

Mit Catherine Davids Veranstaltungsreihe "Di/Visions" setzt das Haus  
der Kulturen der Welt auf die Rede über "Kultur und Politik im Nahen  
Osten". VON RONALD DÜKER


Als Leiterin der documenta war Catherine David vor zehn Jahren vor  
allem in Bildwelten unterwegs. Heute beschäftigt sie sich mit dem  
Nahen Osten und setzt dabei voll auf Diskurs. So wird die von ihr  
kuratierte Veranstaltungsreihe "Di/Visions" vom gesprochenen Wort  
dominiert werden; es handelt sich dabei um eine "multimediale und  
interdisziplinäre Dokumentations- und Informationsplattform", die nun  
im Berliner Haus der Kulturen der Welt stattfindet.

Noch bis zum 13. Januar werden dort abgefilmte Interviews,  
Dokumentarfilme und Gesprächsrunden präsentiert, hoffentlich vor  
einem größeren Publikum als am Eröffnungswochenende. "Die Gewalt im  
Nahen Osten bildet eine Wahrnehmungsfolie, eine ständige  
Geräuschkulisse", sagt David und beklagt, dass die arabischen  
Intellektuellen im ohrenbetäubenden Bombenhagel kaum mehr zu hören  
sind. Nicht einmal im Fernsehen, so hieß es bereits auf der  
Pressekonferenz, bekämen ihre Stimmen einen Ort.


"Ästhetik" soll nach David generell "nicht das Problem" von Di/ 
Visions sein. Beweist nicht die Geschichte des Orientalismus, dass  
auch dem Auge nicht zu trauen ist? Unklar bleibt aber, in welchem  
Verhältnis dieses Bilderverbot zu Videogesprächen und  
Dokumentarfilmen passen soll. Wird hier der reine Diskurs  
transportiert, während die Konstruktion imaginärer Bildwelten allein  
dem Spielfilm vorbehalten ist? Überhaupt erscheint die vorgebliche  
Trennung von Kunst und Dokumentation kaum ausgereift.

Dass Di/Visions aber schließlich nicht aufgrund, sondern trotz des  
konzeptuellen Rahmens zu hochinteressanten Resultaten führt, ist vor  
allem den Rednern zu verdanken, die teils physisch anwesend, teils  
über Videoprojektionen vertreten sind. 13 etwa viertelstündige  
Gespräche hat Catherine David geführt. Sie laufen über die Dauer der  
Veranstaltung in einer Endlosschleife.

Einige der Protagonisten wie Tamim al-Barghouti, Amnon Raz- 
Krakotzkin, Sherif Younis und Samah Selim sind oder waren Teil eines  
auf fünf Jahre angelegten Nahost-Forschungsprogramms am Berliner  
Wissenschaftskolleg. Andere sind teils prominente Filme- oder  
Theatermacher, Politologen und Literaturwissenschaftler und lehren an  
Universitäten des Nahen Ostens oder in Amerika. Und schon die ersten  
Tage zeigten, auf welchen Fluchtpunkt die Diskussionen und Monologe  
immer wieder zulaufen: die kolonialen Wurzeln der Gewalt im Nahen Osten.

In diesem Sinne berichtet der im amerikanischen Exil lebende Dichter  
und Filmemacher Sinan Antoon im Video-Interview über seine Heimat.  
Die USA, sagt er, haben ihr eigenes, historisch gewachsenes  
Rassedenken auf den Irak übertragen, um die komplexen Kräfte dort  
besser kontrollieren zu können. Während einst sogar innerhalb der  
Baath-Partei ein Miteinander von Sunniten, Schiiten, Kurden und  
Christen möglich gewesen war, steht die Zugehörigkeit zu dieser oder  
jener Religion oder Ethnie unter der nun installierten  
Übergangsregierung erstmals sogar im Pass. So erzählt Antoon von  
einem befreundeten Buchhändler aus Bagdad, der sich, obwohl  
gestandener Marxist, nun in einer christlichen Partei engagieren  
muss, um eine politische Stimme zu haben. Divisions - das bedeutet  
für den Irak die erst gerade institutionalisierte ethnische und  
religiöse Teilung durch die USA.

Der palästinensische Sozialpsychologe Nadim Rouhana sieht auch in  
Israel ein Kolonialreich, wobei die Kolonie - historisch beispiellos  
- für die Juden zum Mutterland selbst geworden sei. Wenn ein derart  
alternativ- und auswegloses Siedlungsprojekt sich nun mit politischem  
Exklusivitätsanspruch paare, sei die Gewalt, die es von 1948 an  
täglich produziere, unausweichlich. Rouhana sieht eine mögliche  
Lösung des Konflikts in einem Zwei-Staaten-Modell, in dem Juden und  
Palästinenser die gleichen Rechte besitzen.

Der Teufel steckt aber manchmal im Detail: Obwohl nämlich Meron  
Benvenisti, ehemals stellvertretender Bürgermeister von Jerusalem,  
die politische Agenda Rouhanas teilt, ärgerte er sich beim Round- 
Table-Gespräch anlässlich der Eröffnung sehr über diese aus seiner  
Sicht allzu parteiische Darstellung der israelischen Geschichte.  
Benvenisti spricht lieber über Heimatliebe und von Städten und  
Landschaften, die Juden und Palästinensern gleichermaßen am Herz liegen.

Viel wichtiger als Nationalismen seien solche emotionalen  
Notwendigkeiten, die die politische Lösung wie von selbst nach sich  
ziehen würden. Wo Benvenisti aber davon schwärmte, dass gerade die  
arabischen Kartografen die Namen der alten Orte des Heiligen Landes  
für die jüdischen Neuankömmlinge bewahrt hätten, erkannten manche  
Zuhörer ein kolonialistisches Argumentationsmuster.

Apropos kolonialistisch: Im Rahmen von Di/Visions war viel davon die  
Rede, wie säkular, aufgeklärt und modern, wie anschlussfähig die  
arabische Welt also an den Westen gewesen sein soll, bevor erst in  
jüngerer Zeit tiefe Gräben gezogen wurden. So feiert Catherine David  
den iranischen Feminismus und Beirut als eine der weltweit  
emanzipiertesten Metropolen der Sechziger- und Siebzigerjahre. Wo  
aber Demokratie und Emanzipation nach westlichem Modell als steter  
Traum des besseren Orients durchscheint - was ist das anderes als  
ideologische Kolonisierung?

Vielleicht hätte man zumindest eine Leinwand auch für das Gespräch  
mit einem islamischen Fundamentalisten reservieren können. Als  
Störgeräusch in diesem zuweilen allzu harmonisch intonierten Konzert  
anglo- und frankofoner Intellektueller.


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