[echo] Museumsdirektoren auf dem Kunst-Karussell

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Mon Dec 17 12:03:04 CET 2007


Frankfurter Rundschau, 17.12.2007

Museumsdirektoren auf dem Kunst-Karussell

VON ELKE BUHR


Die Leitung der größten zusammenhängenden Museumslandschaft in  
Deutschland ist jetzt ein Fall für zwei: Diese Nachricht, mit der  
Kulturstaatsminister Bernd Neumann in seiner Eigenschaft als  
Vorsitzender des Stiftungsrates der Stiftung Preußischer Kulturbesitz  
Ende vergangener Woche die Öffentlichkeit überraschte, ist  
allenthalben mit Erleichterung aufgenommen worden. Morgen wird aller  
Voraussicht nach der Stiftungsrat beschließen, dass Michael  
Eissenhauer, Direktor der Staatlichen Museen Kassel, neuer  
Generaldirektor der Staatlichen Museen der Stiftung preußischer  
Kulturbesitz wird, und Udo Kittelmann, bislang Direktor des  
Frankfurter Museums für Moderne Kunst, die Alte und Neue  
Nationalgalerie in Berlin übernimmt. Beide folgen damit auf Peter- 
Klaus Schuster, der bisher diese Posten in Personalunion besetzte (FR  
vom 15.12.).

Strukturelle Überforderung

Schuster erreicht im Oktober 2008 die Altersgrenze für Beamte, aber  
er hätte gern verlängert: Dann hätte er sein Herzensprojekt, die  
Restaurierung der Museumsinsel, weiter begleiten können. Doch  
offensichtlich teilte die Findungskommission die Meinung vieler  
Kritiker, dass die Macht über gleich 17 Museen verschiedenster  
Fachgebiete eher zu Größenwahn als zur erfolgreichen Vertretung aller  
Interessen führt. Jetzt soll Eissenhauer, der in Kassel bereits den  
Umbau eines Museumsensembles zum internationalen Kunstzentrum geplant  
und als Präsident des Deutschen Museumsbundes kulturpolitisches  
Geschick bewiesen hat, die Großprojekte Museumsinsel und  
Humboldtforum leiten und dabei die vielen Häuser unter einen Hut  
bringen.

Neben ihm kommt Udo Kittelmann vor allem als Retter des  
Zeitgenössischen. Gerade in dieser prekärsten, aber zurzeit  
öffentlichkeitswirksamsten Sparte der Museumsarbeit sind Schuster  
immer wieder Defizite vorgeworfen worden. Man könnte den Grund in  
struktureller Überforderung sehen, wenn Schuster hier vor allem  
Privatsammlungen ins Museum holte anstatt selbst Akzente zu setzen.  
Der Hamburger Bahnhof sollte vibrierendes Zentrum der jungen Kunst in  
Berlin sein, stattdessen staubt geruhsam die Sammlung Marx vor sich  
hin, und was jünger ist als 30 Jahre, gehört hier Flick.  
Ambitionierte jüngere Kuratoren und Kuratorinnen haben in dem  
schwerfälligen und extrem hierarchisch organisierten Apparat bislang  
keinen Fuß auf den Boden bekommen.

Die Berliner Kunstszene hat auf die Misere längst mit Eigeninitiative  
reagiert: Eine komplett privat finanzierte temporäre Kunsthalle mit  
Wechselausstellungen zeitgenössischer Kunst soll nach dem Abriss des  
Palastes der Republik die Zeit bis zum geplanten Schlossneubau  
überbrücken, überall eröffnen Privatsammler ihre Häuser, und direkt  
hinter dem Hamburger Bahnhof entsteht gerade ein neuer Galerienkomplex.

In dieser Szene wird sich Udo Kittelmann wieder Respekt erarbeiten  
müssen. Dafür hat er allerdings gute Voraussetzungen, und zwar nicht  
nur, weil er den Posten eines Museumsdirektors gern strahlend als  
einen "Traumjob" bezeichnet. Mit Gregor Schneider hatte der vormalige  
Direktor des Kölner Kunstvereins bei der Biennale von Venedig 2001  
einen echten Coup gelandet: Sein "Totes Haus Ur" war gleichzeitig  
mutig, eigenwillig und publikumswirksam, und darüber hinaus noch mit  
dem Goldenen Löwen gekrönt.

Kittelmanns Erfolgsgeschichte

Auch im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt hat er die Balance  
zwischen publikumsfreundlicher Inszenierung und Anspruch immer wieder  
überzeugend umgesetzt. Präsentationen wie die der vom Kunstbetrieb  
fast vergessenen Konzept-Kopistin Elaine Sturtevant waren so  
spektakulär wie bei der Kritik erfolgreich. Gleichzeitig betonte er  
den bewahrenden Wert des Museums und gab sich viel konzeptuelle Mühe  
mit der neuen Sammlungspräsentation. Die Fäden der Ähnlichkeit, die  
er durch die Sammlung zog, folgten letztlich einem Prinzip wie die  
Konzeption der letzten documenta mit ihrer "Migration der Form" - nur  
dass der gelernte Augenoptiker Kittelmann die Besucher nicht mit  
theoretischem Überbau zu nerven pflegt, und so niemand daran Anstoß  
nahm. Gleichzeitig gelang es ihm, nach dem Abzug der Sammlung Bock  
aus dem MMK die Lücke mit dem Ankauf der Ricke-Sammlung zu füllen.

In Berlin wird Kittelmann mit der Neuen Nationalgalerie Mies van der  
Rohes eine zwar etwas baufällige, aber in Künstlerkreisen geradezu  
fetischisierte Ausstellungshalle bespielen können - auch hier muss er  
dabei mit einer Sammlung arbeiten, die ihren Schwerpunkt im 20.  
Jahrhundert hat. Programmatisch hat er kontinuierliche qualitätvolle  
Arbeit immer dem Blockbuster-Prinzip vorgezogen; man wird sehen, wie  
er sich da mit dem einflussreichen Verein der Freunde der  
Nationalgalerie einigen wird, die seit der MoMA-Ausstellung immer  
wieder gern die Menschenmassen ins Haus holen.

Spannend dürfte auch sein, wie Kittelmann mit der Alten  
Nationalgalerie umgehen wird - mit der Kunst des 19. Jahrhunderts hat  
er bislang keine größere Erfahrung gesammelt. Doch wie Max Hollein,  
dessen Frankfurter Konkurrenz Kittelmann mit seinem Schritt nach  
Berlin jetzt entkommt, als Leiter des Städel bewiesen hat, muss man  
kein alt gedienter Kenner sein, um einem solchen Haus Impulse zu  
geben. Ein gutes Marketing ist im Zweifelsfall wichtiger, und eine  
gute Nase für geeignete Mitarbeiter.

Die wird jetzt auch der Frankfurter Kulturdezernent Felix Semmelroth  
brauchen. Er muss einen Kandidaten - oder besser, zur Abwechslung mal  
eine Kandidatin - finden, der oder die die Qualität des MMK halten  
und sich neben dem übermächtigen Hollein profilieren kann. Wieder  
wird es eine Lösung sein müssen, die langfristig gedacht ist, aber im  
Zweifelsfall kurzfristig enden könnte. Die allgemeine Event- 
Zentrierung des Kunstsystems lässt längst auch die Museumsdirektoren  
auf das Karussell aufhüpfen, in dem schon die Kuratoren all der  
internationalen Biennalen und Großausstellungen sitzen.



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