[echo] Coole Kunst des Überlebens

2og at gmx.net 2og at gmx.net
Wed Dec 19 10:52:52 CET 2007


BRONX-COMEBACK
Coole Kunst des Überlebens

Von Lars Jensen, New York

Er regiert das Ghetto mit seinen Waffen: Mit Pinsel und Leinwand machte Tim 
Rollins angehende Gewalttäter aus der Bronx zu Stars der Kunstwelt. Jetzt feiert 
er ein grandioses Comeback - seine Schützlinge sagen: "Er hat uns die Zukunft 
gerettet."

Ein erstes Treffen mit Tim Rollins an einem Augusttag in New York um ein Uhr 
mittags. Draußen ist es so heiß, dass dem Bus auf der 23rd Street ein Reifen 
geplatzt ist. Vom Tresen der dunklen Kellerbar, in der wir uns verabredet haben, 
kann man das Drama gut beobachten – die Klimaanlage kühlt uns und die anderen 
Gäste ab. Ein abgekämpfter, aber glücklicher Rollins sitzt da. Mit einem 
verschmitzten Gesicht, dessen Ausdruck stets zwischen Stolz und Zweifel 
schwankt. Er hat alles gesehen, alles erlebt, was einem Lehrer in der Bronx in 
einem Vierteljahrhundert zustoßen kann. Respekt: Das Lachen hat er unterwegs 
nicht verlernt.

Dem Reporter scheint er allerdings nicht zu trauen. Vermutlich traut Rollins 
niemandem auf Anhieb. Nun soll er sich erst mal einen Drink aussuchen. Der 
Lehrer wählt: Gin Tonic, das beliebte Mittagsgetränk. Tim Rollins, 52, sieht 
aus, als habe er noch nie eine Pistole in der Hand gehalten. Oder eine Fliege 
zerklatscht. Er regiert das Ghetto mit seinen Waffen – mit Pinsel und Leinwand 
formte er angehende Gewalttäter zu Stars der Kunstwelt. "Doch mein Aussehen 
täuscht", sagt Rollins. "Mit liberalen Methoden alleine kommst du in der Bronx 
nicht weiter. Da musst du manchmal brutal und eiskalt entscheiden."

Zum Beispiel im Fall von Carlos Rivera. Ein junger Kerl ohne Eltern, der unter 
schwerster Dyslexie leidete, als er Ende

der achtziger Jahre bei Rollins auftauchte. Zehn Jahre lang versuchte der 
Lehrer, Carlos zum Schulabschluss zu treiben. Drei Mal fiel der Junge durch. 
Doch Carlos war einer der talentiertesten Mitarbeiter in Tim Rollins' 
Kunstworkshop. Am Tag der allerletzten Prüfung war Carlos wieder spurlos 
verschwunden – mit seinen Freunden von den Drogengangs. Rollins schmiss Carlos' 
Kunstwerke auf die Straße. Ein wirksamer Schock: Carlos schaffte später den 
Abschluss und studierte sogar.

Überall wollen die Leute Rollins’ Geschichten hören. Er verbreitet Hoffnung, und 
wenn er in Fahrt ist, hat er die Qualitäten eines Star-Entertainers. Gerade 
kommt er von einer Vortragsreise aus Michigan zurück, wo er über Erziehung und 
Kunst sprach; übermorgen fliegt er nach Belfast, um mit Schülern an einer 
Installation im öffentlichen Raum zu arbeiten. Das viel wichtigere und 
aufwendigere Projekt spielt sich allerdings im Atelier in Chelsea ab. Hier 
bereitet er mit seinem Team die Werkschau vor, die in der Züricher Galerie Eva 
Presenhuber zu sehen sein wird: "Tim Rollins and K.O.S.: 25 Years".

Man kann durchaus folgende Behauptung aufstellen: Die Karriere von Rollins, wie 
er 1982 seinen Job als Lehrer in der South Bronx begann, an der Schule ein 
Kunstprojekt für Härtefälle gründete, mit den Schülern Ende der achtziger Jahre 
zur Marktsensation wurde, in Vergessenheit geriet und nun ein internationales 
Comeback erlebt – das ist die rührendste Geschichte, die die New Yorker 
Kunstwelt zurzeit zu bieten hat.

Rick Savinon, 36, eines der dienstältesten Mitglieder der "Kids of Survival", 
drückt es so aus: "Ich habe keine Angst mehr vor dem Tod. Wenn ich sterbe, hängt 
mein Werk immer noch im MoMA. Wir sind unsterblich geworden durch unsere Kunst." 
Um genau zu sein, zeigt die aktuelle Hängung des MoMA sogar drei Gemälde von Tim 
Rollins and K.O.S. Und viele weitere sind in Dutzenden Häusern wie der Londoner 
Tate Gallery, dem New Yorker Whitney Museum oder dem Museum für Gegenwartskunst 
in Basel zu sehen.

Eigentlich überrascht es nicht, dass Rollins ausgerechnet 2007 für das große 
Publikum wiederentdeckt wird. Auf der verzweifelten Suche nach Kunst, die mehr 
bietet als Unterhaltung und Rendite, durchforstet der Betrieb die Lager und die 
Erinnerungen und stößt auf diese Künstlergruppe, die von Rollins mit einem ganz 
pragmatischen Ziel gegründet wurde. Er wollte ein paar Kindern helfen zu 
überleben. Wollte Jugendlichen eine Alternative zeigen zum Leben auf der Straße. 
Sie sollten begreifen, dass es für die Zukunft hilfreicher ist, ein Buch zu 
lesen, als an der Straßenecke mit Crack zu dealen.

Dass die Bilder von Tim Rollins and K.O.S. im Juni 2007 reißenden Absatz auf der 
Art Basel finden würden, war damals nicht Teil des Plans gewesen. Aber natürlich 
wirkt diese Kunst heute wieder irrwitzig trendy. Wahrhaftigkeit ist das heiße 
Ding in einer Zeit, in der es selbst russischen Oligarchengattinen zu peinlich 
ist, den brillantenbesetzten Platinschädel von Damien Hirst zu kaufen.

Dann lieber eines dieser großformatigen Gemälde von Tim Rollins and K.O.S., die 
so seltsame abstrakte Formen zeigen und in den besten Fällen die Energie des 
abstrakten Expressionismus mit der Eleganz der Minimal Art verbinden. David 
Ross, der ehemalige Kurator des MoMA und heutige Leiter der Yale School of Art, 
sagt: "Die Arbeiten handeln nicht von sozialen Problemen, dem harten Leben im 
Ghetto und anderen naheliegenden Stereotypen. Sie sind so großartig, weil sie 
die Fantasie nutzen und durch Metaphern den Horizont erweitern, zum Denken 
anregen. Außerdem zeugen die Bilder von einem enormen ästhetischen Talent."

In Maine geboren und aufgewachsen, war Rollins 1978 nach New York gekommen, um 
Kunst zu studieren und Künstler zu werden. Doch der Durchbruch gelang ihm nicht, 
und so nahm er den Job als Lehrer in der Bronx an. Ein 26-Jähriger, der im Wald 
aufgewachsen war, fand sich plötzlich in einem Kriegsgebiet wieder. "Es kann 
sich heute keiner mehr vorstellen, wie es 1982 in der South Bronx zuging", sagt 
Rollins. "Ich konnte die Geschichten nicht glauben, die ich hörte und erlebte. 
Zwölfjährige kamen mit Schusswunden zum Unterricht, ständig starben Elternteile, 
Crack wurde gerade populär. Ein Junge sagte, er konnte nicht kommen, weil ihn 
die Mutter eines Freundes zum Sex zwang. Der Bursche war 13 Jahre alt. Unser 
Name 'Kids of Survival' war kein Marketinggag, sondern ernst gemeint. Es ging 
für viele einfach nur ums Überleben."

In den ersten Jahren war der Arbeitsweg von der U-Bahn-Station Prospect Avenue 
bis zur Public School 52 – zehn Minuten zu Fuß – ein allmorgendlicher 
Parcourslauf vorbei an brennenden Autos, brennenden Ruinen, brennenden 
Mülltonnen. Oft hallten Schüsse über die endlosen Brachflächen, manchmal lagen 
Cracksüchtige im Weg. "Doch ich wusste am ersten Tag, dass ich die richtige 
Entscheidung getroffen hatte. In all dem Chaos war auch eine gewaltige kreative 
Energie zu spüren. Hip-Hop war gerade geboren, und die Graffitikultur breitete 
sich aus", sagt Rollins.

Also gründete er einen nachmittäglichen Workshop mit dem Titel "Art and 
Knowledge" in einer leerstehenden Etage des Schulgebäudes. Eingeladen waren alle 
Jugendlichen ab 13 Jahren, die Schwierigkeiten in der Schule hatten und über 
künstlerisches Talent verfügten oder einfach Lust hatten mitzumachen. Die 
Regeln, die Rollins aufstellte, waren klar und verständlich, aber nicht für 
jeden einfach einzuhalten.

1. Keine kriminellen Aktivitäten außerhalb und innerhalb des Workshops
2. Keine Drogen
3. Keine Waffen
4. Wer nicht täglich zur Schule geht, fliegt raus
5. Kein Ärger mit Mädchen

Dann tauchten Jungs wie Rick Savinon auf. Ein Straßendealer, der immer wieder 
sitzenblieb, weil er nicht zum Unterricht erschien. "Die Versuchung war groß", 
erinnert sich Rick, "denn ich konnte auf der Straße tausend Dollar pro Woche 
verdienen, ohne mich anzustrengen. Aber so viele meiner Freunde starben, und 
jedes Mal, wenn ein Freund erschossen wurde, habe ich gehofft, einen Ausweg zu 
finden. Der Ausweg war K.O.S." Mit jedem Jahrgang stießen wieder zehn oder zwölf 
neue Jungs zur Gruppe, und einige andere verließen K.O.S. – meistens, weil sie 
die Regeln nicht eingehalten hatten und Rollins sie rauswerfen musste.

Oder weil sie nicht überlebten. Wie Chris Hernandez, der zwölf Jahre alt war, 
als ihn seine Mutter beim Workshop ablieferte. Ihr Mann war bei einem Überfall 
auf den Pizzastand erschossen worden, und sie musste danach arbeiten gehen, 
hatte keine Zeit mehr für Chris. Der Junge stellte sich als extrem talentiert 
heraus und fertigte schon bald alleine große Bilder – inspiriert von seinen 
Träumen und von Jules Vernes "Reise zum Mond". In dem preisgekrönten 
Dokumentarfilm "Kids Of Survival: The Art and Life of Tim Rollins + K.O.S." (der 
bis heute regelmäßig auf HBO läuft) ist Chris eine Hauptfigur. Dann kam die 
Nacht, in der eine Bande von Dealern ihn in einer Schießerei als Schutzschild 
benutzte. "Sein Geist ist immer mit uns", sagt Rick. Und Chris’ bestes Bild 
"From The Earth To The Moon" hängt an einem Ehrenplatz im Hirshhorn Museum 
Washington.

An den neuen Arbeiten, die Eva Presenhuber zeigt, wirkten zwölf 
K.O.S.-Mitglieder mit. Veteranen wie Robert Branch, 30, Adam DeCroix, 34, und 
Angel Abreu, 34. Aber auch der 1990 in der Bronx geborene Pedro Herrera, ein 
schmächtiger Junge mit fröhlichem Gesicht. Die ganz harte Zeit im Viertel hat er 
nicht mehr erlebt. Doch hätte er ohne die Hilfe von K.O.S. einen Schulabschluss 
geschafft? "Wohl nicht. K.O.S. hat mir die Zukunft gerettet. Und, wie ich hörte, 
einigen meiner Kollegen hier auch."

Die Vorgehensweise von Rollins hat sich seit 25 Jahren kaum verändert. Bevor er 
in die Bronx kam, waren Konzeptkünstler wie Sol LeWitt und Hanne Darboven seine 
Vorbilder. Deren Strategie der seriellen Arbeit kombinierte er mit seinem 
Lehrauftrag. "Ich bin Marxist, und ich glaube an die utopische Idee, dass die 
Kunst die Welt verbessern kann", sagt Rollins. Jedem Kunstwerk, das die "Kids" 
anfertigten, liegt ein Stück klassische Literatur oder Musik zugrunde. Und zwar 
im Sinne des Wortes: Zunächst lesen alle Mitglieder das Buch oder hören die 
Musik, dann kleben sie die Textseiten auf eine Leinwand und bemalen sie – mit 
assoziativen Formen, von Graffiti beeinflusst oder von Vorbildern aus der 
Kunstgeschichte. "Farm der Tiere", "Mittsommernachtstraum", "Die Enstehung der 
Arten", Werke von Aristophanes, "Das Tagebuch der Anne Frank", "Frankenstein" 
bearbeiteten die Kids.

Die bekannteste Reihe ist sicher "Amerika", nach Franz Kafkas Emigrantenroman. 
Das Hauptgemälde (175 x 425 cm) hängt heute im MoMA. Als Rollins und K.O.S. die 
Arbeiten 1986 zeigten, bescherte ihnen das den Durchbruch. Aus seiner Zeit an 
der New York University war Rollins nicht nur mit vielen Künstlern befreundet, 
sondern kannte auch einige Galeristen, bei denen er immer wieder Ausstellungen 
unterbringen konnte. Über "Amerika" schrieb die strenge Roberta Smith in der New 
York Times: "Wie die Kinder mit Rollins' Hilfe die Brücke schlagen zwischen 
Literatur und Kunst und dabei so effektive Metaphern erzeugen, dürfen Sie auf 
keinen Fall verpassen."

Dann erlebte die Gruppe, wie es sich anfühlt, von der Kunstwelt in eine 
Umlaufbahn gehypt zu werden – erst in der New Yorker Galerienszene, später mit 
Museumsausstellungen in San Francisco, Havanna, Paris und so ziemlich jeder 
anderen Stadt. Viel Erfolg erzeugt viel Neid. Irgendwann tauchten Fragen auf 
über Rollins' Arbeitsmethoden und seine pädagogische Strategie: Benutzt er die 
Kinder? Beutet er als Weißer die Hispanics und Afroamerikaner aus? Es kamen auch 
Gerüchte über den Verbleib der Einnahmen auf. Schließlich gab es Andeutungen 
über Affären, die die Kinder miteinander und mit Rollins gehabt haben sollen.

Die Sexgeschichten waren schnell ausgeräumt, denn sie stimmten einfach nicht. Wo 
das Geld geblieben war, konnte Rollins lückenlos nachweisen. Er zahlte seinen 
Schülern ein monatliches Taschengeld, damit sie sich Bücher und Stifte kaufen 
konnten; der Großteil des Geldes floss in die Produktion der Kunst. Und für die 
Zukunft der Kinder gründete Rollins einen Fonds, aus dem er Collegegebühren 
zahlen würde. Wie für Rick Savinon, der ohne das Geld nicht hätte studieren können.

Doch die Gerüchte zeigten Wirkung. Ab Mitte der neunziger Jahre verkauften sich 
die Arbeiten von Tim Rollins and K.O.S. nur noch schleppend, und es wurde fast 
unmöglich, die laufenden Kosten zu decken. Das Projekt galt nicht mehr als cool 
und frisch, und der Markt wandte sich ab. "Wir haben über zehn Jahre lang Kunst 
ohne Öffentlichkeit gemacht", sagt Daniel Castillo, 28, der 1996 zu K.O.S. 
stieß. "Aber wir gaben nicht auf, und jetzt werden wir sogar in Europa 
wahrgenommen." Tim Rollins fügt hinzu, dass es auch ganz angenehm sei, die 
30.000 Dollar, die das Projekt im Jahr kostet, solange man es sparsam betreibt, 
nicht mehr aus seiner eigenen Kasse zahlen zu müssen.

Eva Presenhuber, die Tim Rollins and K.O.S. bereits in den achtziger Jahren 
kennen- und schätzen lernte, ist froh, dem Kollektiv zum 25. Geburtstag eine 
Ausstellung widmen zu können. "Ich bin ein Fan von Tim und seiner Arbeit, seit 
ich ihn in den wilden Jahren in New York traf. Wir müssen die Sammler in Europa 
natürlich noch überzeugen von der Klasse und der Bedeutung seiner Arbeit. Aber 
ich glaube, das wird nicht so schwierig."

Heute wie damals, in der wilden Zeit, arbeitet das Kollektiv nach denselben 
strengen Regeln und mit unerschöpflichem Teamgeist. Der Unterschied: Das Atelier 
befindet sich nicht mehr in der hellen, riesigen Schuletage, sondern in einem 
etwas beengten Raum im neunten Stockwerk eines Lagerhauses in der 25th Street 
Manhattans. "Wir haben einen wohlwollenden Vermieter", sagt Rollins. In der 
Nachbarschaft preisen Hunderte Galerien ihre Ware an, und in neuen Hochhäusern 
kosten Wohnungen siebenstellige Summen. Aus Queens, Brooklyn, der Bronx und 
Philadelphia pendeln die Künstler zur Arbeit.

Im Oktober treffe ich Rollins wieder. Es ist die Woche, in der die Bilder für 
Zürich fertig werden müssen. Sechs Mitglieder von K.O.S. sitzen zusammen und 
diskutieren über ein Bild aus der Serie "Krieg der Welten". Ein Großformat, mit 
strahlenartigen Farbkombinationen: Soll es verschifft werden zur Ausstellung? Am 
Ende entscheidet das Team dagegen. Die Arbeit gehört zu den schwächeren. "Der 
Müllkorb ist unser wichtigstes Werkzeug", sagt Rick.

Auf dem Rückweg in die Bronx, wo Tim Rollins in einem hübsch renovierten 
Gründerzeithaus wohnt, muss er nicht mehr befürchten, von einem Querschläger 
getroffen zu werden. Die Häuser haben Scheiben in den Fenstern, kleine Geschäfte 
und Restaurants sind zurückgekehrt, und auf den Flächen zwischen den Gebäuden, 
wo sich früher Crack-Süchtige beschossen, spielen auch nach Anbruch der 
Dunkelheit noch Kinder.

Man kann sich wieder wohlfühlen in der Gegend rund um die U-Bahn-Station 
Prospect Avenue. Und die Leute hier behaupten, Rollins habe mit seiner Arbeit 
viel dazu beigetragen. Passanten winken ihm von der anderen Straßenseite zu. 
Eine Frau ruft Rollins aus einer Pizzeria hinterher: "Komm her, mein 
Kunstlehrer, wir essen eine Pizza."

"Tim Rollins and K.O.S: 25 years", bis 22. Dezember 2007, Galerie Eva 
Presenhuber, Zürich


More information about the echo mailing list