[echo] HfbK – Gebühren für die Kunst

cornelia sollfrank cornelia at snafu.de
Sat Dec 29 22:18:13 CET 2007


taz, 29.12.2007

Hamburger Kunsthochschule
Gebühren für die Kunst

Kunststudenten im Neoliberalismus? Oder In-Verantwortung-Nehmen einer  
privilegierten Spezies? Der Streit über Studiengebühren an der  
Hamburger Kunsthochschule spitzt sich weiter zu.

VON JULIAN WEBER



"Talentsklavenevaluierungsanstalt" steht auf einem Banner über dem  
Eingang der Hamburger Kunsthochschule (HfbK). Es flattert steif im  
Dezemberwind. Das zusammengesetzte Wort spielt auf die Initiative  
"Talentstadt Hamburg" an. Hamburgs Wissenschaftssenator Jörg Dräger  
(parteilos) hatte sie ausgerufen, um akademischen Nachwuchs in die  
Hansestadt zu locken. Den zieht es momentan eher in Bundesländer, in  
denen noch keine Studiengebühren verlangt werden, wie das  
Statistische Bundesamt diesen Monat bekannt gab.

Dennoch ist auch die Zahl der Studienanfänger in Hamburg leicht  
gestiegen. Und das, obwohl die Studierenden seit Sommersemester  
dieses Jahres Studiengebühren in Höhe von 500 Euro pro Semester  
berappen müssen. Nur Bafög-Empfänger sind von dieser Regelung  
ausgenommen. Rechnet man die 250 Euro Sozialabgaben dazu, kostet ein  
Hamburger Universitätsstudium im Jahr nun 1.500 Euro, 125 Euro jeden  
Monat. Miete und Lebenshaltungskosten kommen natürlich hinzu. Wem das  
zu viel ist, der kann einen Studentenkredit bei einer Hamburger Bank  
aufnehmen. Das Beispiel Hamburg wirft Fragen auf, die für ganz  
Deutschland gelten: Sind Studiengebühren ein "neoliberaler" Angriff  
auf den Zugang zu Kunst und Wissenschaft oder notwendig, um eine  
privilegierte Spezies symbolisch stärker in die Verantwortung zu nehmen?


Auftritt: Johannes Stüttgen. Das Darlehenssystem sei sozial  
verträglich, erklärt Wissenschaftssenator Dräger im Gespräch.  
Zurückzahlen müsse nur, wer später vernünftig verdient. Maike Bruch*,  
die im dritten Semester Malerei an der HfbK studiert und nebenbei 15  
Stunden die Woche an einer Theaterkasse jobbt, erwägt die Option  
Darlehen jedoch grundsätzlich nicht. Sie wüsste nicht, wie sie das  
zusätzliche Geld für die Studiengebühren durch Mehrarbeit hereinholen  
sollte. Von ihren Eltern will sie zwecks Abnabelung kein Geld  
annehmen. Jetzt engagiert sie sich bei den Protesten an der HfbK  
gegen die Gebühren. Als einzige Hamburger Hochschule hat die HfbK  
unter ihren Studenten das sogenannte Quorum erzielt. Sie votierten  
mehrheitlich für einen Gebührenstreik.

Der Unterricht geht dabei weiter. Maike Bruch ist eine von 120 der  
rund 400 zahlungspflichtigen HfbK-Studenten, die auch im zweiten  
Semester seit Einführung der Gebühren die Zahlung boykottieren. Die  
Lage hat sich zugespitzt, denn die HfbK hat inzwischen 90 Boykotteure  
exmatrikuliert, wogegen diese vor Gericht klagen. Bis eine  
Entscheidung getroffen ist, dürfen sie weiterstudieren.

Von brodelnder Proteststimmung ist zum Jahresausklang an der HfbK  
erst einmal wenig zu spüren. Johannes Stüttgen, der ehemalige  
Assistent von Joseph Beuys, wurde vom Asta zu einem Vortrag  
eingeladen. Rund 20 interessierte junge Zuhörer sind gekommen,  
rauchen, trinken Kaffee, laden ihre Handys auf und verfolgen  
aufmerksam, was Stüttgen über den erweiterten Kunstbegriff, die  
Marktmechanismen des Kunstbetriebs und die Logik von  
Aufnahmeprüfungen zu erzählen hat.

"Die Frage nach der Kunst wird doch immer mehr ausgeblendet", findet  
ein Student, "stattdessen schleift sich das Interesse an Kontrolle  
und Kommerz auch in die eigene Arbeit ein." Dies klingt etwas  
abgestanden und sektiererisch. Stüttgen zeigt durchaus Verständnis  
für die Proteste. Immer wieder kommt er auf die Verantwortung der  
Kunst zu sprechen und diskutiert die Rolle des Künstlers in der  
Gesellschaft. Nachdem er seinen von Beuys abgeleiteten  
Freiheitsbegriff erläutert hat, wird er von einem Studenten gefragt:  
"Sind sie Anthroposoph?" Stüttgen, für einen Moment perplex,  
verneint, während gleich mehrere Anwesende anfangen, über ihre  
Waldorfschulvergangenheit zu debattieren.

An einem anderen Tag, beim Meeting der "AG Studiengebührenboykott",  
geht es hoch her. Ob die taz überhaupt links genug sei, um über die  
Proteste zu berichten, wird man von einem älteren Semester  
angefeindet. Er hat die Haare nach hinten gegelt und beeilt sich, die  
Hochschulpolitik des Hamburgs Senats als "neoliberal" darzustellen.  
"Du siehst aus wie eine sowjetische Volkskommissarin", sagt er  
ironisch zu Maike Bruch angesichts ihrer Reiterhosen. Jüngere  
Studenten ruckeln unsicher auf ihren Stühlen. Eine Wand ziert ein  
riesiger Wortsalat aus Begriffen, Namen und Formeln. "Künstler als  
Zulieferer von Kunstsammlern", steht da über einem nach rechts  
zeigenden Pfeil geschrieben, ebenso "Eitelkeit" sowie "Adrienne  
Göhler" und "Martin Köttering", die Namen der letzten beiden Hfbk- 
Präsidenten, und natürlich "Dräger".

Auftritt: Senator Dräger. Auf die Frage, ob sich die Hansestadt keine  
Kunsthochschule mehr leisten könne, antwortet der  
Wissenschaftssenator sehr bestimmt. "Es kann von einem Staat nicht  
verlangt werden, aus Steuergeldern ad infinitum eine kostenlose  
Ausbildung zu stellen. Der Wert, der in der Ausbildung steckt, die  
der Staat zum überwiegenden Teil finanziert, muss auch ein Stück  
kofinanziert werden von denjenigen, die dadurch später profitieren."  
US-amerikanische Verhältnisse, dass Universitätsabsolventen lange  
Jahre die Schulden ihres Studiums zurückzahlen müssen, würde es hier  
aber nicht geben, so Dräger, der in den USA Physik und Philosophie  
studiert hat. "Die Größenordnung, über die wir hier in Deutschland  
sprechen, ist ein Bruchteil der Summen, um die es in den USA geht."  
Er kommt auf die Schulden der Hansestadt zu sprechen, die in der  
bundesweiten Schuldenstatistik immer noch weit vorne zu finden sei.  
Zum allerersten Mal habe es Hamburg 2007 geschafft, Schulden  
zurückzuzahlen und keine neuen aufzunehmen.

Dräger wünscht sich daher für die Zukunft Studenten, die ihre  
mitfinanzierte Ausbildung als Partnerschaft mit der Universität  
begreifen und aktiv mitbestimmen. Er hat nicht so sehr freischwebende  
Kunsthochschüler im Sinn, sondern Jungunternehmer. Danach sieht  
Dräger mit seinem modisch geschnittenen Anzug auch selbst ein  
bisschen aus. "Studenten haben das Recht, über die Verteilung der  
Mittel mitzuentscheiden. Und das bringt einen als Studierenden in ein  
neues Verhältnis mit der Hochschule. Dies bedingt auch ein  
selbstbewussteres Auftreten: Ich zahle für diese Leistung, also  
verlange ich auch mehr."

Auftritt: kritischer Student. Bei den HfbK-Studenten erregen solche  
Äußerungen Unmut, zumal sie von einer Systemumstellung flankiert  
sind: Gemäß der Bologna-Beschlüsse hat die HfbK im Sommersemester als  
eine von wenigen Kunsthochschulen in Deutschland überhaupt den  
Bachelor-Master-Studiengang eingeführt. Er soll den Eingang in die  
Berufswelt nach sechs Jahren Studium erleichtern.

"Eine verschulte HfbK ist das Ende der freien Hochschule", glaubt  
Hanno Behrendt*, einer der Organisatoren der Proteste gegen die  
Studienreform. "Wir hatten hier einen gesellschaftskritischen  
Diskurs." Kunst sei stets als Regulativ begriffen worden, als  
Reflexionsebene der Gesellschaft, so Behrendt. "Kunst funktioniert  
dadurch, dass sie immer wieder neue Paradigmen aufstellt und alte  
verwirft, alles in einem Prozess, der immanent ist." Durch die  
Einführung von marktförmigen Strukturen würde der  
Wissenschaftsbetrieb verunmöglicht, sagt Behrendt, der an der HfbK  
Philosophie mit einem Schwerpunkt auf psychoanalytischen  
Fragestellungen studiert. Auch ein Filmstudium ist an der HfbK  
möglich. Zu den Absolventen der HfbK zählen Filmer wie Maler, so  
unterschiedlich ausgerichtete Künstler wie Daniel Richter, Hermine  
Huntgeburth, Fatih Akin, Ulrich Köhler, Jonathan Meese und Oliver  
Hirschbiegel.

Es gebe eine Menge Leute mit alternativen Lebenskonzepten, meint  
Behrendt, die durch die Studiengebühren vertrieben würden. Behrendt  
glaubt auch zu wissen, wer die Drahtzieher der Studienreformen sind.  
Das Zentrum für Hochschulentwicklung (CHE), eine von Bertelsmann  
betriebene Lobby, die eine "sophistische Logik" gegen die  
Chancengleichheit an Universitäten entwickelt habe: "Wenn nur acht  
bis zehn Prozent aus sozial schwachen Schichten studieren, hat man da  
argumentiert, sei es doch ungerecht, dass Gemüseverkäufer und  
Schlosser den bürgerlichen Schichten das Studium finanzieren."

Auftritt: Professor Roscher. "Eine besondere Qualität der HfbK war,  
dass sie Studenten Freiraum gegeben hat, sich zu entdecken. Viele der  
prominenten Absolventen sind hier erst einmal an sich gescheitert und  
haben gelernt, eine künstlerische Krise auszuhalten", sagt Professor  
Gerd Roscher. Roscher unterrichtet an der HfbK seit 36 Jahren Film,  
er sitzt auch in vielen Gremien und kennt alle Beteiligten. "Die HfbK  
ist eine kleine Einheit", erklärt er. "Unser Budget beträgt 16  
Millionen Euro. Was man über die Studiengebühren einzunehmen hofft,  
sind 400.000 Euro. Davon fließen 100.000 in Verwaltung und weitere  
100.000 in einen Rückhaltefonds. Bleiben 200.000 Euro, und die machen  
nicht einmal zwei Prozent des Haushalts aus." Es gehe also um  
Symbolik. Es mag sein, dass Studenten, die bezahlen, anders auftreten  
würden. Aber über die Gebühren würden "letztlich komplexe interne  
Prozesse konventionalisiert". Und da könne er nur mit Dario Fo  
antworten: "Bezahlt wird nicht!" Außerdem habe er kein Geld mehr für  
Tutoren zur Verfügung, schimpft Gerd Roscher. Von Verbesserungen  
durch die Studiengebühr keine Spur. "Bis jetzt hat es die  
Universitätsverwaltung nicht geschafft, die Abrechnung für 2006 zu  
machen, und deshalb kann für 2007 kein Geld ausgegeben werden." Auch  
andere Professoren murren, sie müssen seit neuestem im Privatleben  
ihrer Studenten herumstochern, um herauszukriegen, wer bedürftig sei  
und wer nicht. Ausgenommen von den Gebühren sollen die zwei "Besten"  
einer Klasse sein. Roscher und andere seiner Kollegen finden dies  
indiskutabel.

Unklar bleibt bei alldem die Rolle von HfbK-Präsident Martin  
Köttering. Es war Drägers Vorgängerin Krista Sager (Grüne), die  
seinerzeit das Wahlgremium für den Präsidenten demokratisierte und  
ihn gleichzeitig mit großen Vollmachten ausstattete. Ins Amt kam  
Köttering vor allem durch die Stimmen von Studenten. Die, die ihn  
damals gewählt haben, sind längst weg. Die jetzigen Studenten hoffen  
bei ihrem Boykott, dass ihnen der Ausgang der Hamburger  
Bürgerschaftswahl im Februar in die Hände spielt. Auch der Posten des  
Wissenschaftssenators könnte dann zur Disposition stehen. Und Michael  
Naumann, der SPD-Spitzenkandidat, hat schon einmal vorab verkündet,  
auf Gebühren verzichten zu wollen.

* Pseudonyme; die Namen sind der Redaktion bekannt







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