[echo] Vanity Fair: Hey, ihr da unten!

cornelia sollfrank cornelia at snafu.de
Wed Feb 7 12:19:00 CET 2007


taz, 07.02.2007

Hey, ihr da unten!

Heute erscheint sie also: die deutsche "Vanity Fair". Hat sich 
Chefredakteur Ulf Poschardt endlich ein Zentralorgan seines 
neokonservativen Bobospießertums gebastelt?

VON ROBERT MISIK

Im neueren deutschen Spießertum haben sich in den vergangenen Jahren 
zwei paradigmatische Phänotypen herausgebildet: der 
pausbäckig-altväterliche 
"Mehr-Anstand-mehr-Kinder-mehr-Sittlichkeit"-Typus vom 
Udo-di-Fabio-Eva-Herman-Schlag und das hippe, zeitgeistige 
Bobospießertum, das seine Trägerschichten in verweichlichten 
Mittelstands-Bubis gefunden hat, die früher Pop gehört und Müll 
getrennt haben und nun, weil sie sich im bundesrepublikanischen 
Sozialstaat langweilen, mehr Härte ins Leben bringen wollen. 
Wohlgemerkt: mehr Härte ins Leben der Anderen.

Letztere sind eindeutig interessanter, erstens, weil es sich bei ihnen 
um die lässigeren - und damit die gefährlicheren - Typen handelt, und 
zweitens, weil das, was sie sagen, nicht völlig vertrottelt ist. Sie 
liegen nie ganz daneben - nur immer ein bisschen. Die bemerkenswerteste 
Figur dieser neokonservativen Parallelgesellschaft ist Ulf Poschardt, 
Ex-Tempo-Redakteur, Ex-SZ-Magazin-Macher und nunmehr Leithammel der 
Vanity Fair, die ab heute der neue Stern am deutschen 
Lifestyle-Magazin-Himmel sein will.

Gewiss, vieles von dem, was Poschardt so von sich gibt, könnte vom 
durchschnittlich einfältigen Pressesprecher eines Arbeitgeberverbandes 
nicht simpler formuliert werden: dass die Bundesrepublik eine 
"Sozialidylle" ist, in der die "Bestrafung von Leistung" oberstes 
Staatsziel sei, eine Gesellschaft, die nichts als "Verwöhnaroma" 
ausströme, wo Unterklassen in "Hartz-IV-Luxus" leben. Den Arbeitslosen, 
"die es sich im sozialen Netz bequem gemacht haben", würde er, 
menschenfreundlich, wie er ist, eine "Chance auf ein Leben ohne 
staatliche Subvention" gönnen. Wie großzügig!

Was den Poschardt-Typus aber vom Traditionsspießertum unterscheidet, 
ist, dass er den neoliberalen Neiddiskurs mit dem Geist der Revolte, 
dem Poprebellentum und dem Erbe von Punk und Nonkonformismus 
kurzschließt. Die Kinder der Revolte, führte er in raumgreifenden 
Essays von Zeit über taz bis zur Revival-Tempo aus, seien doch die 
natürlichen Parteigänger des Neoliberalismus, mit seinem Staatshass und 
seinem Verwirkliche-dich-selbst!-Pathos. "Versteht man Pop und seine 
Sehnsucht nach ungebremstem Freiheitsdrang essenzialistisch, dann gibt 
es für seine Anhänger nur eine Wahlempfehlung: die FDP."

Seine Thesen ernten meist höhnische Kritik und gelegentlich auch 
Zustimmung, dabei hätten sie so etwas wie eine zustimmende Ablehnung 
verdient. Denn da ist gewiss mehr dran, als unsereinem lieb sein kann: 
das Freiheitspathos der Revolte hat erst die radikalindividualistischen 
Subjekte geschaffen, die der Postfordismus benötigte. Die Subkulturen 
sind, weit davon entfernt, Kommerz & Kapital auszuhebeln, auch nichts 
anderes als viele Marktlücken, und wo es ganz viel Markt geben soll, da 
stört der Staat nur. Die Selbstverwirklicher in all diesen Subkulturen 
sind Selbstunternehmer, wie sie sich die Henkels & Co. schöner nicht 
wünschen könnten: Leistungsträger, die den Sozialstaat untergraben, die 
den freien Marktkräften viel Biopower zuführen, nur um dann den Triumph 
des Kommerzes zu beklagen. Und noch eins: Das Pathos vom "Abenteuer der 
Existenz" und der Kitzel von den "Härten der Realität", den Poschardt 
zu einem Sartre-Hayek-Jünger-Brei verrührt, die haben mehr als nur 
oberflächliche Verwandtschaft mit der Verachtung für die Fadesse des 
Normalolebens, wie sie in jungrevolutionären Zirkeln seit je 
dazugehört. "Abenteuer der Existenz": Das wurde nicht nur in Jüngers 
"Stahlgewittern" gefeiert, sondern auch von Spontis und vom "schwarzen 
Block".

Sagen wir es so simpel und offen wie möglich: Es gibt ein breites 
Spektrum von Milieus, links bis grün bis alternativ bis Indie, ein Meer 
von Leuten, die nichts mehr hassen, als Mainstream zu sein, die gerne 
gut leben, aber den hoch dotierten Brotjob verabscheuen, die 
Lifestylekonsum pflegen, dabei aber möglichst ökologisch korrekt 
vorgehen, die sich über wachsende soziale Ungleichheit grämen und ein 
selbstbestimmtes Leben ohne Chef vorziehen, die brodelnde 
innerstädtische Quartiere mit einem schönen Mix aus ehemals besetzten 
Häusern, abgefuckten Kneipen, guten Esslokalen und ein, zwei 
Falafelbuden zu schätzen wissen. Sie alle sind objektiv ein bisschen 
Komplizen des Neoliberalismus. Daran lässt sich nicht leicht etwas 
ändern. Aber es lässt sich schon auch gegensteuern. Das wird dann zwar 
ein täglicher Balanceakt, aber so ist das Leben: keine einfache Sache, 
oft ziemlich tricky. Diese Leute meinen etwa, dass ein Gemeinwesen mehr 
ist als die Summe der Egoismen der Einzelnen. Für solche Leute gibt es, 
beispielsweise, die taz.

Und dann gibt es die Poschardts, für die der Umstand, dass der 
Konsumkapitalismus die rebellischen Energien prima in seine Maschinerie 
einzuspeisen versteht, keine nichtintendierte Nebenfolge und auch kein 
Problem darstellt. Sie sagen: Klasse, dann gehen wir gleich zum 
Westerwelle. Dass die Sozis uncool sind, wussten wir immer schon, und 
diese Öko- und 68er-Moralisten sind es noch viel mehr. Cool sind wir: 
Darum nehmen wir den Asis die Stütze weg, dann müssen wir weniger 
Steuern zahlen und haben noch mehr Geld zum Coolsein. Die Freiheit, die 
hier beschworen wird, hat freilich etwas von einer objektiven 
Zwangsläufigkeit: die Freiheit, seinen nackten ökonomischen Egoismen 
zuwiderzuhandeln, ist beim Poschardt'schen "Freiheits"-Begriff nicht 
vorgesehen. Freiheit reduziert sich auf die Freiheit, möglichst 
rücksichtslos den Kampf ums Dasein führen zu dürfen, oder besser: zu 
müssen. Ein ziemlich dürrer Existenzialismus.

Ab heute lässt sich nachlesen, ob Poschardt Vanity Fair zum 
Zentralorgan des Ego-Existenzialismus gemacht hat.

taz vom 7.2.2007, S. 13, 112 Z. (TAZ-Bericht), ROBERT MISIK

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