[echo] Das unbewusste Bildgedächtnis der Menschheit

cornelia sollfrank cornelia at snafu.de
Tue Feb 13 15:37:00 CET 2007


Hamburger Abendblatt, 13.02.2007

Politische Ikonografie Was der Hamburger Kunsthistoriker Martin Warnke 
im Warburg-Haus wiederbelebt hat

Das unbewusste Bildgedächtnis der Menschheit

Die Wahrheit hinter den Bildern: wie eine alte kunsthistorische Methode 
im Warburg-Haus für die Gegenwart fruchtbar gemacht wird.

Von Lutz Wendler

Wir sehen mehr, als wir glauben. Vieles sei nicht unmittelbar 
verbailisierbar und beeinflusse uns trotzdem, sagt Martin Warnke.

Hamburg - Ein oberflächlicher Betrachter wird den fünf Alben kaum mehr 
als flüchtige Aufmerksamkeit widmen. Gewiss, viele interessante Bilder 
aus der NS-Zeit, doch letztlich nur ein privates Erinnerungsstück, 
nicht unbedingt von allgemeinem Interesse. Für Martin Warnke dagegen 
sind die betagten Bände mit den kommentarlos eingeklebten Bildern ein 
Schatz. "Ein glücklicher Zufall, dass sie bei uns gelandet sind", sagt 
der Hamburger Kunsthistoriker, der die Alben von der Besitzerin 
geschenkt bekam, weil diese ahnte, dass sie erhaltenswert seien. "Das 
ist eine Art Bildertagebuch, das die Erlebniswelt eines deutschen 
Mädchens über einen längeren Zeitraum anschaulich macht. Besonders 
daran ist, dass es keine privaten Dokumente sind, die zusammengetragen 
wurden, sondern Fotos und andere Fundstücke aus Zeitungen."

Was diesen Nachlass für Martin Warnke so besonders macht, sind nicht 
nur die vielen unbekannten Fotos. Es ist auch nicht allein das 
persönliche Erleben von Geschichte in Bildern, die dokumentieren, wie 
sich eine junge Frau vom bejubelten Aufstieg des Nationalsozialismus in 
Deutschland und Italien hatte verführen lassen, bevor sie den 
mörderischen Charakter des Regimes nach und nach erkannte. Für den 
Kunsthistoriker steckt noch mehr in diesen Bänden, nämlich das 
kollektiv Unterbewusste, das sich im Privaten verbirgt.

Auch Martin Warnke ist ein Bildersammler, der oft in Zeitungen und 
Zeitschriften fündig wird. Doch es ist nicht sein persönlicher Blick, 
der die Auswahl bestimmt. Warnke sucht stattdessen nach Belegen für 
eine versteckte Grammatik, die unserer Bildsprache immer wiederkehrende 
Formen gibt. Das ist eine Arbeit, die nie endet, und Martin Warnke ist 
auch vier Jahre nach seiner Emeritierung ein vielbeschäftigter 
Wissenschaftler: Er schreibt weiter fleißig Bücher und Artikel, wird 
oft zu Vorträgen eingeladen und betreut noch 15 Doktoranden. Vor allem 
aber kümmert er sich um sein größtes Werk, das Warburg-Haus in der 
Heilwigstraße. Warnke hat diesen Ort, aus dem Aby Warburgs 
Kulturwissenschaftliche Bibliothek 1933 von den Nationalsozialisten 
vertrieben worden war, wieder zum Leben erweckt. Als er 1990 den mit 
drei Millionen D-Mark dotierten Leibniz-Preis erhielt, investierte er 
das Geld komplett in die Rekonstruktion der nach England evakuierten 
Warburg-Bibliothek - woraufhin die Stadt die Kosten für die Sanierung 
des Backsteinbaus übernahm und Mäzene eine Stiftung ausstatteten, deren 
Zinserträge den laufenden Betrieb des Hauses sichern.

"Der Betrieb kostet die Stadt keinen Pfennig", sagt Warnke und erzählt 
en passantvon den vielen internationalen Gästen, die sich hier fast die 
Klinke in die Hand geben. Das Warburg-Haus hat großes Renommee; ebenso 
wie Martin Warnke, der im November 2006 für sein Lebenswerk den mit 100 
000 Euro dotierten Gerda-Henkel-Preis erhalten hat und den 
wissenschaftlichen Anspruch der Einrichtung repräsentiert. Dieses ist 
besonders wirkungsvoll, wenn er Gäste durch den ovalen Bibliotheksraum 
führt, der dem zerstörten Original nachempfunden wurde und dessen 
Regale schon wieder sehr gut bestückt sind. Warnkes eigentliches 
Arbeitsfeld aber ist ein nüchterner kleiner Raum einige Treppen weiter 
oben. Dort befindet sich das Herzstück des Hauses, die Forschungsstelle 
für politische Ikonografie, die über die Methode das Werk des Gründers 
Aby Warburg (1866-1929) fortsetzt.

Es war nicht weniger als ein Bildgedächtnis der Menschheit, das Warburg 
zu erforschen und zu sammeln begonnen hatte. "Er hat kosmologisch 
gedacht, wir beschränken uns auf die politische Ikonografie", sagt 
Warnke. Dennoch umfasst der Bildindex, der im Warburg-Haus 
zusammengetragen wurde, schon etwa 400 000 Karten - ein reicher Fundus, 
der kaum im öffentlichen Bewusstsein ist. "So sind Archive eben: Sie 
warten, bis jemand kommt, den es interessiert", sagt Warnke lakonisch. 
Der Index, eine Art Gliederung der Sammelgebiete, ist auf der Homepage 
www.warburg-haus.de einsehbar, 10 000 Bilder sind bereits 
digitalisiert, und an einem Bilderhandbuch wird gearbeitet.

Die Grundidee der Ikonografie fasst Warnke kurz zusammen: "Das Denken 
funktioniert im Wesentlichen über Bilder. Wenn etwas mitgeteilt werden 
soll, muss es sinnliche Zeichen dafür geben." Einher mit der 
unmittelbaren Überzeugungskraft, der Anschaulichkeit im wahrsten Sinne 
des Wortes, geht die Möglichkeit der subtilen Beeinflussung. "Bilder 
können Vorstellungen, Vorurteile, ideologische Einflüsse und 
Wirkungsabsichten enthalten, die nicht ohne Weiteres verbalisierbar 
sind, aber wirksam werden. Überdies gibt es das, was die Werbung 
soziale Erinnerung genannt hat: soziale Formeln, die sich im 
kollektiven Bewusstsein festsetzen und abgerufen werden."

Hier setzt die politische Ikonografie ein, die wirkungsmächtige 
Bildmotive bis hinein in die heutige Zeitungslandschaft verfolgt. "In 
unserem Bildindex ist auch einiges vom Abendblatt", sagt Warnke.

Insbesondere die Selbstdarstellung von Herrschaft ist Gegenstand der 
Untersuchung. Der Herrscher als römischer Gott, als Künstlergenie, als 
Musiker - allesamt Motive, die einen Imagegewinn versprechen und sich 
über lange Zeiträume bis in unsere Zeit nachweisen lassen. So taucht 
George W. Bush in einer Karikatur als Jupiter auf, Hitler wurde zum 
genialen Maler stilisiert, Bill Clinton spielte öffentlich Saxofon.

Doch die Aufklärungsarbeit der Kunsthistoriker kann der Flut der Bilder 
nicht mehr folgen. Kino, Fernsehen und Internet sind praktisch nicht 
mehr erfassbar. Deshalb fordert Warnke: "Wir müssen uns, wenn wir 
relevant bleiben wollen, mit den wichtigsten visuellen Medien der 
Gegenwart beschäftigen. Es fehlt an der Analyse der visuellen 
Strategien, die dort inszeniert werden."

erschienen am 13. Februar 2007 



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