[echo] Tabubruch

Bahari Ndogo bahari1 at gmx.de
Wed Feb 14 18:13:43 CET 2007


Spiegel online, 14.2.07

BRISANTER BERLINALE-BEITRAG

Lerchen im Keller 

Von Wolfgang Höbel und Alexander Smoltczyk

Der brisanteste Beitrag der 57. Filmfestspiele kommt von den italienischen
Cineasten-Legenden Paolo und Vittorio Taviani: In "Das Haus der Lerchen"
schildern sie den türkischen Genozid an den Armeniern.

Es ist ein Film voller eindringlicher Bilder, vielsagender Gesten: Da ist
ein türkischer Soldat, der steht ein wenig unbeholfen neben dem so
herrschaftlich gedeckten Mittagstisch. Er nimmt die Suppenschüssel
vorsichtig in die Hände, hebt sie an, hält kurz inne und - gießt die Suppe
langsam über das Damasttischtuch.

Der Schrecken beginnt mit Kleinigkeiten. Das Unvorstellbare stellt sich sehr
höflich vor. 

So beginnen Völkermorde. Mit umgestürzten Suppenschüsseln, mit plötzlich
nicht wiederzuerkennenden Vertrauten, mit dem letzten, dem allerletzten
Gedanken kurz vor dem Hieb: nein, das kann nicht sein.

Die italienischen Regisseure Paolo und Vittorio Taviani, beide inzwischen
weit in den Siebzigern, zeigen auf der Berlinale mit "Das Haus der Lerchen"
den wichtigsten, den aufwühlendsten Beitrag zur Erinnerungskultur. Er
betrifft den Völkermord der Türken an den Armeniern - und läuft außer
Konkurrenz. Aber man wird von ihm sprechen, noch weit hinten in der Türkei.
Besonders dort. 

Bereits in ihren früheren Meisterwerken "Padre Padrone" (1977) und "Die
Nacht von San Lorenzo" (1982) hatten die Gebrüder Taviani vorgeführt, was
Unterdrückung und politische Gewalt mit Menschen anstellen - und der Wunsch
nach Auflehnung gegen ein unbarmherziges Schicksal. Konnte "Die Nacht von
San Lorenzo", eine Episode aus dem Widerstandskampf der Resistenza gegen die
faschistische Miliz, den Irrsinn der Gewalt noch mit absurder Komik
durchsetzen, so ist "Das Haus der Lerchen" ein tiefschwarzes Melodram.


Tabu am Bosporus 

Noch immer ist der Völkermord an den Armeniern tabu am Bosporus. Und noch
immer möchten türkische Regierungsvertreter, dass es so auch außerhalb der
Türkei sein möge. Vergangene Woche noch sah der türkische Außenminister
Abdullah Gül die Beziehungen seines Landes zu den Vereinigten Staaten
ernsthaft gefährdet. Der Grund: eine Resolution des US-Kongresses, in der
der Völkermord der Türken von 1915 verurteilt wird. "Wenn diese Resolution
verabschiedet wird", so drohte Gül den an einer strategischen Partnerschaft
interessierten Vertretern der Bush-Regierung, "warum sollten wir uns
weiterhin gegenseitig unterstützen?"

Knapp hundert Jahre nach dem Verbrechen hat der türkische Schriftsteller und
Nobelpreisträger Orhan Pamuk es mutig angesprochen - und war prompt von
nationalistischen Ultras vor Gericht gezerrt worden. Nach dem Mord an dem
armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink floh Pamuk verängstigt ins
Ausland. 

Nun wird es erneut rumoren, denn ausgerechnet in Berlin - Wohnort für rund
250.000 Türken - wird ein Filmschocker zum Thema welturaufgeführt. Der
Verleih ist nervös. Man fürchtet Tumulte, die Festivalleitung hat
zusätzliche Sicherheitskräfte eingesetzt.

Hier, im politischen Inferno, entspinnt sich eine mit Moritz Bleibtreu und
Paz Vega glänzend besetzte tragische Liebesgeschichte. "Es ist kein Film
gegen die Türkei, im Gegenteil", sagen sie, zu Recht. Aber im Recht waren
auch die Redakteure, die in Dänemark die bekannten Karikaturen
veröffentlicht haben. "Das Haus der Lerchen" könnte zum politischen Skandal
dieser Berlinale werden.


Mischung aus Gehorsam und Feigheit

Das Drehbuch basiert auf dem Roman der heute in Padua lebenden
Literaturprofessorin Antonia Arslan, der auf die Geschichte ihrer Familie
zurückgeht. In einer Provinzstadt lebt die armenische Bürgersfamilie Avakian
in Ansehen und der Hoffnung, es werde schon nicht so schlimm kommen. Der
Film beginnt privatissime, in Vermeerschem Licht, mit langen Kleidern und
schönen Gesichtern. Der Patriarch der Familie ist gestorben, sogar der
türkische Colonel Arkan (André Dussollier) verneigt sich vor dem Toten.

Doch dann kommt der Befehl aus Istanbul, und auch Arkan gehorcht. In wenigen
Sequenzen wird jene Mischung aus Gehorsam und Feigheit gezeigt, aus
Selbstnutz und Niedertracht, die ethnische "Säuberungen" und Pogrome immer
wieder möglich macht.

Die Männer und Jungen werden gemartert, kastriert, zerstückelt, die Frauen
auf einen Hungermarsch in die Wüste Ostanatoliens geschickt. Der Hausbettler
Nazim (gespielt vom palästinensischen Filmemacher Mohammed Bakri) verrät
seine Herrschaft, bereut es und versucht, wenigstens den Frauen beizustehen.

Der türkische Soldat Youssuf (Moritz Bleibtreu) ist vom Stolz der
überlebenden Tochter Nunik (Paz Vega) angezogen und verliebt sich in sie.
Beim Fluchtversuch opfert Nunik sich, damit ihre Nichten entkommen können.
Wieder kommt der Befehl: "Erst das Feuer, dann der Kopf." Um Nunik den
Scheiterhaufen zu ersparen, enthauptet Youssuf sie selbst.


Unfassbare Grausamkeiten

Die hervorragenden Schauspieler - und die pure Unfassbarkeit des Geschehens
- verhindern jede Rührseligkeit, trotz des vielen Theaterbluts und der
Kostüme. 

Den Tavianis sind Bilder gelungen, die gesehen zu haben der Zuschauer
bereuen wird, weil sie ihn noch lange verfolgen werden. Das ist die Leistung
und der Fluch des Films.

Er ist unerträglich. Es gibt Zeugenaussagen, wonach Soldaten es armenischen
Müttern freistellten, ihre neugeborenen Jungen selbst umzubringen. Es gibt
Aussagen, wonach Frauen ihr Baby in einen Rucksack legen und sich mit einer
anderen Frau Rücken an Rücken stellen mussten, die Arme gegenseitig
eingehakt, und ... - auch wenn es geschehen ist, will man es nicht
schreiben. Nicht wissen. Nicht sehen.

Vittorio Taviani sagt dazu: "Das Ermorden von Unschuldigen ist seit den
Griechen, seit Shakespeare Teil der Theatergeschichte. Wir haben vor drei
Jahren, fast zufällig, die armenische Tragödie entdeckt, durch das Buch von
Antonia Arslan. Wir wollten sie mit unseren Mitteln erzählen."


Ideale fünfte Kolonne

Die Kanadierin Arsinée Khanjian ist selbst armenischer Herkunft und hat
einen Teil ihrer Familie verloren. In der Rolle der Armineh Avakian bekommt
sie den abgesäbelten Kopf ihres Mannes in den Schoß geworfen: "Sie wollte
unbedingt in unserem Film mitspielen. Es war eine Art Verpflichtung ihren
ermordeten Urgroßeltern gegenüber. Wir versprachen ihr, diese Sequenz nur
einmal und ohne Probe zu drehen", sagt Paolo Taviani. "Sie hätte laut
Drehbuch schreien sollen. Aber es kam nur ein ersticktes Schweigen heraus.
Wir haben es so gelassen."

Die Armenier waren Christen, oft gebildet und wohlhabend. Das machte sie zur
idealen fünften Kolonne, als das Osmanische Reich Russland angriff, das
Kriegsglück jedoch ausblieb.

In der offiziellen Lesart Ankaras hätten die Armenier während des Krieges
umgesiedelt werden müssen, wobei Seuchen und kurdische Stämme ihre Opfer
gefunden hätten. 

"Eine Million Armenier wurden ermordet. Kaum jemand wagt es, dies
auszusprechen", sagte der spätere Nobelpreisträger Orhan Pamuk und wurde
sofort Opfer nationalistischer Hetze. Die Verfolgung und Ermordung der
armenischen Minderheit ist ein Gründungstrauma der Türkei.

Politische Bedenken gegen das brisante Projekt

Denn es waren die national gestimmten Offiziere, die "Jungtürken", die
damals Befehlsgewalt hatten. Den Völkermord als solchen anzuerkennen, hieße
einzugestehen, dass die geistigen Wegbereiter der modernen Türkei Männer
waren, denen heute jedes Den Haager Tribunal mühelos Kriegsverbrechen
nachweisen könnte. 

Die allermeisten der damals angeklagten Offiziere kamen jedoch nach dem
Krieg bald wieder frei.

Seit 70 Jahren plant das Hollywood-Studio Metro-Goldwyn-Mayer, das
Armenier-Epos "Die vierzig Tage des Musa Dagh" von Franz Werfel zu
verfilmen. Immer hat es politische Bedenken gegeben. Die Ostflanke der Nato
bei Laune zu halten war wichtiger, als einer ohnehin stark dezimierten
Minderheit Gerechtigkeit zukommen zu lassen.

Noch heute vermeidet die EU das Wort "Völkermord", um die
Beitrittsverhandlungen mit der Türkei nicht zu belasten.

Der Film ist eine italienisch-französischbulgarisch-spanische Co-Produktion.
Im europäischen Filmfonds Eurimage hatte der Delegierte der Türkei versucht,
das Taviani-Projekt zu verhindern.

Diesmal vergebens. 




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