[echo] Neben der Spur
cornelia sollfrank
cornelia at snafu.de
Sat Feb 17 19:32:43 CET 2007
taz, 17.02.2006
Neben der Spur
Ein sensibles Sicheinlassen: Am Mittwoch hat im 3001 ein
außergewöhnlicher Dokumentarfilm über die Jugendlichen aus dem Kinder-
und Jugendheim "Putenhof" im Wendland Premiere
Früh am morgen, draußen ist es noch dunkel. Ein Schild vor einem
Bauernhofgelände ist zu sehen: "Putenhof". Drinnen frühstücken
Jugendliche. Zuvor waren sie beim Versorgen von Schweinen, Pferden und
anderen Hoftieren zu sehen. "Über ein Jahr habe ich beobachtet, wie die
Jugendlichen hier leben", ist eine eindringliche Stimme aus dem Off zu
hören, die Worte sind sorgsam gewählt. Karl-Heinz Dellwo, Regisseur und
Kameramann von "Neben der Spur", spricht seinen Kommentar selbst: "Hier
sind wie in anderen Heimen Jugendliche, die unterschiedlich in ihrer
Kindheits- und Jugendentwicklung gestört wurden. Und doch trägt jeder
sein Potenzial mit sich, verzerrt, verschlossen, oftmals missachtet und
niedergedrückt. Es dabei zu belassen, wäre nur der Akt eines
gesellschaftlichen Verrats, der jeden Einzelnen einschließt."
Klar, ruhig und prägnant sind auch die Bilder des Filmes, der es nicht
nötig hat, mit dem Verzicht auf Stativ und längere Totalen
Authentizität und Nähe vorzugaukeln. Wenn die Jugendlichen in
Nahaufnahme interviewt werden, wird ihnen Zeit gelassen, Worte zu
finden: "Ich bin hier, weil ich gern was mit den Pferden mache",
erklärt Yvonne auf die Frage, was ihr am Putenhof gefällt. Gero
erzählt, wie er sich gegenüber dem Jugendamt dafür entschieden hat, auf
dem Putenhof leben zu wollen, nachdem er sich alles einen Tag
angeschaut hatte. "Atem holen können von der verinnerlichten
Ausweglosigkeit", kommentiert Dellwo das Leben auf dem Putenhof.
Eine besondere Rolle spielt für die Jugendlichen die Versorgung der
Hoftiere. Sie erfahren unmittelbar die Bedürfnisse der Tiere,
entwickeln daraus Verantwortungsgefühl und Kompetenzen. Sie bauen
gemeinsam mit einem Berufsschul-Lehrer einen Stall für die Pferde und
erfahren durch die praktische Arbeit den Sinn der
Konstruktionsberechnungen in der Lüchower Berufsfachschule.
Eine besondere Intensität erreicht der Film beim Dokumentieren eines
Workcamps eines Teils der Putenhof-Jugendlichen auf dem Gelände des
ehemaligen KZ Theresienstadt. Seit 16 Jahren fahren einmal im Jahr
Freiwillige vom Putenhof für mehrere Wochen nach Terezín und
konfrontieren sich dort unmittelbar mit dem deutschen
Nationalsozialismus. Alle Gebäude sind dort noch erhalten - die
Erschießungsmauer, die Baracken für 400 Häftlinge, die Unterkünfte der
SS. "Wenn ich hier die Gräber sehe, es sind so viele", erklärt ein
Junge sichtlich bewegt: "Nächstes Jahr komme ich wieder und kann sehen,
wie die Rosen blühen, die wir auf den Gräbern pflanzen." Ein Mädchen
schildert, wie Häftlinge in einen Graben getrieben und gezwungen
wurden, auf Leben und Tod miteinander zu kämpfen. Kommentar von Dellwo:
Der Film zeigt, "wie Jugendliche, die gesellschaftlich fast als
chancenlos festgelegt sind, mit einfühlender Intensität auf diesen Ort
reagieren und selber von der Hoffnung geprägt sind, nicht untergehen zu
müssen."
Durch die unmittelbar geäußerte Empathie mit den Opfern im KZ wirken
die Bilder, die zeigen, wie die Jugendlichen in der Nähe des KZ feiern
und Fußball spielen, dabei selbstverständlich und keineswegs als
Gegensatz. Die emotionale und körperliche Schwere ihrer
Gedenkstättenarbeit braucht einen Ausgleich. Und der gehört bei diesem
Film, der den ganzen Alltag dokumentieren soll, dazu.
"Kein Jugendlicher ist einfach. Diese hier besonders nicht. Nur - was
sollte ihr Fehler sein, wo sie zuallererst nur das Unglück hatten, mit
schlechten Karten in der Hand geboren zu werden?", fragt Dellwo aus dem
Off. Ihm ist ein sensibles Sicheinlassen auf die Jugendlichen und ihre
Betreuer gelungen. Vielleicht hat ihm geholfen, dass er selbst harte
Erfahrungen mit gesellschaftlicher Ausgrenzung gemacht hat. 1973 wurde
er bei einer Hausbesetzung in der Hamburger Ekhofstraße verhaftet, mit
23 ging er in die Rote Armee Fraktion (RAF), besetzte mit einem
bewaffneten Kommando die Botschaft der BRD in Schweden. Die Besetzung
endete in einem Blutbad, Dellwo musste für 20 Jahre ins Gefängnis,
unter verschärften Haftbedingungen.
"Neben der Spur" ist nun der dritte Film seiner Produktionsfirma
Bellastoria. "Die Jugendlichen kommen in ihrer eigenen Sprache zu Wort
- das hat mir gut gefallen. Und der Film hat starke, wunderbare
Bilder," erklärt Jens Meyer vom 3001-Kino gegenüber der taz. Dellwo hat
Meyer den Film schon im Rohschnitt gezeigt. "Den Film haben wir ins
Programm genommen, weil er uns gefällt. Wir suchen uns ja eh nur die
Filme aus, die uns gefallen", sagt Betreiber Jens Meyer über das
Konzept des 3001. Und hofft auf viel Publikum - auch zur Premiere von
"Neben der Spur". GASTON KIRSCHE
Mi, 21. 2., 19 Uhr, 3001, Schanzenstraße 75 (im Hof); Infos zum Film:
www.bellastoria.de
taz Nord vom 17.2.2007, S. 31, 156 Z. (Kommentar), GASTON KIRSCHE
More information about the echo
mailing list