[echo] Gruselwort Schönheit
cornelia sollfrank
cornelia at snafu.de
Sun Feb 18 12:57:11 CET 2007
taz, 17.02.2007
Gruselwort Schönheit
Bilderreise zu den Sehnsuchtsorten: In der Kestnergesellschaft Hannover
gibt sich Wolfgang Tillmans teils sinnlich, teils offen politisch. Er
ist immer noch der wandelbarste der deutschen Fotografie-Stars
VON TIM ACKERMANN
"Schönheit!", sagt Wolfgang Tillmans, "Schönheit ist ja wohl so was von
relativ!" Aber wieso, bitte? Seine Lilie in der Plastikflasche war doch
nun wirklich schön. Oder die Schläfer am Strand. Oder der pinkelnde
Punk. Der poetischste aller zeitgenössischen Fotografie-Stars sollte am
besten wissen, was schön ist. Doch "Schönheit" ist für Tillmans ein
Gruselwort: "Der Schönheitsbegriff ist eben ein sehr politischer", sagt
er. "Was schön ist, ist gesellschaftlich akzeptabel."
Dass seine Arbeiten gesellschaftlich akzeptiert sind, würde Tillmans
abstreiten. Angesichts der politischen Lage von Texas bis Teheran. Die
aufgeklärtere Kunstwelt jedoch hat den in London lebenden Deutschen
fest in ihre Arme geschlossen: Turner Prize im Jahr 2000, große
Einzelschauen in Hamburg (2001) und London (2003). Momentan touren
seine Arbeiten durch die USA. Doch der gebürtige Remscheider zieht
seine Fotos in verschiedenen Formaten ab und hat immer noch genügend
Material, um die erste institutionelle Einzelausstellung in Deutschland
seit fünf Jahren einzurichten. Voilà: Die Kestnergesellschaft in
Hannover zeigt "Bali".
Bali - auch so ein Sehnsuchtsort. Die Sehnsucht gehörte stets zur
Rezeption von Tillmans' Fotografien. Das Fernweh nach fremden
Gefühlsgestaden; der Wunsch, aus Konventionen auszubrechen. Der
Künstler gibt zu, Identifikationsbilder gemacht zu haben. Mit Lutz und
Alex beim Klettern im Baum. Der Blick aus dem Flugzeug, wenn sich
Himmel und Wolken verbinden. Die schwitzenden Körper beim hemmungslosen
Rave. Tillmans traf den Nerv einer Generation zwischen hedonistischer
Feierwut und Teenage-Angst. Heute gilt er als Chronist der 90er-Jahre.
Doch war er auch ein Rattenfänger. Er lockte mit der sehr erträglichen
Leichtigkeit des Seins. Verweigerung als Lebensentwurf.
Das ist jetzt 15 Jahre her. In der aktuellen Ausstellung in Hannover
fällt zuerst die ungewohnte Präsentation ins Auge. Früher verstreute
der Künstler seine Fotos in unregelmäßigen Clustern auf den Wänden.
Heute hängt er brav in Reihe. Ein wohl notwendiger visueller
Kontrapunkt zur Tischinstallation "Truth Study Centre", die in
überbordender Materialfülle durch die Ausstellung mäandert.
Viele neue Motive sind zu sehen. Ein aktueller "paper drop", eine jener
makellosen Aufnahmen von übergeschlagenem Fotopapier, hängt neben zwei
aufreizend beiläufig fotografierten Interieurs. An anderer Stelle stößt
man auf ein grandioses Porträt von Richard Hamilton. Tillmans hat den
Vater der Pop-Art ganz entmystifizierend als alten Mann im braunen
Mantel abgelichtet. Dazu stellt der Fotograf überraschend auch
dreidimensionale Objekte aus: eine Riesenschachtel "Milka Millennium
Edition", die Jubiläumstasse zum Einhundertsten der Queen Mum oder
einen Gong aus Gold. Objekte, die aussehen wie Treibgut eines bekifften
Shoppingnachmittags bei Harrod's.
Der Plunder ist Teil des "Truth Study Centre", einer Installation, die
zum ersten Mal in Deutschland präsentiert wird. Auf den Tischen liegen
Exponate zu harten Themen: Aids, Rechtsradikalismus, die
Diskriminierung homosexueller Menschen. Das Material mischt der
Künstler bei jeder Ausstellung neu, zu spannenden, überraschenden,
mitunter auch witzigen Assoziationsketten. Gezeigt werden Tillmans'
eigene Fotos, gefundene Bilder, Texte aus Büchern und vor allem:
Zeitungsartikel. Nicht immer war der Künstler so medienbegeistert.
Seine Fotoarbeit für Magazine wie i-D oder Spex sei damals ein
gezielter Gegendiskurs gewesen, sagt er. "Ich habe mich in den
80er-Jahren in den Medien nicht repräsentiert gefühlt." Heute ist seine
aufgeklärte Meinung durchaus Leitartikel-kompatibel, wie das "Truth
Study Centre" zeigt.
Tatsächlich präsentiert die Installation auch Tillmans' emotionalen
Zwiespalt. Natürlich muss der 38-Jährige politisch korrekt das
Prozesshafte jeglicher "Wahrheitssuche" betonen. Und doch hat er häufig
Standpunkte, die für ihn eher "nicht relativierbar" sind. Beispiel
"Islamismus": Auf dem Tisch ein abgerissener Aufkleber. "Islamische
Werte gegen westliche Werte" - als Überschrift. Darunter stehen,
abwertend gemeint, die "westlichen Werte": "Homosexualität, Alkohol,
Glücksspiel." Man mustert den Sticker ungläubig, wie einen seltenen
brasilianischen Schmetterling. Dass es so was gibt! "In London ist das
Realität", sagt Tillmans. "Das sind Islamofaschisten. Dagegen sind die
deutschen Islamisten Waisenknaben."
Direkter, härter ist Tillmans in dieser Arbeit geworden. Verloren ist
die spielerische Unbekümmertheit früherer Werke. Warum gerade jetzt der
Schritt zur offen politischen Kunst? "Eigentlich ist das Interesse
kontinuierlich da gewesen", erzählt Tillmans. Bestimmte Zeitungsartikel
sammle er schon seit den frühen 90er-Jahren. Im Grunde drehe es sich
beim "Truth Study Centre" genau darum. Dass man in jedem Moment solche
Forschungen anstellen kann. "Man muss einfach dranbleiben", sagt er.
Zumindest so lange, bis ein schwuler Kuss weltweit als schön gilt. Das
sei so ein Lackmustest.
Und sollte bei der Forschung im Wahrheitslabyrinth doch mal Erschöpfung
drohen, wirkt ein Blick auf die Wände belebend. Hier erscheint sie noch
mal in betörender Leichtigkeit, die Tillmans'sche Fotografie. Zum
Beispiel bei "paper drop (rainbow)", wenn das in leichter Unschärfe
aufgenommene Fotopapier dem Auge eine ephemere Räumlichkeit vorgaukelt.
"Ich habe eine fetischistische Nähe zu Fotopapier", erklärt Tillmans
seine Materialwahl. "Das sind unmittelbar sinnliche Objekte. Obwohl:
,Sinnlich' ist jetzt auch wieder so ein Gruselwort." Er hält inne,
denkt nach. "Ach nee, die sind schon so: sinnlich!"
Bis 6. Mai, Kestnergesellschaft Hannover, Katalog 49,80 €
taz vom 17.2.2007, S. 20, 198 Z. (Kommentar), TIM ACKERMANN
More information about the echo
mailing list