[echo] zum Neuen Jahr

cornelia sollfrank cornelia at snafu.de
Mon Jan 1 17:09:54 CET 2007


liebe ECHO-abonnenten,
liebe freunde und freundinnen,
liebe kollegen und kolleginnen,

zum beginn des neuen jahres möchte ich euch alles gute wünschen für 
2007 und euch für eure treue danken.
unsere liste gibt es nun seit mai 2003 und sie hat zur zeit 470 
abonnenten und abonnentinnen (tendenz steigend), und ich denke sie ist 
für viele ein unverzichtbarer teil des Hamburger kunstlebens geworden – 
auch dank eurer beiträge!

die liste hat sich entwickelt aus ersten adress-verteilern, die 1999 
und 2000 angelegt wurden im rahmen kulturpolitischer aktivitäten um kpo 
(kunstpolitische opposition) und kiki (künstlerinitiative künstlerische 
intelligenz) und ist seitdem kontinuierlich gewachsen.

all die jahre habe ich diese liste – und auch noch andere, die dazu 
kamen für spezielle projekte – aus eigenen mitteln finanziert und, wie 
so schön heisst, ehrenamtlich betrieben. dies hat sich vor kurzem 
geändert, da die ECHO-listen nun teil des projektes THE THING Hamburg 
sind. das bedeutet, dass die technische infrastruktur sowie einige 
stunden wartung und moderation monatlich über THE THING honoriert 
werden.

ein grund diesen weg zu gehen, ist mein wunsch, die listen von meiner 
person unabhängier betreiben zu können. da ich plane, im herbst hamburg 
zu verlassen, sollte es danach auch möglich sein, den betrieb wie 
gewohnt aufrecht zu erhalten.

ich wünsche euch nochmal alles gute für das neue jahr, neben gesundheit 
und zufriedenheit ist unter künstlerInnen der erfolg ein wichtiges 
thema, deshalb habe ich einen kleinen text ausgesucht, der euch dabei 
helfen soll, diesem ein klein wenig näher zu kommen.

best, cornelia


Über die Kunst der Verstellung und Schmeichelei

Über diese Kunst informiert kaum einer ausführlicher und anschaulicher 
als Lord Chesterfield in seinen Briefen an seinen Sohn Philip Stanhope. 
Im Druck erschienen die „Letters ... to his Son“ 1774 - ein Jahr nach 
dem Tod des Vaters, der seinen nicht sonderlich lebenstüchtigen Sohn um 
fünf Jahre überlebte.

Lord Chesterfield, der große Staatsmann und Diplomat, hatte einen 
Herzenswunsch: Er wollte seinen unehelichen Abkömmling erfolgreich 
sehen, und damit er dieses Ziel erreichte, musste er seinem etwas plump 
wirkenden Sprössling die richtigen Manieren beibringen. Kurzum , Philip 
sollte „Schliff“ erhalten, sollte die Tournure eines ‚wahren’ Homme de 
Cour erlangen. Die Briefe, die der Vater seinem Sohn ab dem Jahre 1737 
schrieb, sind durchgängig von dieser guten Absicht diktiert.
Man muss mit Textproben aufwarten, will man eine Ahnung vermitteln von 
dem pädagogischen Eros, von den Erziehungsvorstellungen des unermüdlich 
räsonierenden Vaters. Über dessen erzieherischen Prämissen geben die 
sogen. „Grundsätze des Lord Chesterfield“ Auskunft. Da heißt es unter 
anderem: Ein junger Mensch, sein Verdienst sei, so groß es will, kann 
niemals sich selbst in die Höhe helfen, sondern er muss sich, wie Efeu 
um die Eiche, um irgendeinen großen Mann von Macht und Ansehen 
schlingen.“ ( 10 )
Man könnte sagen, die vielen Ratschläge, die dieser bedeutende Mann 
seinem Sohn mit auf den Lebensweg gab, seien samt und sonders 
praxistaugliche Ableitungen aus dieser einen Erkenntnis. In einer 
Epistel aus dem Jahre 1749 (19.Dezember) belehrt er den jungen Mann 
folgendermaßen: Es gibt (schreibt er) zu jedem Menschen viele Zugänge. 
Kannst du nicht durch den großen, geraden an ihn herankommen, so 
versuch’ es durch die sich krumm herumschlängelnden; so wirst du 
zuletzt deine Absicht erreichen.“ ( 11 )
Vier Jahre später, 1753, sieht sich Vater Chesterfield veranlaßt, seine 
metaphorischen Umschreibungen durch präzise Handlungsanweisungen zu 
ersetzen. Philip ist im Begriff, zu einer Bildungsreise nach 
Deutschland aufzubrechen. Drei kurfürstliche Höfe stehen auf seinem 
Reiseprogramm: Bonn, München und Mannheim. Der Vater erteilt seinem 
Sohn letzte Instruktionen (Brief vom 3.10.1753): Mindestens an einem 
der drei Orte solle sich Philip länger aufhalten; andernfalls würde er 
mit den Menschen nirgends vertraut werden.

Beim Knüpfen von  Kontakten solle man sich möglichst intelligent 
anzustellen: ... du musst dich willig, begierig, ungeduldig zeigen, 
Verbindungen errichten, musst dich nach anderen bequemen, musst etwas 
Anziehendes, ein Verlangen zu gefallen, in dein Bezeigen bringen.
Deutlicher werdend, als misstraue er der Wirkung seiner Worte, fügt er 
pointiert hinzu:
Was du bloß billigst, bei dessen Lob sei verschwenderisch! Du musst 
aber auch DAS loben lernen, was du NICHT billigst, sofern es DORT 
gebilligt wird.
Der Schreiber hält kurz inne. Der Einspruch seines Sohnes scheint ihm 
in den Ohren zu klingen. Versöhnlich, weniger kategorisch im Ton, nimmt 
er einen neuen Anlauf, um etwaige Bedenken des Brief-Adressaten zu 
zerstreuen:
Nun weiß ich wohl, du hältst nichts vom Loben; das kommt daher, dass du 
noch nicht weißt, wie sehr die Leute durch scheinbare Gutheißung ihrer 
eignen Meinungen, Vorurteile und Schwachheiten, selbst in den 
geringfügigsten Dingen, eingenommen werden.“
Es folgt nun einer jener aphoristischen Zusätze, die charakteristisch 
sind für Lord Chesterfield und die erkennen lassen, wie sehr das der 
‚amour-propre’ (der Selbstliebe) verpflichtete Menschenbild 
LaRochefoucaulds auch sein eigenes ist:
Unsere Selbstliebe - führt er aus - wird gekränkt, wenn wir glauben, 
unsre Ansichten, selbst unser Geschmack, unsre Gebräuche, unsre 
Kleidung würden getadelt oder verurteilt. Durch Beifall dagegen wird 
ihr sehr geschmeichelt. ( 12 )
Gesellschaftlich korrektes Verhalten, so ist daraus zu schließen, 
gründet sich auf die Bereitschaft zu Anpassung und Zustimmung. Mit 
diesem Resumé wäre Lord Chesterfield vermutlich sehr einverstanden. In  
einem früheren Brief schreibt er:

„Der WELTMANN, so veranschaulicht er dort seine Theorie, müsse wie das 
CHAMÄLEON imstande sein, JEDE verschiedene Farbe anzunehmen ... ( 13 )

In den bereits erwähnten „Grundsätzen“ spielt Chesterfield, ohne seine 
Quelle zu verraten, auf eine Maxime LaRochefoucaulds an. Der Moralist 
nennt dort Schmeichelei „fausse monnaie“: Falschgeld, dessen Kurswert 
ausschließlich von unserer Eitelkeit (vanité ) bestimmt werde.( 14 )
Chesterfield greift auf die Formulierung LaRochefoucaulds zurück, aber 
er korrigiert sie, indem er dekretiert:

Schmeichelei sei in dem Maße, wie man sich an sie gewöhnt habe, 
kurrente Münze geworden. Hatte noch der Moralist, Schmeichelei als 
‚Falschgeld’ charakterisierend, das Element der Täuschung betont, so 
erkennt der Politiker, wenige Generationen später, in der Schmeichelei 
ein legitimes (Hilfs-)Mittel diplomatischen Verhaltens. Dass sie ein 
Werkzeug der Korruption sei, diesen Vorwurf braucht Schmeichelei nicht 
mehr zu fürchten: Längst hatte man deren Gebrauchswert schätzen 
gelernt.

Allerdings weist der Bedeutungswandel auf eine Veränderung der 
gesellschaftlichen Spielregeln hin, und dieser Umstand wird dem 
Briefschreiber nicht unbekannt gewesen sein. Chesterfield wertet das 
Legitimationsdefizit der Schmeichelei als eine zu vernachlässigende 
Größe; er konstatiert: Schmeichelei, obwohl eine schlechte Münze, ist 
gleichwohl bei Hofe das nötige Taschengeld und hat dort durch 
Gewohnheit und Einwilligung solchen Umlauf erhalten, dass sie nicht 
länger eine betrügerische, sondern gängige Zahlung ist. ( 15)
Hätte es einer Lizenz bedurft, um dem Zeitgeist zu huldigen: endlich 
wäre sie ausgestellt. Übrigens entspricht die radikale Neubewertung 
eines hinlänglich bekannten Sachverhalts in etwa jenem Vorgang, den 
Gadamer als „Rehabilitierung eines Vorurteils“ (16) bezeichnet.

Es ist die väterliche Absicht, dem Jüngeren den Weg zu ebnen, in der 
Erörterung aller nur denkbaren Alltagsprobleme. Wiederholt diskutiert 
der Earl of Chesterfield die zentrale Frage, wie man am Hofe gute Figur 
macht. Zu diesem Punkt äußert er sich besonders ausführlich in seinem 
Brief vom 14. Februar 1752: Wolle man Erfolg haben, so argumentiert er, 
müsse man sich zuallererst als liebenswürdiges Individuum präsentieren. 
Verdienst allein, heißt es einschränkend, sei nicht das einzige 
Kriterium persönlicher Wertschätzung. Subjektive Faktoren, wie z.B. 
Aussehen und Auftreten, prägten entscheidend den Eindruck, den unsere 
Person in der Öffentlichkeit hervorrufe. Demgemäß wird dem Filius 
empfohlen, sich „für den Hof“ mit einer angemessenen „Kleidung“ 
auszustatten; erst die würde ihm die Aussicht eröffnen, freundlich 
aufgenommen zu werden. Die bildhafte Vokabel „Kleidung“ wird wie folgt 
konkretisiert: Diese Kleidung besteht aus einem offnen Gesicht, einer 
Ehrerbietung erzeugenden Miene, zierlicher Höflichkeit, ungezwungenem, 
einnehmendem Betragen, allgemeiner Aufmerksamkeit, einschmeichelnder 
Sanftmut und aus all dem ‚ich weiß nicht was’, aus dem die Grazien ( 
„the Graces“ ) gebildet sind ... ( 17 )

...

Auszug aus dem Manuskript zu
"Lauter schöne Worte – Die Lange Nacht der Schmeicheleien",
Autor:	Bernd Wegener
Deutschlandradio Kultur, 04.03.2006






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