[echo] "Idylle" - Faszinierend langweilig

cornelia sollfrank cornelia at snafu.de
Thu Jan 4 12:41:03 CET 2007


Frankfurter Rundschau, 4.1.2007

"Idylle" in der Sammlung Falckenberg
Faszinierend langweilig
VON FRANK KEIL
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Mit Sekundenkleber fixiert oder unter Drogen gesetzt? Man wei? es 
nicht. Und kann also lange dar?ber spekulieren, warum die Katze den 
dicht bei ihr sitzenden Vogel nicht frisst - oder warum dieser nicht 
einfach wegfliegt. Cat & bird in peace hei?t die Arbeit von David 
Claerbout; ein Videoprotokoll von gerade einmal knappen sieben Minuten, 
doch kommen die einem wie eine halbe Stunde vor, mindestens. Ja, so 
eine Idylle des Friedens, der Eintracht und R?cksicht kann auf Dauer in 
ihrer Ereignislosigkeit doch sehr gleichf?rmig, um nicht zu sagen: 
faszinierend langweilig sein.

Womit man schon mitten im Thema ist: "Idylle - Traum und Trugschluss" 
lautet der Titel der aktuellen Ausstellung der Sammlung Falckenberg / 
Ph?nix Kulturstiftung, die im einstigen Arbeiterstadtteil 
Hamburg-Harburg angesiedelt ist. Knapp ein Drittel der mehr als 200 
Exponate der Ausstellung stammt aus der Sammlung Harald Falckenbergs, 
die ?berwiegende Mehrheit wurde weltweit zusammengeliehen, und schon 
das verweist auf eine gr?ndliche Besch?ftigung mit dem Thema. Dabei 
haben es die beiden Kuratoren Martje Schulz und Oliver Zybok klug 
vermieden, eine steile These aufzustellen: von der ?berraschenden 
R?ckkehr oder auch dem endg?ltigen Verschwinden der Idylle in der 
aktuellen Kunst beispielsweise. Vielmehr sp?ren sie in ihrer Auswahl 
und in der lockeren Art der Pr?sentation geduldig den durchaus 
widerspr?chlichen Str?ngen nach, in denen sich die erhabenen Momente, 
aber auch die Br?che und Haken des Idyllischen und Anti-Idyllischen in 
der zeitgen?ssischen Kunst von Franz Ackermann ?ber Daniel Roth hin zu 
Wolfgang Tilmans bildlich ?u?ern.

Orte des Zusammenpralls von Idyllikund ungebremster sozialer Realit?t

W?hrend Tom Hunter in seinen Fotoarbeiten Details aus dem Leben von 
Bauwagenbewohnern in fast altmeisterlich anmutende Stillleben bannt, 
bereitet in Peter Lands Film The Lake ein J?ger seinem Dasein in der 
alleridyllischsten Natur ein Ende - und verschmilzt zugleich mit ihr. 
?berhaupt merkt man gerade jenen Arbeiten, die sich kritisch zu jeder 
idyllischen Zustandserwartung ?u?ern, an, dass in ihnen der Wunsch nach 
einem wenigstens vor?bergehend guten Ende schlummert. Wer zweifelt, der 
glaubt. Und wer glaubt, wei? es bald besser.

Noch etwas anderes macht diese Ausstellung bemerkenswert: Wer sie 
verl?sst, um mit der S-Bahn zur?ck Richtung Hamburger Innenstadt und 
vielleicht weiter nach Altona zu zuckeln, wird sp?ren, wie nachhaltig 
und empfindsam anders er die an ihm vorbei ziehenden Stadtelemente im 
Sinne urbaner Idyllen und damit leibhaftiger Sehnsuchtsorte nun 
wahrnimmt: Die sich zwischen Bahngleisen duckenden 
Schrebergartensiedlungen, die an der Elbe liegenden Brachfl?chen, die 
unbeirrt tristen Plattenbauten, die pl?tzlich in den Himmel ragenden 
Glasbauten und von Altbauten regierten Szeneviertel - sind das nicht 
alles Orte des Zusammenpralls von tr?umerischer Idyllik und 
ungebremster sozialer Realit?t?

Alles M?glichkeiten auch des Spekulierens, wie es einem an anderen 
Orten anders ergehen k?nnte: Denn was br?chte die Besch?ftigung mit dem 
Idyllischen, lie?e sie sich nicht in Phantasien vom eigenen Wohlergehen 
abwandeln, und sei es, dass man sich im Abgleich mit Anderem freut, 
dass es f?r einen so ist, wie es ist?

Ganz nebenbei ist man damit auf der H?he der Zeit, soll doch der 
Harburg nachfolgende und als sozial schwierig geltende Stadtteil 
Wilhelmsburg, den der Hamburger derzeit noch nicht wirklich zu Hamburg 
z?hlt, in den kommenden Jahren dank millionenschwerer Investitionen in 
eine Art globale gro?st?dtische Idylle verwandelt werden. Mit 
authentisch-einfachem Leben dank exquisitem Wohnen direkt am Wasser, 
mit Blick auf die Skyline der Hansestadt, plus viel Gr?n drumherum; ein 
wenig 19. Jahrhundert, aber eben hochmodern. Ob das was wird? Ob das am 
Ende lockt oder eher schreckt? So oder so - die K?nstler k?nnen sich 
schon mal auf den Weg machen.

Sammlung Falckenberg / Phoenix Kulturstiftung, Hamburg-Harburg: bis 22. 
April. Besichtigung nach Voranmeldung unter 040/32506762. Der Katalog 
erscheint im
Fr?hjahr bei Hatje Cantz.



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