[echo] Lutz Krüger: screening THE HOLE STORY
Trottoir
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Sun Jan 14 15:19:56 CET 2007
Testosteron und Verzweiflung
Lutz Krüger: screening THE HOLE STORY
Sonntags, 14.01., 21.01, 28.01, 04.02. von 14 - 17 Uhr
Die Schute liegt im Veringkanal in Hamburg-Wilhelmsburg
Zugang über den Hof der Honigfabrik
Industriestraße 125, 21107 Hamburg
The depths have covered them; they sank into the bottom as a stone.
(Händel, Israel in Egypt)
Ich wollte immer ein Junge sein.
Da ist es mir wieder eingefallen. 5 Männer in gelbem Ölzeug, ein
Langer, ein Schwerer, ein Schneller, ein Langsamer, ein Opfer. Sie
tauschen die Rollen auch. Sie sind sowieso meist derartig ineinander
verknäult, dass sich keine Individuen mehr ausmachen lassen.
Das geht sehr eng, Hand über Hand, an Rücken an Bein an Gummistiefel
des Anderen, an Südwester-Schulter, an Brust und Knie, und
Sprunggelenk. Kopf über, Kopf unter.
Das Schiff holt über, in Seenot, fünf im Schiffsbauch, ein Leck, ein
Loch, THE HOLE STORY heißt der Film von Lutz Krüger. Ja, es gibt schon
einen Film gleichen Namens, aber darüber schreibe ich nicht, dies ist
weder appropriation art, noch Landschaftskunst dennoch wurde dieses
Ereignis Produziert in und für die Schute der Galerie für
Landschaftskunst.
Herzzerreißend sentimental, brachial komisch, großartig, kindisch, ein
Traum von Solidarität gefasst in internationale Seefahrtsromantik.
Halb Aufstand, halb Arbeiterwohlfahrt. Ganz Untergang.
Sie kämpfen und liegen mit rosigen Wangen Tod, kein Wind mehr zu hören,
das Schiff gesunken – glucksend schaukelt die Kamera durch gelbes Meer.
Noch mal: Zur Musik von Grizzly Bear und Steve Reich taumelt die Crew
zwischen Ballet und Breakdance, 180 Puls, Windstärke 11 in Böen 12, ach
was, Böen, unsinn, Orkan mit Gewitter, das legen die Zwischenpassagen
des Films nah, die es nur deshalb gibt, weil Lutz Krüger auch noch
etwas sagen wollte. In flackernden Untertiteln heißt es also: soon dead
/ dead? / dead? / a hole / dead? / dead / all dead?
Man kann nun festhalten, dass Worte im Sturm gesprochen, das Auge der
Verblödung, den Gipfel der Hirnverbranntheit vorstellen, wie Reden
meistens, nur deutlicher in der Wirkungslosigkeit. Das erzeugt für
diesen Film ein amüsiert befremdetes Abrücken von pathetischen
Gewitterszenen mit Kommentar und im Gegenzug die unbedingte
Anteilnahme, für die unter Deck sprachlos herumschleudernden Seeleute.
Deren choreographierte Überwältigung würde ohne die Gewitterszenen
wahrscheinlich eher sportlich taxiert, wie Sturm im Wasserglas, aber in
der Kombination stehen nun alle Zeichen auf Testosteron und
Verzweiflung. Nicht gerade dialektisch, eher homöopathisch in dem man
Gleiches mit Gleichem bekämpft nur in anderer Potenz. Sehr schlau.
Der längliche Laderaum der Schute ist mit der Leinwand halbiert, der
Film den man sieht, spielt genau in dem Teil des Schiffs, der von der
Leinwand versperrt ist. Die Bohlen auf denen man steht, ist der Boden
auf den die Mannschaft stürzt. Immer wieder.
Die Entscheidung die Schute als Ausstellungsort im schlammigen
Veringkanal sinken zu lassen, ist folgerichtig, eine Meuterei wieder
Willen, und hat außer einer provokativen Ansage weitere Implikationen
die hineinreichen in Bereiche der mutwilligen Beschädigung des
Handlungsspielraums den man als Künstler hat, sowie in leckgeschlagene
Subventionspolitik. Das Ganze also, eine narzisstische Beschäftigung
mit dem berechtigten Zweifel (bei gleichzeitiger Hingabe) an so
genanntes Teambuilding: Kein Freund ist nah genug, um mit ihm, als
bloßes Material, nicht ein Loch zu stopfen, wenn es der eigene Vorteil
gebietet.
(Nora Sdun)
Öffnungszeiten:
Sonntags, 14.01., 21.01, 28.01, 04.02. von 14 - 17 Uhr
Die Schute liegt im Veringkanal in Hamburg-Wilhelmsburg
Zugang über den Hof der Honigfabrik
Industriestraße 125, 21107 Hamburg
CREDITS:
lutz krüger *the hole story* (farbe / 4 min. / 2007)
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kamera: sören buchheim
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