[echo] Wie die Mode die Idee der Kunst stahl

cornelia sollfrank cornelia at snafu.de
Mon Jan 15 11:37:36 CET 2007


taz, 15.01.2007

Rivalität der Schillernden
Wie die Mode die Idee der Kunst stahl: Alicia Drake erzählt in ihrem 
Buch "The Beautiful Fall", wie es dazu kam, dass Yves Saint Laurent in 
den 70er-Jahren Picasso vom Thron stieß

von ISABELLE GRAW

Dieses Buch sorgt für Aufregung: von Karl Lagerfeld in der Zeit als 
"Schundliteratur" verunglimpft, wurde es zugleich von der 
angloamerikanischen Presse dafür gerühmt, mit wertvollem Gossip 
aufzuwarten und nützliche Einblicke in die Kulissen der Pariser 
Modeszene der 60er- und 70er-Jahre zu geben. Beides stimmt. Ohne Frage 
ist "The Beautiful Fall" von Alicia Drake eine Fundgrube. Man merkt dem 
Buch aber auch an, dass die Autorin regelmäßig für die britische Vogue 
schreibt. So unterhaltsam die Lektüre auch sein mag, tendiert es leider 
dazu, jede Aussage der befragten Interviewpartner/innen mit 
unumstößlichen Fakten gleichzusetzen.

Dass Augenzeugenberichte nicht unbedingt für bare Münze zu nehmen sind, 
dass jede Ex-Muse, jeder Ex-Mitarbeiter eines Couture-Hauses und jeder 
Ex-Clubbesitzer sein/ihr eigenes Süppchen am Kochen hat, bleibt 
ausgeblendet. Zugute halten muss man Alicia Drake allerdings, dass sie 
all diese Leute persönlich aufgesucht und auf diese Weise deren 
Bedeutung für die spezifische Gestimmtheit kultureller Produktion 
gewürdigt hat. Sie macht auch klar, dass es das Nachtleben war, in dem 
die zentralen Schlachten um Stilvormacht und modischen Vorsprung der 
70er-Jahre ausgetragen wurden. In Paris waren es Yves Saint Laurent und 
Karl Lagerfeld, die hier mit ihrer jeweiligen Entourage gegeneinander 
antraten.

Die Muse als Produzentin

Besonders hoch anzurechnen ist Drake, dass sie den Models und Musen - 
Betty Catroux, Victoire, Loulou de la Falaise - Gerechtigkeit 
widerfahren lässt. Speziell Saint Laurent sei auf Loulou de la Falaise 
geradezu existenziell angewiesen gewesen. Sie war modische Vorreiterin 
und lebte ihm jenen exzentrisch-freizügig-mondänen Lebensstil vor, den 
er genau studierte und umzusetzen wusste. Musen waren anders 
ausgedrückt Produzent/innen jener Körper, jenes Looks und jenes 
Lebensgefühls, die ein erfolgreicher Designer in den 60ern und 70ern zu 
evozieren in der Lage sein musste.

Wer an einer Kulturgeschichte der Mode interessiert ist, kommt in 
diesem Buch ebenso auf seine Kosten wie eingeschworene Fans von 
Lagerfeld oder Saint Laurent. Letztere werden mit tonnenweise 
biografischen Informationen sowie Mythen und Mythenkorrekturen 
versorgt. Von Yves Saint Laurent wird zum Beispiel die anrührende 
Geschichte erzählt, dass er schon als kleiner Junge, in Nordafrika 
(Orlan) lebend, seinen Schwestern nachts Zettel unter die Türe 
geschoben habe, wo er sie als privilegierte Gäste seiner Modenschau 
einlud. Einmal abgesehen von der in einer solchen Kindheitsanekdote 
natürlich mitschwingenden retrospektiven Verklärung, die uns Saint 
Laurent als frühkindliches Genie zu präsentieren sucht, könnte man mit 
Verweis auf diese Geschichte auch den Mythos von Saint Laurents 
ausgeprägtem Gegenwartsbezug widerlegen. Denn schon damals musste er 
seine Lebensbedingungen verkennen, um sie um so besser gestalten zu 
können.

Gleichwohl stehen seine berühmten Kollektionen der späten 60er- und 
70er-Jahre bis heute in dem Ruf, als Erste die Aufbruchstimmung der 
sozialen Bewegungen, inklusive sexueller Befreiung und 
Emanzipationsbegehren der Frauen, in die Sprache der Mode übersetzt zu 
haben. Speziell seine bahnbrechende Kollektion des Jahres 1968 wurde 
mit der Studentenrevolte in Verbindung gebracht, so als habe Saint 
Laurent Seite an Seite mit den Studierenden auf den Barrikaden gekämpft 
- ein Eindruck, den er durch Solidaritätsadressen zu untermauern 
suchte. Drake weist jedoch darauf hin, dass er den Sommer 1968 
keineswegs auf den Straßen von Paris, sondern am Pool liegend in seinem 
Haus in Marokko verbracht habe. Von dort aus habe er jene Entwürfe 
gezeichnet, die den Geist der sozialen Bewegungen scheinbar unmittelbar 
in sich trugen.

Herkunftsmythen

Auch für Karl Lagerfeld wird der Beweis angetreten, dass es sich bei 
seinen Selbstauskünften zu seinem familiären Hintergrund stets um 
Herkunftsmythen handelt, von denen bezeichnenderweise gleich mehrere 
Versionen zirkulieren. Man hat die Wahl zwischen unterschiedlichen 
Geburtsdaten, und Drake plädiert für das von ihr für wahrscheinlich 
gehaltene: 1933. Wenn Lagerfeld in seinen gerne zum Besten gegebenen 
Kindheitserinnerungen stets Hauspersonal oder ein herrschaftliches 
Anwesen heraufbeschwört, lässt dies auf großbürgerliche Verhältnisse 
schließen. Sein Bemühen, sich als Sohn aus reichem Hause zu 
präsentieren, wird von Drake jedoch mit ihren Recherchen vor Ort 
konfrontiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg sei seine Familie in ein 
kleines Haus nach Bad Bramstedt - einem wenig glamouröses Städtchen vor 
den Toren Hamburgs - gezogen. Mögen diese Korrekturen seines 
Selbstbildes nun zutreffen oder nicht - entscheidend ist, dass sie von 
ihm als so bedeutsam erachtet werden, dass er Drake "100 
Ungenauigkeiten" vorwirft.

Karl Lagerfelds Klage gegen Drake beweist einmal mehr, dass 
Modedesigner heute nicht allein auf ihre Entwürfe zählen können. Sie 
müssen sich selbst und ihre Lebensgeschichte möglichst schillernd und 
glamourös inszenieren, und Lagerfeld ist darin bekanntlich ein Meister. 
Wenn ihm nun jemand wie Drake diese Arbeit an der Legende buchstäblich 
aus der Hand nimmt, um seiner eigenen Legendenbildung eine andere 
entgegenzusetzen, dann kann dies tatsächlich geschäftsschädigend sein. 
Seine Entscheidung, Drake auf Schadensersatz zu verklagen, erscheint 
aus dieser Sicht nachvollziehbar. Andererseits könnte er sich auch 
souverän zurücklehnen. Denn er kommt in diesem Buch alles andere als 
schlecht weg. Während Saint Laurent eher dem altmodischen Bild des von 
Depressionen heimgesuchten, gequälten Künstlers entspricht, der 
allerdings über einen genialen Manager namens Pierre Bergé verfügte, 
wird Lagerfeld als eine Art "postexpressiver" Künstler dargestellt, der 
sich in die Welt seiner unterschiedlichen Auftraggeber einzudenken 
vermochte und zudem grundsätzlich dafür Sorge trug, dass sich seine 
Kollektionen auch gut verkauften.

Lagerfeld hat die Bedingungen, die ihm der Markt diktierte, so 
illusionslos betrachtet, wie es ihm zuweilen gelang, diese Bedingungen 
zu gestalten und neu auszuhandeln. Er war beispielsweise der erste 
Designer, der die kommerzielle wie imagemäßige Bedeutung des 
Accessoires erkannte. Entsprechend wird heute der modische Auftritt 
daran bemessen, ob auch eine der "It-Bags" der Saison mit im Spiel ist. 
Bereits in den 80er-Jahren präsentierte Lagerfeld Entwürfe, bei denen 
es weniger auf die Kleider denn auf Handtaschen und vor allem jene für 
Chanel typischen langen Perlenketten ankam.

Die Achse der Rivalität

Drake zufolge war es die Achse der Rivalität zwischen Lagerfeld und 
Saint Laurent, die die Pariser Modeszene der 70er-Jahre in zwei Lager 
teilte - inklusive gelegentlichen Überlappungen. Ursprünglich 
miteinander befreundet, traten sie in ein Konkurrenzverhältnis 
zueinander, das angeblich in einem Liebesdrama kulminierte. Das Objekt 
des Begehrens soll Jacques de Bascher gewesen sein - ein im Jahre 1989 
an Aids verstorbener Dandy und Lebemann mit feinen Zügen, der zuerst 
mit Lagerfeld befreundet war, um ihm dann kurzzeitig von Yves Saint 
Laurent ausgespannt zu werden.

In der Figur "Jacques de Bascher" verdichten sich die Begehrensströme 
der damaligen Modeszene: Aristokratieversessenheit, eine Vorliebe für 
opulente Inszenierungen und Drogenexzesse sowie der Kult um als 
geschmackssicher geltende Personen, die nicht im herkömmlichen Sinne 
produktiv sind, aber deren Leben gleichsam zur Arbeit geht. Bascher 
führte originelle Outfits vor, verwandelte seine Wohnungen in radikale 
Schaufenster und richtete bis heute unvergessene thematische Feste aus. 
Die kulturwissenschaftliche Erforschung dieses auch in der Kunstwelt 
vertretenen Typus würde sich meines Erachtens schon insofern lohnen, 
weil sich in ihm jenes biopolitische Anforderungsprofil abzeichnet, das 
heute allgegenwärtig ist. Seine Produktion ist eine von 
Erscheinungsbildern, Stimmungen und Affekten.

Auch Yves Saint Laurent arbeitete dem biopolitischen Imperativ zu, da 
er seinen nackten Körper schon früh in die Waagschale warf, und zwar 
anlässlich der Lancierung seines ersten Herrenparfums "YSL". Man hat es 
hier mit einem frühen Beispiel für den heute selbstverständlich 
gewordenen Zusammenfall von Produkt, Name und Körper des Produzenten zu 
tun. Für das Werbefoto ließ er sich nackt, in nachdenklicher Pose, 
fotografieren.

Auch die personellen Überschneidungen zwischen Mode-und Kunstwelt, die 
ja in letzter Zeit extrem ausgeprägt waren, hat es damals punktuell 
schon gegeben. Bevor er sich der Lancierung von Saint Laurent als 
Künstler verschrieb, hatte der bereits erwähnte Pierre Bergé die 
Karriere des französischen Nachkriegsmalers Bernard Buffet 
vorangetrieben. Buffet ist ein frühes Beispiel für das heute 
omnipräsente Modell des "Celebrity Artist", wobei Warhol Buffet 
bezeichnenderweise einmal zu seinem Lieblingskünstler in Frankreich 
erklärte. Nur sank Buffets Stern im Kunstbetrieb und mit ihm sollte die 
bildende Kunst in Paris endgültig ihre Vormachtstellung verlieren.

Vormacht der Mode

Es war die Mode, die an die Spitze der kulturellen Hierarchie getreten 
war, was der ohnehin schwindenden Autorität der "École de Paris" den 
letzten Stoß versetzte. Für diesen Ablöseprozess symptomatisch ist 
Drake zufolge, dass es nicht Picasso, sondern seine Tochter Paloma 
Picasso war, deren berühmtes Porträt von Helmut Newton den Zeitgeist 
verkörperte. Auch sie hatte ein Parfum lanciert und spielte die Rolle 
der allseits hofierten Celebrity.

Sowohl für das ausgeprägte Begehren der Mode, sich der Kunst 
anzunähern, als auch für die Verwandlung lokaler Szenen in 
Kulturindustrien hat diese Formation also die Folie geliefert. Von 
Drake ausgehend könnte man die 70er-Jahre als eine Art Übergangszeit 
charakterisieren. Denn einerseits war es den Designern damals noch 
möglich, relativ unbehelligt von den ökonomischen Auflagen globaler 
Unternehmen zu arbeiten, andererseits kündigte sich die heutige 
"Corporate Culture" - etwa die Bedeutung der Marke - damals bereits an. 
Speziell Lagerfeld habe es besonders gut verstanden, den der Mode 
immanenten und vom Designer zunehmend geforderten Opportunismus für 
sich produktiv zu machen. Er begriff auch frühzeitig, dass im Zuge der 
Celebrity Culture nicht das vormals Leistung Genannte, sondern 
Bekanntheit zählt.

Die größte Schwäche von "The Beautiful Fall" ist am Ende darin zu 
sehen, dass dieses Buch seine Geschichte als Verfallsgeschichte 
erzählt, wie der lyrische Titel bereits vermuten lässt. Zwar sei 
unbestritten, dass zahlreiche der AkteurInnen, die ihr Leben in den 
70er-Jahren in Pariser Clubs wie "Le Sept" und später "Le Palace" mit 
Drogenexzessen verausgabten, dies mit ihrem Leben bezahlen mussten. Nur 
heißt dies meines Erachtens noch lange nicht, dass eine bestimmte 
glorreiche Zeit nun an ihr Ende gekommen ist. Auch unter den 
Bedingungen der derzeit vielgeschmähten Eventkultur lassen sich 
individuelle Freiräume aushandeln, vorausgesetzt, man hat die Macht 
dazu.

Als Beispiel wäre Lagerfelds Kollektion für H&M zu nennen, für die es 
ihm schließlich gelang, dem Konzern einige Bedingungen - etwa die 
Vermeidung der üblichen Billigmaterialien - zu diktieren. Angesichts 
einer ökonomischen Ratio jedoch, die Umsatz zum einzigen Kriterium 
erhebt, sind solche Spielräume, zumal für junge Designer, inzwischen 
tatsächlich eng bemessen. Kein Wunder, dass sich das Modepersonal 
derzeit so sehr für die bildende Kunst zu begeistern vermag, auf die 
ein Autonomieversprechen projiziert wird, das die marktbedingte 
Fremdbestimmtheit künstlerischer Produktion vollständig ignoriert. Der 
Markt ist der Kunst keineswegs äußerlich, nur hat man es hier im 
Vergleich zur Mode mit anderen Gesetzmäßigkeiten zu tun, die als 
weniger übermächtig empfunden werden können. Es wäre nicht das erste 
Mal, dass uns die Mode auch in dieser Beziehung die Augen öffnet, um 
der Kunst ihre wahren Bedingungen vorzuführen.

Alicia Drake: "The Beautiful Fall:
Fashion, Genius and Glorious Excess in 1970s Paris", Bloomsbury 
Publishing 2006, 448 Seiten, 20 £

taz vom 15.1.2007, S. 15-16, 407 Z. (Kommentar), ISABELLE GRAW




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